BACK AGAIN: GOTHIC / WAVE / DARK-WAVE

XANDRIA – Ravenheart (D 24.05.2004)

(Drakkar) 

Nach einer ausgefallenen und schönen Vorstellung der neuen Scheibe von Xandria im belgischen Studio des Wolfsheim Produzenten José Alvarez Brill konnte so manche Gothic-Kritiker ein erstes Mal den Klängen von Lisa und Co. lauschen und gespannt erwarten, ob sich die junge und dynamische Band nach ihrem Debüt „Kill the sun“ bewähren würden.

Und deutlich merkt man, dass sie mit ihrem zweiten Silberling „Ravenheart“ einen deutlich akzentuierteren Tonfall anschlagen, als dies noch bei ihrem Debütalbum „Kill the sun“ der Fall war.

Obwohl das Gothic Stilelement noch immer einen schweren Anteil in der Musik von Xandria hat, lassen sich auf dem Longplayer dennoch eine Reihe neuer Einflüsse und Ideen aus den zwölf Songs des Albums heraushören. Fast entsteht der Eindruck, dass die Band versucht hat, sich aus dem weiten Brei des Gothic Rocks zu befreien um neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, doch Gitarrist und Bandgründer Marco erklärt: „Es gab keinen übergeordneten Plan, nach dem wir- oder nach dem Lisa und ich als Songwriter- vorgegangen sind. Die Songs sind nach und nach entstanden, jeder für sich, und erst später kristallisierte sich eine Richtung heraus, nämlich die, dass es eigentlich keine wirkliche Richtung gab. Es gibt sicherlich mehr Bombast und Orchester auf dem Album, es gibt mehr Metal, allerdings häufig in der modernen amerikanischen Färbung. Letzteres hat seine Grundlage in einem Jahr intensiver Live Erfahrungen; da schreibt man automatisch neue Songs mehr so, dass sie live ordentlich Druck machen. Generell ist dies ein  Album geworden, auf welchem wir unsere Vorlieben, unsere stilistische Bandbreite noch viel mehr ausgelebt haben als auf ‚Kill the sun’, so dass eigentlich ein Sound der Gegensätze entstanden ist: mehr Pop und Metal, mehr Bombast und Stille, mehr Rock und Elektronik, mehr Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit und so weiter. Auch in textlicher Hinsicht haben sich Lisa und Marco bemüht, nicht auf der Stelle zu treten, sondern  ein wenig in – für die Band – neue Richtungen zu gehen, wie Marco erzählt: „Ja, auch in dem Bereich haben wir versucht mehr Abwechslung hinzubekommen. Die Lyrics beinhalten eine große Vielfalt persönlicher Gedanken und Empfindungen von Lisa und mir. So geht es in mehreren Texten um das Zerbrechen unser beider Beziehung vor einem Jahr und wie wir beide wieder Freunde geworden sind, sogar beste Freunde – das siehst du am besten in den beiden Songs ‚Answer’ und ‚Back to the River’.  In anderen Stücken geht es um unsere Erfahrungen im Musikzirkus, die wir jetzt seit einem Jahr machen, die Beziehung zu Fans, zu Szenen, zum Business. Denn ein Jahr Musikbusiness und ein sprunghaft erweiterter Horizont an teilweise extremen persönlichen Erfahrungen hinterlässt natürlich auch Spuren, die nicht alles so leicht nehmen lassen. Auch hier gibt es eine Reihe sehr scharfer Gegensätze: Glanz und Lüge, Selbstzweifel und Freude, Liebe und Hass. All dies war neu für uns, und unsere Gedanken dazu finden sich in einigen Texten wieder, manchmal ironisch mit einem Augenzwinkern, manchmal kritisch und ernst, wie in ‚My Scarlet Name’, ‚Snowwhite’ und ‚Some like it cold’. Weitere Tracks reden von ganz anderen Dingen, Momente brennender Sehnsucht, wie in ‚Black Flame’, oder erzählen sehr märchenhafte Geschichten von Liebe und Unglück zum Beispiel ‚Ravenheart’ und ‚Eversleeping’.“

José bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Wolfsheim, hat sein übriges getan, die junge Band nach bestem Wissen und Gewissen zu unterstützen und Ideen zum Album beizusteuern. Deutlich hört man heraus, dass Xandria vermehrt mit sphärischen Sounds und bombastischen Effekten spielen, eine weitgefährte Reihe an Percussionsinstrumenten kommt zum Einsatz, eine Sitar erklingt hier oder da, und in ihrem Titelsong erschallt ein waschechter Chor. „Das fußte auf eine Reihe persönlicher Vorlieben. Ein großer Einfluss auf ‚Ravenheart’ waren die vielen alten Lieblingsfilme, die ich mir in der sehr intensiven Phase des Songwritings zur Entspannung mal wieder angeschaut hatte. Natürlich ist ‚Der Herr der Ringe’nicht spurlos an mir vorbei gegangen, und hat uns Appetit auf Bombast gemacht! Musik ist unsere Spielwiese, auf der wir alles ausprobieren, was uns gerade fasziniert oder Freude macht. Von daher legen wir nicht den Wert darauf, musikalisch in Szene-Grenzen zu bleiben, dass wäre doch sehr einschränkend!“ (maximilian nitzschke)


XANDRIA – Kill the sun (05.05.2003)

(Drakkar Records/BMG)


(Lisa von Xandria und Maximilian Nitzschke(mni)
auf dem Wave – Gothic – Treffen 2003)
 

Eigentlich war ich ja gekommen, um ein Tanzwut Konzert der neuen CD „Ihr wolltet Spass“ zu erleben, als ich mit einer der wohl interessantesten Neuentdeckungen der letzten 4 Monate als Vorband konfrontiert wurde, die sich als „Xandria“ vorstellten.

Wie aus dem nichts erschallt der melancholische Gesang von Frontfrau Lisa, mit einer solchen Gewaltigkeit, dass Vergleiche mit „Nightwish“ oder „Lacuna Coil“ keinesfalls unangebracht sind. Zart und zerbrechlich zum einen und gefährlich erotisch zum anderen – eine femme fatalé auf der Bühne des Gothic – Metals.

Nun klingt Bielefeld vielleicht nicht gerade wie die Stadt, in der man eine musikalische Karriere starten würde, und doch genau hier beginnt die Geschichte der Goths. „In Bielefeld ist sonst echt nicht viel los, außer das dort massenhaft Pudding hergestellt wird, und man förmlich in der Puddingmetropole versinken könnte,“ lacht Lisa, die Frontsängerin von Xandria beim Gedanken an ihre Heimatstadt. Und doch reifte eines Tages vor etwa zwei Jahren im Gitarristen und Keyboarder Marco die Idee zu einer Band, die textlich im Gothic Sektor anzusiedeln ist. Vom Album „White Honey“ der Band „Tiamat“ angeregt, suchte er nach einer ausdrucksstarken Stimme und fand sie in in der jungen Lisa. „Tja und von da an nahm die Idee zu Xandria immer konkretere Züge an, erste Texte und Überlegungen für weitere Musikerkollegen wurden getroffen,“ erinnert sich Marco. So kamen Philip als Gitarrist, Roland als Bassist und Drummer Gerit mit ins Boot.  

„Die Zeit bis zum Erscheinen des Debütalbum im Mai diesen Jahres war so eine Phase der Orientierung. Wo soll Xandria hingehen, wo legen wir das musikalische Augenmerk drauf, was soll wie klingen. Viele der Texte, die man jetzt auch hören kann, entstanden und immer mehr nahm die Idee einige Tapes professionell im Studio einzuspielen Gestalt an,“ meint Marco. So war Xandria vom November 2002 bis in den Februar diesen Jahres ohne Unterbrechung im Studio um ihr Debütalbum „Kill the sun“ einzuspielen.

Die Gesangsaufnahmen fanden bei DRP – also Dirk Riegner Production statt, die Instrumente wurden im Principal Studio aufgenommen und schließlich im Horus Studio alles zusammengemischt und mit dem nötigen Feinschliff versehen.

Man wird auf „Kill the sun“ vergeblich nach bombastischen Soundeffekten, dreschenden Gitarrenriffs oder krachigen Beats suchen. Viel eher sind es gerade die sanft und mit viel Bedacht gesetzten, zarten, zuweilen sehr unterschiedlichen, aber stets markanten Arrangments, die das Album so hörenswert machen.

Die Stimme von Lisa ist der Dreh- und Angelpunkt, mal wird sie herausgehoben, ein anderes mal unterstrichen.

Was Frontfrau Lisa an stimmlichem Potenzial zu bieten hat ist gewaltig und in dem sie aus diesem schöpft, macht sie es möglich, dass sie immer wieder aufs neue in jedem Song versucht einen eigenständigen Klang zu kreieren, in den sie nach Belieben ihre eigene Emotionalität hineinlegen kann. Facettenreich und eindringlich gesungen spielt sie mit ihrer eigenen Gefühlslage, verleiht dem Song damit eine zutiefst authentische Wirkung, die mal märchenhaft, mal zutiefst in sich versunken, aber stets wunderschön ertönt. Zuweilen zerbrechlich, aber mit einer unbändigen Kraft entführt sie uns in die Welt von Xandria. „Unsere Texte sprechen alle zehn die Gefährlichkeit der Frau an. Es steckt ebensoviel versteckte Erotik wie ein Hang zur Melancholie in den Songs. Sie sind nicht linear und leicht zu durchschauen, sondern zeigen Brüche, Kanten oder zwei Gesichter der Menschen auf.  Gerade das macht sie so spannend finde ich.  Liebeslieder kann man ja auch so oder so singen, und wenn wir unsere Lieder mit solchen Themen singen, kommt dabei halt eher eine melancholische oder sogar warnende Botschaft heraus. Frauen haben entweder die Macht sehr weh zu tun und tiefe Wunden zu schlagen, oder aber durch Wärme und Güte solche wieder zu heilen. Das drücken viele unserer Songs eigentlich aus, und ich versuch diese Gefühle stimmlich umzusetzen. Mal zu umgarnen und einzuwickeln, um ein anderes Mal den Faden loszulassen und zu bluffen. Was mich persönlich auch sehr fasziniert sind Mythengestalten, etwa das Bild von Walküren oder heldenhaften Frauen, die femme fatalé der unterschiedlichen Zeiten,“ meint Lisa.

Was nun einzelne Botschaften innerhalb der Songs angeht, da fangen wir doch am besten mal mit ‚Casablanca’ an. „Jeder kennt sicherlich das klassische Bild von Humphrey Bogart, dieses ‚Schau mir in die Augen kleines’. Von dieser Schlußszene inspiriert kommt da das Thema der gefährlichen Frau ins Spiel,“ lächelt Lisa verführerisch. „At the temple of black gods I failed again for you – a chivalrous end for a man...“ (Casablanca) “Ein sehr persönlicher Song ist ‚forever yours’, denn den hab ich selbst extra für Marco geschrieben. Er ist nicht einfach nur eine Widmung, sondern tatsächlich direkt von mir auf ihn zugeschnitten,„ meint Lisa und stimmt kurz ein paar Zeilen an: “it’s my blood that bleeds from your wounds dearest you’re all that I need and when I kiss you your lips are the only food I need...“(forever yours)

„’Wisdom’, um noch einen zu nennen, beschäftigt sich mit dem Hass auf bestimmte Leute und warnt davor, sich diesem hinzugeben,“ergänzt Lisa. „in cold war years you were my fears but just to gain the power to reign satan’s blood in our veins…”(Wisdom)

Konsequent demonstrieren Xandria mit 10 Songs, dass sie nicht die klassische Gothic – Metal Schiene bedienen. Ihre Melodien klingen poppiger als in der Metal Szene so üblich und machen es schwieriger Xandria in eine Schublade packen zu wollen. Wer sich live von der Qualität dieser Newcomerband überzeugen möchte, der  kann das auf dem ‚M´era Luna’ Festival vom 9.und 10. August in Hildesheim tun, oder im Herbst dann auf der eigenen Tour von Xandria. Lisa lächelt und meint:„Nach den ganzen Festivals und der eigenen Tour geht’s für uns wieder ins Studio um euch mit neuem Material zu bereichern, also bis dann, hoffe man sieht sich!“

(mni)

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KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden