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WGT 2005
– Der Nachbericht

2. Tag - Samstag, der 14te
1. Kapitel : Der Schlachtplan
Es
ist gegen 8.30 Uhr früh, als der Wecker klingelt und mich daran erinnert das
ich ja in der früh die Manager von ASP und Zeraphine anrufen wollte, die
beide heute Abend die Parkbühne füllen werden. Eine halbe Stunde später
sitze ich recht verschlafen im Frühstücksraum zusammen mit den anderen, um
mich erst einmal mit Kaffee und Rührei einzudecken und für den
bevorstehenden Tag zu stärken. In dem gemütlich eingerichteten
Frühstückssaal um uns herum sitzen wirklich nur Gothics, was irgendwie auch
immer den Reiz ausmacht in diesen Tagen, denn während man ja doch
normalerweise in der Gesellschaft mit diesem Outfit eher auffällt, bist du
hier einer von vielen – Reiz und Fluch, denn wie schafft man es dann
überhaupt aufzufallen inmitten von 20000 die ähnlich aussehen?
Eben diese Frage beginnen wir dann auch gleich beim Frühstück zu
diskutieren, kommen jedoch nur zu dem Ergebnis, dass uns die noch aggresive
Stimmung der Menschen am gestrigen Freitag aufgefallen ist und sie ja mit
diesem Problem zu tun haben könnte. Das stimmt schon, oftmals ist die
Stimmung am Anfangstag noch deutlich aggresiver, was aber wohl zum einen an
einer möglicherweise sehr langen Autofahrt, eventuellen Staus, Stress bei
der Bändchenausgabe, Übermüdung oder schlicht der morbiden Athmosphäre der
Agra selbst liegen kann und nicht nur bei dem Problem des Auffallenwollens.
Ich geh davon aus, dass dafür der heutige Tag sicher entspannter wird –
Erfahrungswert!
Dann beginnen wir erstmal einen Schlachtplan zu entwerfen, so dass nun alle
mit Programm dasitzen. Nun ja, so wirklich die für uns fünf ultimativen
Bringer sind erst einmal Vormittag nicht dabei, vielmehr wird am Abend die
Parkbühne interessant mit ASP, Mortiis, Das Ich und Zeraphine. Somit
beschließen wir, den Vormittag mit einem Stadtbummel mit kleiner Führung von
mir zu beginnen, denn 3 von 5 kennen Leipzig noch nicht. Dies passt auch mir
recht gut, da ich noch zur Autogrammstunde der mexikanischen Band „Hocico“
bzw. der kalifornischen Band „Aesthetic Perfection“ wollte, um auch gleich
Interviewtermine mit beiden auszumachen.
2. Kapitel: Der Stadtrundgang
Die Stadt macht es ihrem Besucher leicht, denn egal ob das alte Leipzig oder
das neue, das kulturelle oder das akademische, im Großen und Ganzen findet
sich alles innerhalb des Rings.
Man kann, so wie wir auch, das Auto getrost stehen lassen, und stolpert mit
jedem Schritt über schöne architektonische Perlen, wie auch über unsagbar
häßliche DDR- Restbauten. Wir beginnen unsere Tour am Hauptbahnhof oder
besser gesagt dem „Einkaufsparadies mit Gleisanschluß“, denn zu nichts
anderem ist der Bahnhof in den letzten Jahren geworden.
Einstmals war er für Filmleute interessant weil er ein starkes
Nachkriegsambiente hatte, doch seit er 1997 als „Promenaden Hauptbahnhof“
wiedereröffnet wurde ist es damit nun wirklich vorbei. Er wurde zum
Dienstleistungszentrum, modern und als Einstieg zum Leipzig Besuch wahrlich
repräsentativ. Über die Nikolaistrasse betreten wir dann die Innenstadt und
stehen schließlich vor der Nikolaikirche, dem wohl größten Symbol für
Frieden und die Wende 1989. Friedensgebete, Lichterketten und
Demonstrationen gingen im Wendeherbst 89 von hier aus und machte sie als
Keimzelle der friedlichen Revolution weithin bekannt. Im inneren der Kirche
ist alles im schlichten weiß mit dorischen Säulen gehalten, so dass wir
Schwarzen hier drin schon deutlich auffallen. Aber niemand stört sich daran,
offenbar ist es selbstverständlich, dass die Festivalbesucher sich auch
Kirchen der Stadt ansehen stellt bei den Leipzigern keinen Gegensatz mehr
dar. Hatte man sich im letzten Jahr noch daran gestört, dass die Innenstadt
von der Farbe schwarz dominiert wurde, so bleiben viele der Pfingstpassanten
eher noch fasziniert stehen, um sich das toll gestaltete Kleid oder das
kunstvoll gemalte Styling anzusehen. In den vier Tagen lebt man tolerant
nebeneinander, auch wenn sicherlich nicht jeder versteht, was für Musik wir
da so hören, man sieht, dass es uns gefällt, wir trotz der Maskierung
Menschen sind. Durch die Grimmaische Strasse führt uns der Weg weiter zum
Augustusplatz, wo gerade das Gegenprogramm zum WGT startet auf 4 ha Fläche:
der Brandenburg – Tag, das Land Brandenburg stellt sich vor mit Musik,
Fressbuden und ganz am Rande etwas Folklore – alles sehr niveaulos und mehr
Antiwerbung als ein Aushängeschild! Ein paar Goths aus Potsdam, die ich
zufällig traf, schüttelten nur verweifelt ihren Kopf und das war noch das
höflichste was man tun konnte. Gut mit der Strassenbahntrasse in der Mitte
wirkt der Platz zwischen Gewand- und Opernhaus leider ein wenig zerissen
aber er ist und bleibt ein schönes Ensemble und wichtiger Knotenpunkt
Leipzigs. Am Tag
wirkt
das Gewandhaus eher nüchtern, erst am Abend wenn das Licht aus dem
verglasten Foyer strahlt, zeigt es seine wahre Pracht. Nichts destrotrotz
das Haus ist mit so bedeuteten Namen verbunden, wie etwa Felix Mendelsohn
Bartholdy, der hier Kapellmeister war, oder aber Kurt Masur. Als wir direkt
davor stehen, purzelt eine ganze Masse von jungen, anders schwarz Gewandeten
heraus. Fein zurecht gemacht, im Anzug mit Rose und Büchlein, wahlweise
Fotoapperat in der Hand stehen sie mit Mamma und Pappa fürs Erinnerungsfoto-
Jugendweihe („weltliche Konfirmation“), die etwas andere Pfingstparty. Von
hier schlenderten wir weiter bis zum Naschmarkt, dem gegenüber die „Mädlerpassage“
einlädt, „Auerbachs Keller“ zu besuchen. Der Naschmarkt selber ist ein sehr
heimeliges Plätzchen inmitten von Leipzig, wo man es sich im Schatten von
Lindenbäumen, eingerahmt von Altem Renaissancerathaus, Goethedenkmal und im
Rücken der Alten Börse einfach gemütlich machen kann, was wir auch erstmal
getan haben. Dem gegenüber die Mädlerpassage, nachempfunden der Galleria
Vittorio Emmanuelle in Mailand. Hier wurde zu Messezeiten Porzellan
verkauft. Heute birgt der Innenhof das wohl bekannteste Lokal der Stadt
„Auerbachs Keller“, aus dem laut Goethes „Faust“ der Mephisto mit Faust auf
einem Fass herausgeritten sein soll.
Schließlich war es für mich auch soweit zum Cinestar zu laufen, so dass ich
mich von den anderen verabschiedete, die sich auf den Weg zum heidnischen
Dorf machten, während ich mich zur Autogrammstunde von „Hocico“ begab.
3. Kapitel: Autogrammstunde „Hocico“ und „Aesthetic Perfection“
Im
Cinestar angekommen, einem sehr modernistisch wirkendem Glasbau mit Kino
drin, wundere ich mich zuerst darüber, dass hier so gar keine Beschilderung
zu den stattfindenden Veranstaltungen zum WGT zu finden sind. Stattdessen
Vorankündigungen zu „Star Wars III“ oder aktuellen Kinofilmen. Als ich mich
erkundigen will, schlägt mir die pure Unwissenheit entgegen, so dass ich im
Kino auf eigene Faust suchen gehe, bis mich ein Security darauf hinweist,
das dieser Bereich gesperrt sei. Na ja, immerhin hab ich so erfahren, wo ich
denn hin muss. Die Schlange ist klein, besser nicht existent. Ich wundere
mich schon ein wenig, denn bei einer Autogrammstunde der bekanntesten
mexikanischen EBM Band hätte ich wirklich mehr Fans erwartet.Doch dann
erklärt es sich mir, die Band die hier noch auf Fans wartet zum
unterschreiben ihrer Karten, sind die Jungs und Mädels der amerikanischen
Band „Voodoo Church“, die am Sonntag vor „Umbra et Imago“ in der Agra –
Halle spielen werden.
Auch wenn ich bis dato ihre Art der Musik noch nicht kenne, so versuche ich
doch gleich ein Interview auszumachen, denn das ist eine der Sachen die man
zum WGT lernt, die Chance zu ergreifen, wenn sie sich bietet! Das klappt
auch, auch wenn dann der Termin ihrerseits nicht eingehalten werden kann, na
ja auch das kommt vor. Als sie schließlich gehen, denk ich, dass man nun die
Presse wieder hinausbitten wird zum kurzen Umbau, um sie dann ihre Fotos
machen und Bandkontakte herstellen zu lassen, wie in den Jahren zuvor –
aber:
Die Kollegen und Ich werden deutlich gebeten, den Bereich jetzt zu verlassen
und sich dann hinten anzustellen – inmitten von 150-300 wartenden Fans, die
sich dort nun angesammelt hatten. Keiner kann diese Borniertheit fassen! Wir
versuchen nochmal, mit dem Security- Personal zu sprechen, was dennoch
erfolglos bleibt. Handys werden gezückt und auch ich bin drauf und dran, die
Presseabteilung zu informieren. Wenige reihen sich ein, der Großteil
allerdings geht entrüstet wieder, denn so wichtig kann dann selbst ein Foto
nicht sein! Ich versuche über die Absperrung hinweg mit Daniel Lang, dem
Sänger von „Aesthetic Perfection“, der zusammen mit „Hocico“ seine
Autogrammstunde bestreitet, Kontakt aufzunehmen für einen Interviewtermin -
was mit einigem Glück auch gelingt und für nach der Autogrammstunde
ausgemacht werden kann. Zu Hocico durchzukommen ist immer noch mit
Schwierigkeiten verbunden, wird man doch von den Festival Guards als nicht
wichtig betrachtet. Als schließlich bereits die nachfolgende Band „Sidharrta“
zur Autogrammstunde ankommt und ihre Promotionbegleiterin, eine langjährige
Freundin, auf mich zustürmt, um mich herzlich zu begrüßen, fallen dem
Obersten der Festival Guards mal schnell die Augen raus – tja ätsch wichtig
tun und die Leute zu kennen durch langjährige Arbeit sind zweierlei Paar
Stiefel!
Nach
der Autogrammstunde treff ich mich dann entsprechend mit Daniel Lang von „Aesthetic
Perfection“ zum Interview. Irgendwie passt ja dieser adrette und freundliche
junge Mann von 21 Jahren so gar nicht zu dem, was einem die Musik von
Aesthetic Perfection vermittelt. Denn diese ist aggressiv, sehr elektronisch
und mit deutlichem Zynismus versehen. Seit über 3 Jahren geisterte sein Name
schon in der Szene rum, aber eine Internetseite gab es bis dato nicht.
Dies ist zwar nun anders, aber über ihn selber erfährt man dann doch sehr
wenig! Mit „Close to human“ liefert er uns nun sein Debütalbum, dem es sich
schon sehr zu stellen lohnt. Mit einem ungewöhnlichen Intro, in dem uns
ironischerweise eine computer – generierte Roboterstimme fragt, was uns
eigentlich zum Menschen macht, beginnt diese Scheibe. Okay vielleicht etwas
pseudophilosophisch, aber man nimmt es dem intelligenten Gesprächspartner
Daniel ab.
Weit weniger Neues allerdings dann in den restlichen Songs, denn man nehme
ein wenig Hocico, God Module und so weiter und erhält den typischen harten
Sound mit verzerrter Cholerikerstimme. Songs wie „I belong to you“ oder
„Fix“ werden sich sicherlich gut auf der Tanzfläche machen, allerdings sind
es halt Coverversionen. Eigene Ideen kommen dann mit „Exakt“, „Relapse“ oder
„overcast“, wo er uns die ganz andere Seite des Projekts zeigt. Ruhig und
eher Richtung Ambient gehen diese Songs und laden nach getaner „Hör- Arbeit“
zum chillen ein. Also alles in allem ein recht gelungenes Album mit jedoch
wenig Eigenständigkeit in der Komposition von clubtauglichen Titeln.
4. Kapitel ASP und MORTIIS
Kaum das ich aus dem Cinestar draussen bin, bemerke ich, dass es in der
Zwischenzeit angefangen hat, auf das heftigste runterzugießen. Na super –
genau dann, wenn die besten Konzerte des Tages für mich auf der Open – Air
Parkbühne stattfinden...
Als ich dort ankomme, ist diese bereits ordentlich gefüllt, wobei aber der
Großteil der Leute versucht hat, Zuflucht vor dem Regen unter den
Schutzdächern zu finden und nur der harte Kern oder die, die keinen Platz
mehr hatten, sich in der Mitte tummeln. Es ist eiskalt und so versucht man
sich mit Sprechchören „und wir tanzen hier im Regen nur für ASP...“ zum
durchhalten anzufeuern. Die Innenfläche der Parkbühne ist ein Meer aus
Schirmen, die einem auch teilweise die Sicht auf die Bühne rauben.
Schließlich stürmen ASP die Bühne und beginnen ihre Show auch gleich mit
zwei Feuerfontänen, die wenigstens etwas Wärme in die Umgebung brachten.
„Habt ihr mich vermisst?“ ist die Eröffnungsfrage, um dann die Show mit
„Hast du mich vermisst?“ zu eröffnen, exakt den selben Worten, mit denen sie
2000 überraschend ihre Karriere starteten. Scheinbar beantworteten schon
damals viele für sich diese Frage mit „Ja“, denn ohne den Einsatz einer
gewaltigen Werbemaschine wurde der Erstling der geheimnisvollen Gruppe um
Sänger, Komponist und Texter ASP und seinen Freund Mathias Ambré zu einem
großen Erfolg. Ihre Musik könnte man wohl als eine Mischung aus dunklem Tekk
– Rock, verfüherischen Hooklines und der groß-, einzig- und unartigen Stimme
des Frontmanns und Namensgebers ASP bezeichnen. Denn ASP ist nicht etwa der
smarte Bub vom Nachbarhaus, sondern eher der weißgeschminkte Kahlköpfige mit
schwarz unterlaufenen Augen und der Axt hinterm Rücken. Leider regnet es
sich im Laufe des Konzertes immer mehr ein, aber das macht wohl auch einen
Teil des athmosphärischen Reizes dieses Konzertes aus. Immer wieder singt er
vorn an der Rampe, wo der Regen endlos herunterprasselt, um seinen Fans zu
zeigen- auch mir ist der Regen völlig egal. Neben den Klassikern wie „Und
wir tanzten“ und etwa „Kokon“ stellt die Band Stücke ihrer vorletzten Platte
„Weltunter“, wie etwa „She wore Shadows“, „Ich will brennen“ und „Hässlich
vor, bevor sie die brandneuen Songs ihres neuen Albums „Aus der Tiefe“
präsentieren, die Fans dankten es ihnen mit euphorischem Applaus.
Nach
einer kürzeren Umbaupause läßt man uns in den Pressegraben zu den ersten
drei Songs der norwegischen Goth-Rock Band „Mortiis“. Die Kollegen versuchen
krampfhaft, ihre teuren Geräte vor dem Regen zu schützen, aber nach und nach
entwickelt sich das eher zu einer Farce, viele Linsen haben Wasserflecken,
Geräte fallen aus...
Nachdem die Bühne in Nebel getaucht wurde, erscheint eine Gestalt auf der
Bühne, in zerfetzten Klamotten, mit Binden und der legendären aufgeklebten
Hakennase bzw. den spitzen Ohren – Mortiis höchstselbst! Einige der
Zuschauer, die offenbar nicht wußten, was sie erwarten würde, reagierten
auch mit deutlich erschrockenen Gesichtern, der Großteil allerdings war
keineswegs mehr so leicht zu schockieren.
Der „Nasenmann“, wie er von Fans und Gegnern teilweise respektvoll, teils
despektierlich genannt wird, ist optisch das Bild des Außenseiters, ja des
Schreckens sogar.
Auffällig ist, dass wir nicht so genau wissen, wo die Grenzen der
Kunstperson Mortiis enden und das Reich des Menschen Haavard Ellefsen
beginnt – doch die selbstgewählte Kunstfigur Mortiis nun nur als ein Alter
Ego von ihm abzutun, wäre wohl ebenso falsch, wie ihr eine Rolle oder einen
Charakteraspekt zuzuweisen. Die ersten Werke von Mortiis, auch live auf der
Parkbühne zu hören, präsentieren sich durch elektronisch gehaltene, doomig
wirkende Ambient-Klänge die fernab der ausgetretenen Pfade zum hinhören
auffordern. Mit dem zweiten Album „Smell of Rain“ wird dann schließlich
alles anders, denn hier präsentiert er sich eingängig, ja poppig fast und
haut regelrechte Dancefloorfüller raus, die er in der zweiten Hälfte des
Konzertes spielt. Live auf der Bühne rennt, schreit und hüpft diese
Kunstfigur wie aufgezogen herum, wirbelt den Mikrofonständer über den Rücken
oder springt darüber trotz all des Regens. Auch wenn einige der Songtexte
durchaus aggresiv sind, so macht er durch seine Spielfreude und enorme
Energie einfach Lust zum mittanzen. Immer mehr Schirme werden zugemacht, um
einfach frei mit tanzen zu können. Hits wie „You Put a Hex on Me“ kommen
ebenso gut an, wie „Parasite God“. Immer mehr wird die Parkbühne zum
Hexenkessel, angeführt von dem wohl mysteriösten Mann der derzeit in der
norwegischen Szene zu finden ist – Hut ab!
5. Kapitel Das Ich und Zeraphine
Während
Mortiis vorn auf der Bühne noch seine letzten Songs spielt, bin ich bereits
im Backstagebereich, um mit Sven Friedrich von Zeraphine zum Interview über
ihr brandneues Album „blind Camera“ zu sprechen. Hier hinten ist es noch
lausig kälter als vorne und so bekomm ich richtig Mitleid mit Stefan
Ackermann von Das Ich, der hier bereits mit aufgestellter Punkfrisur, Roter
Farbe im Gesicht und nacktem Bauch, sowie einer roten Leggings dasteht, um
sich warm zu machen für seinen anschließenden Auftritt.
Der kleine Raum, in dem wir uns treffen, ist voll gestellt mit allen
möglichen Reisetaschen und Merchandisesachen, sowie einem kleinen Sofa, auf
dem wir dann Platz nehmen und angenehm ins Gespräch kommen, man kennt sich
ja nun auch schon ein paar Jahre. Sven ist aufgeschlossen, wenn auch
verfroren, was nun wirklich kein Wunder ist, und man merkt, dass es ihm
sichtlich Spass macht, über die neue Platte zu reden. (Interview folgt.) Zum
Schluß noch gibts noch ein paar Autogramme und Erinnerungsfotos und ich bahn
mir den Weg zurück zum Pressegraben.
Dort wieder angekommen, läßt man bereits die ersten Kollegen hinein und so
schieb ich mich also auch rein. Der Regen hat hier unten kleine Seen
entstehen lassen. Im Grunde ist es richtig ungemütlich geworden, aber diese
zwei letzten Top – Acts des Abends will man dann doch nicht verpassen!
Von der Dark – Electro Formation „Das Ich“ aus der Wagner – Metropole
Bayreuth hörte man erstmalig 1990, als sie ihr Debütalbum „Die Propheten“
veröffentlichten, das in der Szene einschlug wie eine Bombe! Besonders
erfolgreich werden die Tracks „Gottes Tod“ und „Kain und Abel“. Es ist
auffällig, dass ihre Musik vom Arrangement oft fast klassisch klingt,
allerdings immer in Konkurrenz zu den krassen Songtexten Stefan Ackermanns
und ihren oft brachialen Metaphern. 1994 folgt „Staub“, live aufgenommen
während der US – Tour. Noch im selben Jahr überraschen Sie die Szene mit
einer Zusammenarbeit mit der Metalband „Atrocity“. Das Ergebnis ist ein sehr
schönes Album „Die Liebe“, auf dem beide Bands Songs der jeweils anderen
vorstellen. 1997 veröffentlichen Sie „Das Innere Ich“ einen Filmsoundtrack
zu „Das ewige Licht“ des Regisseurs H.H. Häßler.
Ein Jahr später folgt „Egodram“, ein weiteres ambitioniertes Album. Noch im
selben Jahr (98) präsentieren Sie mit „Morgue“ ein sehr spannendes Werk,
denn sie benutzen Gedichte des Lyrikers Gottfried Benn (1886 – 1956) die
dieser während des 1. Weltkriegs und im Leichenschauhaus geschrieben hat.
Zum WGT 2002 wird das neue Album „antichrist“ vorgestellt. Es präsentiert
anspruchsvollen, komplexen, unkommerziellen, aber absolut
dancefloortauglichen Electro mit ambitionierten Texten. Im März 2003
erscheint das erste Best Of – Album mit dem Titel „Relikt“ ehe 2004 die „lava“
und die „asche“ erscheinen.
Auf der Bühne selber steht bereits der für die Band legendäre doppelarmige
Keyboardturm sowie der mit Drahtspiralen verzierte Mikrofonständer für
Stefan. Dann schließlich wabert Nebel über die Bühne und eröffnet damit die
Show der Band. Kain nimmt Position hinter seinem Keyboard ein, dicht gefolgt
von Bruno, die sich nun erstmal beide warm spielen und loslegen mit
„Sehnsucht“ vom neuen Album „lava“. Stefan ganz in rot geschminkt, schwarz
umränderten Augen und Punkfrisur betritt die Bühne in dem für ihn schon
normalen grotesken Gang. „Boah es ist arschkalt!“ ruft er und beginnnt wenig
später in den merkwürdigsten Bewegungsverrrenkungen sich warm zu tanzen.
Begonnen wird die Show mit Klassikern, wie etwa „Erde ruft“ oder „Kain und
Abel“. Das Publikum kennt die Texte und gröllt auch lautstark mit. Hier ist
Energie auf der Bühne und die überträgt sich, nach nur wenigen Akkorden
tanzt die Masse begeistert mit. Wie aufgezogen peitscht Stefan Ackermann zum
nächsten Song: „Erde ruft“ und springt wild gestikulierend über die Bühne.
Neben
den alten Songs stehen aber eher die neuen Songs von „lava“ im Vordergrund
und so spielt man „fieber“ , „uterus“, „seele tanzt“ und natürlich „lava“
selbst. Hier merkt man dann doch etwas Textunsicherheit beim Publikum, aber
nichts destro trotz tanzt man einfach weiter. Als die Jungs schließlich zum
letzten Song ansetzen und die Zeit um gerade mal zehn Minuten überzogen
haben, versucht man ihnen den Saft abzudrehen, wovon sich aber weder Kain
und Bruno, noch Stefan wahnsinnig beeindrucken lassen und einfach „Gott ist
tod“ weitersingen, auch wenn das Mikro längst ausgestellt ist...
In der Umbaupause für Zeraphine verziehen sich die Wolken ein wenig, und wir
haben die Hoffnung, dass es zumindest nicht die gesammte Zeit nur
runterprasseln würde, es sollte allerdings bei der Hoffnung bleiben! Im
Jahre 2000 tritt Zeraphine – vorerst noch unter dem Namen Helix- von Sven
Friedrich und Norman Selbig gegründet, als eines der drei Projekte hervor,
die sich nach dem Auflösen der „Dreadful Shadows“ gebildet hatten. Ende 2001
muss sich die Band wegen Streitigkeiten mit einer US – Amerikanischen
Metal-Band gleichen Namens umbenennen in Zeraphine. Hinzu kommen der
Berliner Musikproduzent Thommy Hein, der unter anderem schon bei „Gitane
DeMone“ als Gast in Erscheinung trat. Er zeichnet sich neben Sven, einem
studierten Musikwissenschaftler, mit für Lyrics und Produktion
verantwortlich. Musikalisch hält sich die Band dicht am melancholischen Goth
Rock der Shadows, jedoch vorerst mehr mit deutschen Texten. Die erzeugten
Stimmungen und Athmosphären der Songs wechseln von aggresiven zu bitteren
Momenten, von Melancholie zu Hoffnung oder Resignation. Es sind immer
menschliche Gefühle die eine ganz zentrale Rolle hierbei spielen.
Nach einer kleinen Weile schließlich stürmt Sven Friedrich und Band die
Bühne um auch gleich mit „I never wan’t to be like you“ zu beginnen, dem
ersten Song der neuen Platte „blind Camera“. Damit stimmt man das Publikum
kraftvoll ein auf eine gute Stunde Power mit Zeraphine und macht Laune auf
das neue Album. Denn, Sven Friedrich ist energiegeladen, schreit mal seine
Wut heraus, wenn es der Text hergibt, oder leidet mit seinem Songhelden und
gerade diese Emotionalität spricht das Publikum an.
Gleich danach, der nächste Song des neuen Albums „Die Macht in dir“, diesmal
ein Song mit deutschem Text, der zeigt wie gern die Band zwischen Deutsch
und Englisch hin und her wechselt auf ihren Alben. War „kalte Sonne“ noch
komplett deutsch, so hörte man auf „traumaworld“ dann doch mehr
englische
Songs und nun auf „blind camera“ die angenehme Mischung. Was man im Publikum
merkt, es gibt keine Textunsicherheit, viele singen die neuen Texte ebenso
lautstark mit wie die älteren! Genau zu diesen wechselt man nun auch, hin
zur „kalten Sonne“, um mit „unter eis“ oder „siamesische Einsamkeit“ die eh
frostige Stimmung durchs Wetter bedingt noch zu unterstreichen. Hier werden
dann trotz des Regens Wunderkerzen angezündet und die Displays der Händys
anstelle von Feuerzeugen gezückt.
Auch Songs von „traumaworld“ kamen nicht zu kurz, etwa „no more doubts“ oder
auch der Titeltrack selber. Was man wohlweißlich nicht spielte: Be my rain!
Ein wirklich sehr gelungener Abschluss des Abends in der Parkbühne für Band
wie Publikum gleichermaßen, für den es sich gelohnt hat, trotz des Regens zu
warten!
ENDE SAMSTAG
TAG 1 – Freitag der 13te
1. Kapitel: Die Anreise
Es ist 4.30Uhr an diesem Freitag dem 13ten im Monat Mai, als unbarmherzig
der Wecker klingelt und einen daran erinnert, dass nun der 4 Tages Marathon
des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig begonnen hat. Die Taschen sind gepackt
und so steigt man halbverschlafen ins Auto um sich von München aus los zu
machen gen Leipzig. Geschminkt ist irgendwie noch keiner von uns, dafür
dürften wir auch so tot genug aussehen schließlich ist es noch viel zu früh!
Kaum dass wir dann zu viert ungefähr auf der Höhe der neuen Allianz Arena
sind, scheppern uns aus dem Autoradio auch schon die wachmachenden Klänge
von Tanzwut entgegen, denn wir wollten Spass und werden ihn wohl spätestens
am Montag mit Tanzwut in der Agra – Halle auch bekommen. Vorfreude macht
sich breit und auch die Aufregung, ob ja alles klappen möge mit der
Akkreditierung. Mit gerade mal zwei kleineren Pausen und einer angenehm
leeren Autobahn erreichen wir früher als gedacht Leipzig. Unterwegs auf der
Autobahn preschen hin und wieder Autos mit dunklen Gestalten an uns vorbei,
mit fetten Aufklebern von etwa „Atrocity“, „Hocico“ oder „Suicide Commando“
hinten drauf.
Bereits im Vorfeld hatte man uns deutlich gemacht, dass es in Leipzig fast
keine Zimmer mehr geben würde, und wir froh sein sollen über unsere
Reservierung, was sich dann in der Anfahrt ins Stadtzentrum auch deutlich
zeigte. Was auf der Autobahn noch beherrschbar war, wurde nun zu einer Masse
von Autos mit schwarzen Gestalten darin, die versuchten sich ihren Weg zu
bahnen um entweder zu den ersten Konzerten oder aber gleichfalls ins Hotel
zu kommen. Leipzig ist also mal wieder voll, etwas über 20.000 Anhänger
sollen es diesmal gewesen sein und rund 784 Journalisten aus 32 Ländern sind
angereist.
2. Kapitel – Das Hotel und das erste Bändchen
In unserem Hotel angekommen werden wir herzlichst begrüßt – man ist
vorbereitet auf schwarze Gäste – ja klar es sind ja auch keine anderen da,
wie uns beim Blick an die Frühstückstische deutlich auffällt. Hier gesellen
wir uns erstmal dazu, denn man ist hungrig und wenn es dasteht greifen wir
doch gerne zu. Nein man hat uns nicht extra Blut gereicht, und die Betten
haben keinesfalls Sargdeckel drüber, schließlich will man ja auch nicht
jedes Klischee vertreten müssen! Einer von uns fünf fehlt noch, er wird mit
der Bahn ankommen, so dass wir nun den Hauptbahnhof, oder besser das
„Einkaufsparadies mit Gleisanschluss“ aufsuchen. Allerdings, da noch
übermäßig Zeit bis zur Ankunft des ICE aus Hamburg ist, entschließen wir uns
zur Moritzbastei zu laufen, um dort für eine von uns noch eine WGT Karte zu
ergattern, da sie sich kurzfristig zwei Tage vor Beginn des WGT entschieden
hatte noch mitzukommen und auf die Schnelle von München aus keine Karte mehr
zu bekommen war. Die Moritzbastei, direkt neben dem Gewandhaus gelegen, ist
der einzige noch erhaltene Teil der Leipziger Stadtbefestigung und etwa
zwischen 1551 – 53 erbaut worden. In den alten Gewölben finden nun im Rahmen
des WGT diverse Konzerte statt, während auf dem Dach der Mittelalter Markt
mit köstlichen Speisen, Met und wahlweise mittelalterlichen Klängen zum
verweilen einlädt. Besonders in den Abendstunden ist hier eine romantische
Stimmung, wenn das alte Gemäuer nur noch von den Fackeln der einzelnen
Stände beleuchtet wird und so manches adrette Burgfräulein zum träumen oder
gar Blickkontakten einlädt.
Um die Mittagszeit haben es sich hier schon einige der unzähligen WGT
Besucher gemütlich gemacht, man genießt die wenigen Sonnenstrahlen oder
bestaunt die schönen Silberwaren die da zum Kauf angeboten werden. Gut,
klein ist hier die Schlange hinter dem Ticketschalter nicht, aber
erstaunlicherweise geht hier die Bändchenausgabe verdammt schnell, und so
ist Sie dann auch die erste von uns, die stolz ihr offizielles WGT Bändchen
trägt.
Der Rest muss dies dann eben auf dem Agra – Gelände bekommen, da ich als
Presse sowieso noch in den Presseclub auf dem Gelände des Agra Messeparks
muss um dort meinen Ausweis zu erhalten für die 4 Tage.
Vorher allerdings holen wir Oliver noch vom Hbf ab, um ganz in schwarz und
geschminkt zum Agra Messepark zu fahren und dort unsere Eintrittsbändchen
abzuholen. Auch hier geht es wieder erwarten recht schnell, auch wenn die
Schlange vor den Schaltern deutlich größer ist als noch auf der
Moritzbastei. Nach dem passieren der Sicherheitsschranken, strömen uns die
Massen schwarz Gewandeter entgegen, zumeist in sehr aufwendigen Kostümen
kommen sie vom Zeltplatz her, verlassen gerade das Gelände oder wollen
einfach nur in diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten gesehen werden. Wir halten
uns hier noch gar nicht lange auf, dazu wird in den nächsten Tagen noch
reichlich Gelegenheit sein, sondern versuchen nur bis hinter die Haupthalle
zu kommen hinein in den Presseclub.
Wir fahren nachdem hier alles erledigt ist, sofort zurück nach Connewitz um
zum Werk II zu gelangen, die ersten Konzerte des Tages!
3. Kapitel: Nik Page und Escape with Romeo
Ab 17.50 Uhr gaben sich „Nik Page and the Sacrified Army“ die Ehre dem
Publikum ihr aktuelles Album „Sinmaschine“ vorzustellen. Nach dem
vorrübergehenden Split seiner Band „Blind Passengers“ startete deren Sänger,
Texter und Bandsprecher Nik Page ohne lange Pause ein Soloprojekt, das er
bereits zu Passengers Zeiten konzipiert hat. Er nutzt seine Kontakte und
sammelt eine illustre Schar von Gästen für sein Debütalbum um sich: von
Jürgen Engler (Die Krupps), Joke Jay (And One) bis zu Sven Friedrich von
Zeraphine. Das sehr melodiöse kraftvolle Album „Sacrifight“ (2002) wird vom
Publikum und der Presse sehr wohlwollend aufgenommen, so dass er nun mit „Sinmachine“
nahtlos an den Erfolg anknüpft. Doch ein paar Worte noch zur Geschichte des
Veranstaltungsortes selbst: 1848 wurde diese Fabrikhalle vor den Toren der
Messestadt errichtet, um dort Gasmesser herzustellen. Das faszinierende
dabei, diese eine Firma konnte sich über Generationen hinweg bis 1990 den
Betrieb erhalten, bis er schließlich im Zuge der Wiedervereinigung pleite
ging. Seitdem ist das alte Fabrikgelände von jugendalternativen Gruppen
genutzt worden und zum WGT einer der vielen Veranstaltungsorte. Schon beim
ankommen fällt auf, dass er verdammt gut besucht ist und sich in dem doch
nicht allzu großen Vorhof schon einiges illustres Volk tummelt um auf den
Einlass zu warten. Vorsichtig versuch ich an ihnen allen vorbei möglichst
weit nach vorn zu kommen, um in der Halle selbst leichter den Zugang zum
Pressegraben zu finden – einem meiner Arbeitsplätze für die nächsten Tage.
Oben auf der Bühne baut man bereits größere Plastikpuppen auf für die Show
von Nik Page, im wahrsten Sinn des Wortes kopflos stehen sie vor einem
merkwürdigen Sammelsurium aus Industrieschrott. Da mitten drin verstecken
sich Keyboard, Schlagzeug und Micro. Die Halle selber ist ordentlich
gefüllt, etwa 300 Leute passen hier rein und etwa 200 dürften es locker
schon gewesen sein. Schließlich wird es dunkel im Werk II und zwei
Scheinwerfer schießen aus der Brille des Keyboarders hervor um das Publikum
erstmal ordentlich zu blenden.
„Sinmachine“ beschäftigt sich, mit der Beeinflußung des Menschen durch
Maschinen und bereits mit diesem Eingangsbild wird dem Zuschauer bewusst
gemacht, wie weit diese Versuchung der Technologie auf die Band selbst schon
geht. „Sinmachine ist eine Metapher für die Verlockung der Technologie.
Wissenschaft und Technik haben uns zwar Luxus und Konsum geschenkt, auf der
anderen Seite aber haben sie uns zu ihren Sklaven gemacht,“ meint Nik Page.
Die Puppen sind Schaufensterpuppen, künstlich, alle gleich, perfekt
gestaltet aber so, als wären sie geklont.
„Diese Puppen sind im Grunde die Horrorvorstellung, denn irgendwann wird es
gesellschaftsfähig sein, seine Kreation von Nachkommen nicht mehr der Natur,
sondern computergenerierten DNA Rechnern zu überlassen, dann wird nur noch
das Glatte überwiegen,“ so Page selbst. Kaum ist auszumachen auf der Bühne,
wo der futuristische Schrott aufhört und der Keyboarder anfängt, oder ob er
nicht selbst nur Maschine ist bzw. durch seine Brille mit den Scheinwerfern
Teile von ihm bereits von einer Maschine beherrscht werden. Seine Augen
ersetzt durch zwei helle Glühlampen, der Blick von Technik vernebelt
gewissermassen. Nach einem kurzen Intro erscheint Nik Page selber, der
Rebell mit Lederjacke mit Nieten bekleidet fast selbst irgendwie künstlich,
der dem Publikum mit „Herzschlag“ sofort einzuheizen versteht. Hin und
wieder brüllt er den Text durchs Megaphon, verzerrt eine Maschine wiederum
seine wahre Stimme. Seine Bühnenbewegungen sind abgehackt, sein
Gesichtsausdruck verzerrt und seine Stimme bekommt dadurch fast etwas
roboterhaftes, abgedrehtes. Das Publikum in der Halle kennt zum Teil die
Texte, grölt ordentlich mit und lässt sich fangen von dieser Goth-Rock
Schiene die hier eingeschlagen wird. Eines jedoch fällt vom Pressegraben
heraus deutlich auf, Nik Page ist verkrampft, absolviert diese Show nicht
souverän sondern vielmehr als müsse er sich selbst oder auch der Band selbst
beweisen, dass er gut ist. Er scheint gegen irgendetwas anzukämpfen nur ein
Rätsel bleibt gegen was eigentlich? Er wirkt verunsichert, zu aggresiv, wo
es die Musik nicht hergibt, und damit entsteht eine gewisse Arroganz in der
Art, wie er sich präsentiert die unangebracht ist und auch nicht zum Rest
der Show passt. Auch bei seiner Gitarristin liegt ein merkwürdiger Unterton
von „Leck mich am A.. Nik Page“ drunter, sie spielt mit Null Bock Gefühl so
scheint es. Zwar haut sie schon in die Seiten, aber routiniert und alles
sehr seelenlos und obendrein mit einer Fleppe, die einem nun nicht die Lust
am gemeinsamen Spielen vermittelt. Schade eigentlich, denn hier hätte ein
bisschen weniger bandinterne Streitigkeiten und etwas mehr Souveränität
durchaus gut getan!(BILD 403. und 393)
Abgelöst wurde Nik Page dann eine Stunde später von der Wave – Band „Escape
with Romeo“, die einigen Besuchern des WGT vielleicht noch vom Jahr 2003
noch ein Begriff ist, als sie im frühen Abendprogramm in der Agra – Halle
spielten. Gegründet 1989 von den Rundfunkjournalisten Thomas Elbern, der
bereits vorher bei „Pink Turns Blue“ mitspielte, veröffentlichen sie noch im
selben Jahr ihr selbstbetiteltes Debütalbum inklusive des Clubhits „Somebody“.
1990 starten die ersten erfolgreichen Konzerte und aufgrund des Erfolgs auch
ihr zweiter Silberling „Autumn on Venus“ gefolgt von einer langen Tour durch
Deutschland und Europa. Album Nummer drei „Next Stop Eternally“ enthält den
Szene – Hit „Music is dead“ und die darauffolgende Doppel CD „Like Eyes in
the Sunshine“ (1994) ist innerhalb von nur drei Monaten ausverkauft. Auf dem
1996 Album „Escape with Romeo/Blast of Silence“ ist der Einfluss
elektronischer Musik auf den sonst klassischen Gitarren Wave unüberhörbar.
Auf der Bühne selber entdecken wir zunächst erst einmal merkwürdig schief
gestellte Uhren, fast wie Parkuhren sehen sie aus, die ungefähr die Zeit des
Auftrittes angeben, wenn gleich die Zeiger auch leicht verbogen sind. Rechts
der Keyboardterminal, ansonsten ist die Bühnengestaltung eher spartanisch.
Hier ist wenig Bühnenshow zu merken, vielmehr konzentriert sich die Band
einfach auf ihre Musik und daran Spass und Spielfreude beim Publikum zu
transportieren. „Somebody“ ist natürlich der Kultsong schlechthin und das
Publikum dankt es ihnen mit lautstarkem mitklatschen und mittanzen. Thomas
Elbern greift in die Seiten, betont wie schön es ist wieder einmal hier zu
spielen und bringt dann sofort den nächsten tanzbaren Song, so dass diese
Stunde wirklich viel zu schnell vorbei war!
(Bild 413)
4. Kapitel: Heidnisches Dorf und Omnia
Im Grunde wäre es hier ja noch weiter gegangen, doch da zum Innenhof fast
kein Durchkommen mehr war, ich allerdings unter akutem Hunger litt,
beschlossen wir zu viert zum heidnischen Dorf im Torhaus Dölitz zu pilgern
um uns dort zu laben.
Im heidnischen Dorf, direkt hinter dem Agra Messegelände, kommen wir
plötzlich in eine völlig andere Stimmung. Dieses Jahr nämlich weiht das
Torhaus Dölitz ihr „Celebrant“ – Spektakel den Nibelungen. Eben dort nämlich
finden sich die Verbindungen zu den Nordgermanen, den Wikingern und so ist
wohl nicht verwunderlich, dass das Heldenlied der Edda und die
mittelalterlichen Nibelungen-Dichtungen viele Ähnlichkeiten aufweisen. Ob
Odin oder Wotan, ob Gunnar oder Gunter, ob Sigurd oder Siegfried – sie alle
bezeichnen den jeweils gleichen Typus. Frühmittelalterliches Leben, Handwerk
und auch Kriegskunst wird den Besuchern im Wikingerlager vorgelebt.
Spielmannshaufen rufen zum Tanz auf aber fast noch viel mehr zum Träumen. An
Spießen dreht sich dabei Wildbrät, in Kesseln kochen urige Pilzsuppen und
Rahm- oder Kräuterbrot wird gerade frisch gebacken. Fernab im Schatten der
Bäume finden wir Ruhe vor der Hektik der Agra – Halle und der ganzen Welt da
draußen vor den Toren. Als wir hier ankommen, dröhnt uns bereits von weitem
der Klang eines Didgeridoos entgegen, das deutlich auf die niederländischen
Kelten „Omnia“ schließen lassen. Es ist verdammt schwierig diese
außergewöhnliche Band in Worte zu fassen muss ich sagen, denn eigentlich ist
die Stimmung die sie verbreiten sehr schwer rüberzubringen, ohne das man es
erlebt hat. Omnia ist eine sehr multikulturelle Band, bestehend aus Steve
aus England, Jenny aus den Niederlanden, Luka aus Neuseeland und Jo aus
Irland. Vielleicht ist es gerade diese Mischung von so unterschiedlichen
musikalischen Einflüssen, der die Band so eingängig macht. Luka wie gesagt
spielt Didgeridoo während Jenny gefühlvoll die Seiten ihrer Harfe streicht,
worüber Steve wiederum den Mood bekommt um an den Trommeln die Energie zu
vermitteln. Ihre Musikstücke sind kleine Gebete führ ihre keltischen
Stammesgottheiten, sei es nun Cernunnos, Morrigan, Taranis oder Mabon. Es
ist wirklich wunderschöner Pagan – Folk der uns hier präsentiert wird, mal
verträumt, mal voller Kraft und Energie die einen aufatmen lassen und allen
Stress den man schon bis hierher erlebt hat vergessen läßt. Für eine Stunde
steht die Zeit vollkommen still! Der tiefe Ton des Didgeridoos erdet uns,
bildet gewissermassen das Fundament während die sanften Klänge der Harfe
eher unser Unbewusstes ansprechen, und so kreist Omnia beim Hörer immer um
diese zwei Bereiche.
Ein ebenso wichtiger Faktor: Es kommt die Freude am Spielen rüber, zwar
spricht Steve gebrochenes deutsch, aber er versucht sich immer wieder die
Botschaften ihrer Texte oder den Hintergrund zu erläutern nicht ohne die
obligatorische Frage zu stellen, ob man den wisse, das sie Omnia sind und
auch CD’s verkaufen *grins* Doch vor allem das was sie dort auf der Bühne
tun, dass meinen sie zu 100% ehrlich, denn es umgibt sie stets und die Natur
gibt ihnen immer wieder neue Inspirationen für einen neuen Omnia – Titel.
5. Kapitel – Autogrammstunde Nik Page beim Zillo oder wie Nik Page
wirklich sein soll...
Mitten im Konzert klingelt mein Handy und Nik Page höchstselbst meldet sich
bei mir um das am frühen Abend ausgemachte Interview zu bestätigen. Sie
seien in etwa einer dreiviertel Stunde am Zillostand zur Autogrammstunde,
und man könne sich doch dort dann zum Interview treffen. Somit verlass ich
später das Gelände, um einmal um den Zeltplatz herum wieder aufs Agra
Gelände selbst zu kommen. Die Verkaufshalle ist gleich die erste größere
Halle hinter dem Eingang. Hier findet das Gothicherz alles was es vielleicht
tatsächlich begehrt, begehren könnte, oder wovon der Händler hofft das er
meint es zu begehren.
Extra X bietet Kleider, Hosen, Taschen oder Schuhe an, der Miroquestand etwa
seine Mittelalter CDs, wieder andere Händler Silberketten, Fetischwaren,
Kerzenleuchter, Halsbänder etc. Fanzines und Gothicmagazine buhlen um ihre
Leser und organisieren in den vier Tagen immer wieder Autogrammstunden, eben
so wie der Zillo. Am Stand angekommen tummeln sich hier bereits ein paar
eifrige Autogrammjäger und die Fotoapparate werden gezückt um sich zusammen
mit der Band abzulichten. Auffällig ist, dass Nik Page immer noch sehr
verkrampft wirkt, und seine Gitarristin ihn von hinten immer noch mit einer
Fleppe giftig anschaut. Aus einem Grund, der den Fans verborgen bleibt, soll
sie nicht auf den Autogrammkarten unterschreiben, woraufhin sie sich einen
ganzen Stapel selbst nimmt und ihn nur mit ihrem Namen unterschreibt. Ihre
Unterschrift wirft sie nun zu jeder der anderen Autogrammkarten dazu drängt
sie und sich auf. Darin: Rumgebrülle an Nik Page gerichtet mit dem
ungefähren Wortlaut: „Du dreckiges hinterhältiges Stück S.., ich bin auch
noch Teil der Band ja. Du lügst und redest nur S... du bist wirklich das
Letzte..“ Hasstiraden lässt sie vom Stapel, inmitten der offiziellen
Autogrammstunde ja auch kein Stück peinlich, und Nik Page sitzt da, als ob
ihn das alles gar nicht betreffen würde. Er versucht halbwegs cool zu
wirken, eine billig zu durchschauende Fassade aber, mehr als ein Augenrollen
kommt hier vorerst nicht. Aber nicht genug der Skurrilitäten bei der
Autogrammstunde, während Nik genüsslich seine Kärtchen unterschreibt,
bekommt seine Gitarristin einen Heulkrampf und fängt an mit Fäusten um sich
zu hauen auch auf Mitglieder der Band. Erfolglos – Nik bleibt cool, perfekt
im Sitz ohne drei Wetter Taft!
Schließlich machen wir nebenbei unser Interview, immer wieder unterbrochen
von einer neuen Hasstirade die dann deutlich unter die Gürtellinie geht (ich
möchte hier ausnahmsweise nicht allzu deutlich wiedergeben was da kommt!).
Mir hingegen kommt so der Eindruck, als wäre die gute Dame entweder
vollkommen betrunken, auf Drogen oder aber es hat vorher in der Band so
richtig gekracht, auch alles zusammen wäre natürlich möglich. Als wir im
Interviewverlauf auf den Einfluss der Maschinen auf den Menschen kommen,
lässt sie dann doch ihre krasseste Tirade los, die ich schon wiedergebe:
„Der wahre Nik Page musst du wissen, ist ein solches Arschloch. Da reisst
man sich den Arsch auf für dieses Ekel ja und dann lässt er einen voll
fallen. Wenn du eine Maschine wärst Nik, dann wärst du eine Waschmaschine,
die ihren ganzen Dreck durch die Gedärme spült und ihn auf das Publikum
ergießt!“ Daraufhin zog man sie dezent hinter den Zillostand um wohl den
schönen Schein trauter Eintracht zu retten, nur war der, was wohl offenbar
sonst niemandem auffiehl, längst schon tot!
DAMIT: ENDE – FREITAG
DAS 14. WAVE GOTIK TREFFEN
VORABBERICHT

VORABBERICHT
ZUM WGT
Recherchiert von
Maximilian Nitzschke
DIE
WELT DER GOTHICS – SPIELRÄUME FÜR OKKULTISMUS?
Blutrote Lippen öffnen
sich langsam. Spitze Eckzähne werden sichtbar. Aus dem linken Mundwinkel
läuft ein Tropfen zähflüssiges Blut langsam das Kinn entlang. Der
unersättlich wirkende Mund öffnet sich immer weiter. Es ist tiefste Nacht
und die mysteriösen Fangzähne des Wesens glänzen im Mondenschein. Sie nähern
sich langsam dem Hals, Richtig! Das ist ein Blutsauger bei der Arbeit – ein
Vampir! Ist es denn wirklich nur ein Mythos oder wandern vielleicht wirklich
bleichgesichtige Gestalten in schwarzen Klamotten durch die Nacht, um sich
von den Lebenden mit ausreichend Blut zu versorgen?
Nun ganz sicher kann
man sich da alljährlich im sächsischen Leipzig zu Pfingsten nicht sein, wenn
etwas über 20.000 komplett in schwarz gekleidete Gestalten mit kalkweißen,
blutunterlaufenen Gesichtern und langen Barockkleidern, Kettenhemden oder
Lederoutfit die Innenstadt von Leipzig unter Beschlag nehmen. Vorherrschend
ist in den Strassen die Farbe schwarz, denn egal ob man nun bei Burger King
sitzt, oder nur bei Hugendubel ein Buch haben möchte: Man wird zuerst Sie
sehen: Leicht modrig riechend, sind sie behangen mit Nietenhalsbändern,
Piercings, etlichen Ohringen, langen Ledermänteln, Barockkleidern und immer
in der Hoffnung, so wenig Sonne wie möglich abzubekommen.
Jedes Jahr zum
Pfingstwochenende pilgern die vielen Anhänger der dunklen Szene, die man
gemeinhin als Gothics bezeichnet, nach Leipzig, um sich auf dem ehemaligen
Agra – Messegelände im Leipziger Ortsteil Markleeberg vier Tage lang nur der
Musik und düsteren Romantik hinzugeben. Über 150 bekannte Künstler aus aller
Welt reisen alljährlich an, um hier live vor ihren Anhängern spielen zu
dürfen. So etwa dieses Jahr „Anne Clark“ aus Großbritannien, die ihr
Akustikprogramm vorstellen wird, oder „Zeromancer“ aus den Niederlanden.
Was einst als kleinere
Independentveranstaltung begonnen hatte, hat sich im Laufe der
Veranstaltungsgeschichte zum wohl größten internationalen Festival für Fans
der düsteren Musik entwickelt. Längst schon reicht das agra - Messegelände
nicht mehr aus, um jeder Band den nötigen Rahmen zu bieten und so werden
Spielorte wie das Schauspielhaus, die Moritzbastei oder die Parkbühne
einbezogen. Leipzig ist im Zeichen des Pentagramms – zumindest zu Pfingsten!
Jedoch gab es auch Turbulenzen, wechselte das Managment nachdem das vorige
2000 mit der Gagenkasse für die Künstler verschwunden war, und bewies das
Neue – die Treffen und Festspielgesellschaft für Mitteldeutschland mbh -
seit 2003, dass das WGT im neuen alten Glanz aufwartet. In den angrenzenden
Hallen der Agra bieten etliche Gothicstores und Magazine ihre Waren an, von
Schuhen über Kerzenleuchter findet man hier diverses für das eigene „Gothic
– Wohnzimmer“.
Zugegeben, es ist
schon ein sehr seltsamer Anblick, wenn in dem sonst eher stillen und von „Bachianern“
besuchte Leipzig solch seltsames Völkchen Einzug hält, und die Einkaufszone
in Beschlag nimmt, dennoch hat man sich in Leipzig gewöhnt und ist das Wort
WGT keinesfalls ein Fremdwort mehr. „Die Blicke waren schon oft sehr
seltsam, wenn du ganz in schwarz auf der Strasse herumliefst. Ich meine im
Grunde ist Leipzig es ja gewohnt, es erlebt so einen Aufmarsch der Grufties
ja jedes Jahr. Ich steh halt dazu mich als Goth zu bezeichnen, also trag ich
auch in praller Sonne schwarz. Das WGT ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten,
jeder putzt sich heraus – Tonnen von Haarspray! Frei nach dem Motto der Band
‚Unheilig’: ‚Sage Ja zu der Schattenwelt in der das Dunkle sich erhebt! Sage
Ja zu der Einsamkeit, die sich in deiner Seele quält,’“meint Marcus B. (28),
selbst Anhänger der dunklen Szene. Goth zu sein, also nicht nur die Musik
einfach so zu mögen, ist zumeist eine bewußte Abkehr von Normen oder Werten
dieser in vieler Augen zu kommerzialisierten Welt. Die Bilder von Krieg und
Gewalt zu verarbeiten, die ständig auf einen einprasseln ist schwierig und
so zieht man sich zurück, in sich Selbst wie in diese Musik. Entstanden ist
der Begriff Gothic aus einer Bewegung in den frühen Achtziger Jahren, dem
Punk. Den gewaltigen Bruch, den man machte, um sich bewußt von der normalen
Rockmusik abzuheben, ließ die Gothic-Musik mit Untergruppen, wie Goth –
Metal, Dark Wave, Wave, Black Romantik, Industrial oder Mittelalter
entstehen. Jugendliche, die sich mit purster Absicht von der durch Egoismus
und Gleichgültigkeit dominierten Gesellschaft absetzen wollten, brachen auf,
ihre eigenen Welten zu finden und kehrten das Übel von Zeit und Gesellschaft
nach außen. Schwarz wurde zur Farbe der edlen Bescheidenheit, der Trauer,
der Resignation und hielt somit zunehmend Einzug in die Bewegung. Das Gothic
– Einsteiger Motto: Wenn schon das Ende kommt, dann wollen wir noch
irgendetwas daraus machen. Eine Rückbesinnung auf alte Zeiten, etwa das
späte Mittelalter, als die Menschen an Pest und Cholera wie die Fliegen
starben und das Ende der Menschheit klar zu sehen war, findet plötzlich
statt - oder ein Blick in die Romantik des 18. und 19. Jahrhundert. Heute
ist da immer mehr die Flucht zu erkennen, die immer größeren Abkehr von
Problemen der Zeit. Schlagworte: Cloning, Rinderwahn, Börsenfieber,
Atomabfall. Zur Entspannung flüchten sich Goth´s in ihren eigenen Kosmos der
dunklen Gefühle, zünden eine Kerze an und lesen sich im Gruselschein ein
Buch von Edgar Allen Poe vor.
Dieses Verhalten
schürt aber auch Vorurteile, die ungefähr in die Richtung gehen, wer in
Schwarz rumläuft und solch düstere Musik hört, der muß ein Satanist oder gar
gleich ein Ritalmörder sein. Geschürt wird die Angst zumeist noch von den
Medien, die im Juli des letzten Jahres doch tatsächlich kein besseres
Sommerlochthema fanden, als „Satanistenopfer packen aus“ auf dem Titelblatt,
basierend auf eine Fernsehdokumentation, in der 40 Jahre nach der
angeblichen Tat, inzwischen schizophrene Opfer von Satanisten erzählten, wie
sie ihr eigenes Kind töten und dessen Blut trinken sollten als Opfergabe an
Satan. Schwarzgewandet seien die Herren und Meister alle gewesen und hätten
mehrfach satanische Formeln vor sich hin gemurmelt. Doch anstatt den Focus
auf das möglicherweise tatsächlich stattgefundene Verbrechen zu lenken,
stürzten sich die Medien auf das Detail, daß es Anhänger der „sogenannten
schwarzen Szene sind, die zu solchen Taten bereit sind, die von vornherein
ein gewaltsames Verhalten zeigen und in dieser Szene den Nährboden für ihr
Gedankengut finden,“ so der Kommentator. Was bei all der Berichterstattung
nur sehr seltsam auffiel, war, daß das Thema nur wenige Wochen nach dem 13.
Wave – Gothic- Treffen in Leipzig erschien, zu dem sich letztes Jahr knapp
über 20.000 Goth´s treffen...
In ähnlicher Weise
stürtzten sich die Medien auf den „Satanistenmord von Witten“ im Juli 2000.
Wo Alexandra Allegra Ruda erklärte wie sie und ihr Mann Daniel einen anderen
jungen Mann mit 66 Messerstichen getötet haben. Beide waren Anhänger der
Gothicszene, hatten ihre Wohnung schwarz gemalt, schliefen wohl offenbar in
Särgen, die die Polizei im Schlafzimmer des Paares fand. 66 Messerstiche,
ein Ritualmord, da 66 als Zahl Satans steht. Beide Täter geben als
Begründung für diese Greueltat an: „Satan hat uns den Mord befohlen.“
Tatsächlich zeigen Statistiken, daß in Deutschland, immer häufiger Fälle
auftreten, in denen Gewaltverbrechen mit Totenmessen oder Blutopfern in
Verbindung mit Satan verehrenden Menschen stehen. Trotzdem darf man dabei
nicht vergessen, daß diese Einzelfälle innerhalb der Gothicszene darstellen
und keinesfalls dort üblich oder gar verbreitet sind.
Dennoch steht die
Polizei dem Phänomen Gothic und dieser immer größer werdenden Gemeinde
skeptisch gegenüber und sucht des öfteren nach Anzeichen von satanistischem
Hintergrund. So sind im letzten Jahr mehrere Jugendliche befragt worden, die
okkulte Schriften bei sich trugen und in Schwarz zur Schule kamen. „Wir als
Eltern sind zur Elternsprechstunde eingeladen worden, die mit der Bemerkung
eröffnet wurde: Ist ihnen nicht aufgefallen, dass sich ihre Tochter
verändert hat? Unsere Tochter wurde als potenzielles Opfer für Satanismus
hingestellt,“ berichtet eine Mutter eines Gothic-Girlies. Dazu ihre Tochter
Alexa (24) die selbst viel in der Gothic Szene unterwegs ist: „Ich hörte
halt düstere Musik und trug nicht die gewöhnliche Alltagskleidung in der
Schule. Ich mochte eher bizarre Frisuren, die ich zumeist dunkel färbe.
Vielleicht wirke ich hin und wieder zurückgezogen, mag sein, aber deshalb
verspüre ich noch lange keinen Hang zu Satan gehören zu müssen. Ich töte
keine Menschen, trinke kein Blut oder schände gar Friedhöfe. Im Gegenteil,
ein Friedhof ist für mich etwas sehr entspannendes, was mir eine innerliche
Ruhe verschafft. Ich will nicht absprechen, dass es in unserer Szene auch
Fanatiker gibt, aber nur weil ein paar schreckliche Beispiele an die
Öffentlichkeit gelangen, sind noch lange nicht alle Grufties Satanisten!“
Die meisten Mitglieder
der Schwarzen Szene stehen der Kirche fern, ja distanzieren sich von Ihr.
Dies ist allerdings ein allgemeines Phänomen in unserer Gesellschaft, das
heißt wenn sich Goth´s von der Kirche distanzieren, drücken sie damit nur
die zunehmende Kirchenferne unserer Gesellschaft aus. War Jesus nicht auch
fern der offiziellen Kirche? Ist die düsterromantische Philosophie der
Gothic´s nicht gleichzeitig eine Suche nach Lebenssinn?
„Das Kreuz etwa
signalisiert für mich den Opfergang von Jesus Christus, der aus Liebe starb,
seinen Tod am Kreuz. Jesus starb nicht für irgendwelche Kirchenfunktionäre,
sondern für die ganz normalen Menschen,“ meint Antonia (34). Mit dem
umgedrehten Kreuz provoziert man eher, gibt den gängigen Klischees Nahrung,
die der normale Bürger hat. Nur wer mal aufmerksamer hinschaut: Umgedrehte
Kreuze gibt es in fast jedem Modeschmuckladen inzwischen für nur 4 Euro und
nicht einer der Händler wird wohl Satanist sein, oder?
Aus den wenigen
Untersuchungen die es gibt, läßt sich keine Präferenz der Szenemitglieder
festmachen. Einige glauben zwar an einen Gott, aber nicht im christlichen
Rahmen. Andere wiederum sind komplette Atheisten. Eine gewisse Vorliebe läßt
sich in Richtung „neues Heidentum“, also Naturreligionen im weitesten Sinne,
ausmachen. Schamanismus (als Religion der amerikanischen Indianer oder in
Form des keltischen Schamanismus bzw. des Core – Schamanismus), Asatru
(Religion der germanischen und vieler nordischer Stämme) sowie Wicca
(basierend auf magischen Ritualen der Renaissance). All diese Religionen
sind durchaus verschieden, nur eines haben alle gemeinsam: Sie haben alle
nichts mit Satanismus zu tun, auch wenn gern das Gegenteil behauptet wird.
Was die Botschaften
der Texte vieler Künstler angeht, so soll nicht verschwiegen werden, dass es
durchaus Texte gibt, die auf den ersten Blick wie Teufelsanbetung aussehen.
Es drängt sich hier jedoch sehr stark der Verdacht auf, dass die Bands nur
auf vordergründigen Schockeffekt aus sind und mitnichten eine religiöse
Einstellung dahinter steht. Andere zielen offenbar darauf ab, bei den
kirchenfernen Jugendlichen als Rebellenband anzukommen.
Eric Fish, Sänger der
Potsdamer Kultband Subway to Sally, die sich dieses Jahr live die Ehre
geben, dazu: “ Wenn wir über den Tod singen, der in jedem Jahrhundert eine
Rolle spielt, dann schauen wir dabei hinter die Beweggründe der Menschen.
Die Botschaft unserer Lieder sollte eben sein, das man aus dem Leben das
Beste macht. Man soll es genießen und das möglichst schnell und viel. Leb
schnell stirb langsam, sag ich immer. Aber natürlich kann der Tod kommen,
sogar recht schnell, und das sollte man dabei auch nicht vergessen. Was
unser Verhältnis zum Tod oder Satanismus angeht, wir sind eigentlich alle
sehr lebensfrohe und lebensbejahende Menschen in dieser Band, also keiner
schlachtet hier irgendwie Hühner und trinkt deren Blut oder so. Im übrigen
ist mir in unserer Szene auch niemand bekannt, der dass tun würde!”
BANDS ZUM WGT 2005:
Aeternitas(D), And also
the Trees(UK), Atargats(D), Ah Cama Sotz(B), Angel Theory(AUS), Angels&Agony(NL),
Anne Clark(UK)-akustisch, Apoptygma Berzerk(N), ASP(D), Astrovamps(USA) –
Europapremiere, Beseech(S), Bloody, Death and Sexy(D), Chamber(D),
Collection D’Arnell Andrea(F), Darkwell(A), Darkwood(D), Das Ich(D), Die
Krupps(D), Dive(B), Down Below(D), Elane(D), Eva O.(USA), FAQ(CH), Faun(D),
Fictional(D), Fiddlers Green(D), Flowing Tears(D), Frank the Baptist(USA) –
exklusiv in Dtl., Girls under Glass(D), Golden Apes(D), Greyhound(D), Human
Disease(I), Synthesist(USA), Ikon(AUS), In my Rosary(D), Iris(USA), Kiew(D),
Love is colder than death(D), Massiv in Mensch(D), Mechanical Moth(D),
Melotron(D), Merlons Lichter(D), Mittnasol(N/D), Mona Mur(D), Mono Inc.(D),
Mono no aware(D), Mordorn(D), Morthem Vlade Art(F), Mortiis(N), MS Gentur(D),
Mystigma(D), Nebelhexe(N), Neuroticfish(D), Nik Page(D), Novakill(AUS), On
the Floor(D), Patty Moon(D), Penumbra(P), Potentia Animi(D), Psyche(D),
Ravenous(D), Regicide(D), Scream Silence(D), SHNARPH(D), Silent Pain(D),
Sleeping Children(F), Steril(D), Stoa(D), Subway to Sally(D), Tanzwut(D),
The Beautiful Disease(D), The Groupies(D), The Human League(UK), The
Invincible Sex(D), The Last Days of Jesus(SK), The Skeletal Family(UK), The
Wounded(NL), Tiamat(S), Transit Poetry(D), Umbra et Imago(D), Underwater
Pilots(D), Visage(UK)-Deutschlandpremiere, Visions of Atlantis(A), Voodoo
Church(USA)- Europapremiere, Welle: Erdball(D), Xotox(D), Xylonite Ivy(D),
Zeraphine(D), Zeromancer(N)
DAS SPIEGELBILD EINER
SELBSTSÜCHTIGEN GESELLSCHAFT
Vorabbericht zum 13. Wave - Gotik Treffen in
Leipzig

Blutrote
Lippen öffnen sich langsam. Spitze Eckzähne werden sichtbar. Aus dem linken
Mundwinkel läuft ein Tropfen zähflüssiges Blut langsam das Kinn entlang. Der
unersättlich wirkende Mund öffnet sich immer weiter. Es ist tiefste Nacht
und die mysteriösen Fangzähne des Wesens glänzen im Mondenschein. Sie nähern
sich langsam dem Hals, Richtig! Das ist ein Blutsauger bei der Arbeit - ein
Vampir! Ist es denn wirklich nur ein Mythos oder wandern vielleicht wirklich
bleichgesichtige Gestalten in schwarzen Klamotten durch die Nacht, um sich
von den Lebenden mit ausreichend Blut zu versorgen?
Nun ganz sicher kann man sich da alljährlich im sächsischen Leipzig zu
Pfingsten nicht sein, wenn etwas über 20.000 komplett in schwarz gekleidete
Gestalten mit kalkweißen, blutunterlaufenen Gesichtern und langen
Barockkleidern, Kettenhemden oder Lederoutfit die Innenstadt von Leipzig
unter Beschlag nehmen. Vorherrschend ist in den Strassen die Farbe schwarz,
denn egal ob man nun bei Burger King sitzt, oder nur bei Hugendubel ein Buch
haben möchte: Man wird zuerst Sie sehen: Leicht modrig riechend, sind sie
behangen mit Nietenhalsbändern, Piercings, etlichen Ohringen, langen
Ledermänteln, Barockkleidern und immer in der Hoffnung, so wenig Sonne wie
möglich abzubekommen.
Jedes Jahr zum Pfingstwochenende pilgern die
vielen Anhänger der dunklen Szene, die man gemeinhin als Gothics bezeichnet,
nach Leipzig, um sich auf dem ehemaligen Agra - Messegelände im Leipziger
Ortsteil Markleeberg vier Tage lang nur der Musik und düsteren Romantik
hinzugeben. Über 150 bekannte Künstler aus aller Welt reisen alljährlich an,
um hier live vor ihren Anhängern spielen zu dürfen. So etwa dieses Jahr "The
Crüxshadows" aus Kalifornien/USA oder Killing Ophelia aus Großbritannien.
Was einst als kleinere Independentveranstaltung begonnen hatte, hat sich im
Laufe der Veranstaltungsgeschichte zum wohl größten internationalen Festival
für Fans der düsteren Musik entwickelt. Längst schon reicht das Messegelände
nicht mehr aus, um jeder Band den nötigen Rahmen zu bieten und so werden
Spielorte wie das Schauspielhaus, die Moritzbastei oder die Parkbühne
einbezogen. Leipzig ist im Zeichen des Pentagramms - zumindest zu Pfingsten!
Jedoch gab es auch Turbulenzen, wechselte das Managment nachdem das vorige
mit der Gagenkasse für die Künstler verschwunden war, und bewies das Neue
letztes Jahr, dass das WGT im neuen alten Glanz aufwartet. In den
angrenzenden Hallen bieten etliche Gothicstores und Magazine ihre Waren an,
von Schuhen über Kerzenleuchtern findet man hier diverses für das eigene "Gothic
- Wohnzimmer".
Zugegeben, es ist schon ein sehr seltsamer Anblick, wenn in dem sonst eher
stillen und von "Bachianern" besuchte Leipzig solch seltsames Völkchen
Einzug hält, und die Einkaufszone in Beschlag nimmt. "Die Blicke sind schon
oft sehr seltsam, wenn du ganz in schwarz auf der Strasse herumläufst. Ich
meine im Grunde ist Leipzig es ja gewohnt, es erlebt so einen Aufmarsch der
Grufties ja jedes Jahr. Ich steh halt dazu mich als Goth zu bezeichnen, also
trag ich auch in praller Sonne schwarz. Das WGT ist ein Jahrmarkt der
Eitelkeiten, jeder putzt sich heraus - Tonnen von Haarspray! Frei nach dem
Motto der Band ‚Unheilig´: ‚Sage Ja zu der Schattenwelt in der das Dunkle
sich erhebt! Sage Ja zu der Einsamkeit, die sich in deiner Seele
quält,´"meint Marcus B. (27), selbst Anhänger der dunklen Szene. Goth zu
sein, also nicht nur die Musik einfach so zu mögen, ist zumeist eine bewußte
Abkehr von Normen oder Werten dieser in vieler Augen zu kommerzialisierten
Welt. Die Bilder von Krieg und Gewalt zu verarbeiten, die ständig auf einen
einprasseln ist schwierig und so zieht man sich zurück, in sich Selbst wie
in diese Musik. Entstanden ist der Begriff Gothic aus einer Bewegung in den
frühen Achtziger Jahren, dem Punk. Den gewaltigen Bruch, den man machte, um
sich bewußt von der normalen Rockmusik abzuheben, ließ die Gothic-Musik mit
Untergruppen, wie Goth - Metal, Dark Wave, Wave, Black Romantik, Industrial
oder Mittelalter entstehen. Jugendliche, die sich mit purster Absicht von
der durch Egoismus und Gleichgültigkeit dominierten Gesellschaft absetzen
wollten, brachen auf, ihre eigenen Welten zu finden und kehrten das Übel von
Zeit und Gesellschaft nach außen. Schwarz wurde zur Farbe der edlen
Bescheidenheit, der Trauer, der Resignation und hielt somit zunehmend Einzug
in die Bewegung. Das Gothic - Einsteiger Motto: Wenn schon das Ende kommt,
dann wollen wir noch irgendetwas daraus machen. Eine Rückbesinnung auf alte
Zeiten, etwa das späte Mittelalter, als die Menschen an Pest und Cholera wie
die Fliegen starben und das Ende der Menschheit klar zu sehen war, findet
plötzlich statt - oder ein Blick in die Romantik des 18. und 19.
Jahrhundert. Heute ist da immer mehr die Flucht zu erkennen, die immer
größeren Abkehr von Problemen der Zeit. Schlagworte: Cloning, Rinderwahn,
Börsenfieber, Atomabfall. Zur Entspannung flüchten sich Goth´s in ihren
eigenen Kosmos der dunklen Gefühle, zünden eine Kerze an und lesen sich im
Gruselschein ein Buch von Edgar Allen Poe vor.
Dieses Verhalten schürt aber auch Vorurteile, die ungefähr in die Richtung
gehen, wer in Schwarz rumläuft und solch düstere Musik hört, der muß ein
Satanist oder gar gleich ein Ritalmörder sein. Geschürt wird die Angst
zumeist noch von den Medien, die im Juli diesen Jahres doch tatsächlich kein
besseres Sommerlochthema fanden, als "Satanistenopfer packen aus" auf dem
Titelblatt, basierend auf eine Fernsehdokumentation, in der 40 Jahre nach
der angeblichen Tat, inzwischen schizophrene Opfer von Satanisten erzählten,
wie sie ihr eigenes Kind töten und dessen Blut trinken sollten als Opfergabe
an Satan. Schwarzgewandet seien die Herren und Meister alle gewesen und
hätten mehrfach satanische Formeln vor sich hin gemurmelt. Doch anstatt den
Focus auf das möglicherweise tatsächlich stattgefundene Verbrechen zu
lenken, stürzten sich die Medien auf das Detail, daß es Anhänger der "sogenannten
schwarzen Szene sind, die zu solchen Taten bereit sind, die von vornherein
ein gewaltsames Verhalten zeigen und in dieser Szene den Nährboden für ihr
Gedankengut finden," so der Kommentator. Was bei all der Berichterstattung
nur sehr seltsam auffiel, war, daß das Thema nur wenige Wochen nach dem 12.
Wave - Gothic- Treffen in Leipzig erschien, zu dem sich letztes Jahr 19.000
Goth´s treffen...
In
ähnlicher Weise stürtzten sich die Medien auf den "Satanistenmord von
Witten" im Juli 2000. Wo Alexandra Allegra Ruda erklärte wie sie und ihr
Mann Daniel einen anderen jungen Mann mit 66 Messerstichen getötet haben.
Beide waren Anhänger der Gothicszene, hatten ihre Wohnung schwarz gemalt,
schliefen wohl offenbar in Särgen, die die Polizei im Schlafzimmer des
Paares fand. 66 Messerstiche, ein Ritualmord, da 66 als Zahl Satans steht.
Beide Täter geben als Begründung für diese Greueltat an: "Satan hat uns den
Mord befohlen." Tatsächlich zeigen Statistiken, daß in Deutschland, immer
häufiger Fälle auftreten, in denen Gewaltverbrechen mit Totenmessen oder
Blutopfern in Verbindung mit Satan verehrenden Menschen stehen. Trotzdem
darf man dabei nicht vergessen, daß diese Einzelfälle innerhalb der
Gothicszene darstellen und keinesfalls dort üblich oder gar verbreitet sind.
Dennoch steht die Polizei dem Phänomen Gothic und dieser immer größer
werdenden Gemeinde skeptisch gegenüber und sucht des öfteren nach Anzeichen
von satanistischem Hintergrund. So sind im letzten Jahr mehrere Jugendliche
befragt worden, die okkulte Schriften bei sich trugen und in Schwarz zur
Schule kamen. "Wir als Eltern sind zur Elternsprechstunde eingeladen worden,
die mit der Bemerkung eröffnet wurde: Ist ihnen nicht aufgefallen, dass sich
ihre Tochter verändert hat? Unsere Tochter wurde als potenzielles Opfer für
Satanismus hingestellt," berichtet eine Mutter eines Gothic-Girlies. Dazu
ihre Tochter Alexa (24) die selbst viel in der Gothic Szene unterwegs ist:
"Ich hörte halt düstere Musik und trug nicht die gewöhnliche Alltagskleidung
in der Schule. Ich mochte eher bizarre Frisuren, die ich zumeist dunkel
färbe. Vielleicht wirke ich hin und wieder zurückgezogen, mag sein, aber
deshalb verspüre ich noch lange keinen Hang zu Satan gehören zu müssen. Ich
töte keine Menschen, trinke kein Blut oder schände gar Friedhöfe. Im
Gegenteil, ein Friedhof ist für mich etwas sehr entspannendes, was mir eine
innerliche Ruhe verschafft. Ich will nicht absprechen, dass es in unserer
Szene auch Fanatiker gibt, aber nur weil ein paar schreckliche Beispiele an
die Öffentlichkeit gelangen, sind noch lange nicht alle Grufties
Satanisten!" Die
meisten Mitglieder der Schwarzen Szene stehen der Kirche fern, ja
distanzieren sich von Ihr. Dies ist allerdings ein allgemeines Phänomen in
unserer Gesellschaft, das heißt wenn sich Goth´s von der Kirche
distanzieren, drücken sie damit nur die zunehmende Kirchenferne unserer
Gesellschaft aus. War Jesus nicht auch fern der offiziellen Kirche? Ist die
düsterromantische Philosophie der Gothic´s nicht gleichzeitig eine Suche
nach Lebenssinn?
"Das Kreuz etwa signalisiert für mich den Opfergang von Jesus Christus, der
aus Liebe starb, seinen Tod am Kreuz. Jesus starb nicht für irgendwelche
Kirchenfunktionäre, sondern für die ganz normalen Menschen," meint Antonia
(34). Mit dem umgedrehten Kreuz provoziert man eher, gibt den gängigen
Klischees Nahrung, die der normale Bürger hat. Nur wer mal aufmerksamer
hinschaut: Umgedrehte Kreuze gibt es in fast jedem Modeschmuckladen
inzwischen für nur 4 Euro und nicht einer der Händler wird wohl Satanist
sein, oder?
Aus den wenigen Untersuchungen die es gibt, läßt sich keine Präferenz der
Szenemitglieder festmachen. Einige glauben zwar an einen Gott, aber nicht im
christlichen Rahmen. Andere wiederum sind komplette Atheisten. Eine gewisse
Vorliebe läßt sich in Richtung "neues Heidentum", also Naturreligionen im
weitesten Sinne, ausmachen. Schamanismus (als Religion der amerikanischen
Indianer oder in Form des keltischen Schamanismus bzw. des Core -
Schamanismus), Asatru (Religion der germanischen und vieler nordischer
Stämme) sowie Wicca (basierend auf magischen Ritualen der Renaissance). All
diese Religionen sind durchaus verschieden, nur eines haben alle gemeinsam:
Sie haben alle nichts mit Satanismus zu tun, auch wenn gern das Gegenteil
behauptet wird.
Was die Botschaften der Texte vieler Künstler angeht, so soll nicht
verschwiegen werden, dass es durchaus Texte gibt, die auf den ersten Blick
wie Teufelsanbetung aussehen. Es drängt sich hier jedoch sehr stark der
Verdacht auf, dass die Bands nur auf vordergründigen Schockeffekt aus sind
und mitnichten eine religiöse Einstellung dahinter steht. Andere zielen
offenbar darauf ab, bei den kirchenfernen Jugendlichen als Rebellenband
anzukommen.
Eric Fish, Sänger der Potsdamer Kultband Subway to Sally, dazu: " Wenn wir
über den Tod singen, der in jedem Jahrhundert eine Rolle spielt, dann
schauen wir dabei hinter die Beweggründe der Menschen. Die Botschaft unserer
Lieder sollte eben sein, das man aus dem Leben das Beste macht. Man soll es
genießen und das möglichst schnell und viel. Leb schnell stirb langsam, sag
ich immer. Aber natürlich kann der Tod kommen, sogar recht schnell, und das
sollte man dabei auch nicht vergessen. Was unser Verhältnis zum Tod oder
Satanismus angeht, wir sind eigentlich alle sehr lebensfrohe und
lebensbejahende Menschen in dieser Band, also keiner schlachtet hier
irgendwie Hühner und trinkt deren Blut oder so. Im übrigen ist mir in
unserer Szene auch niemand bekannt, der dass tun würde!"
Also in diesem Sinne - die Nacht zum Gruß auf Burg Rabenstein!
Bands zum WGT 2004:
Absurd Minds (D), After Forever (NL), Agathodadaimon (D), Amduscia (MEX) -
erstmalige Präsentation in Europa, Anne Clark & David Harrow (UK), Antiworld
(USA), Armageddon Dildos (D), Ashes you leave (HR), Aslan Faction (UK),
Atrium Carceri (S), Camouflage (D), Cathastrophe Ballet (D), Clan of Xymox
(NL), Coil (GB), Cold (D), Coph Nia (S), Cornix Maledictum (D), Corvus Corax
(D), Covenant (S), Crematory (D), Cultus Ferox (D), Cyber Axxis (D), Cybork
Attack (D), Daemonia Nymphe (GR), Dark Sanctuary (F), davaNtage (D),
De/Vision (D), Deathstars (S), Deutsch Nepal (S), Diva Destruction (USA)-einziges
Europakonzert, Dwelling (P)Eisbrecher (D), Elis (CH/FL), Endraum (D), Epica
(NL), Estampie (D)- rom antisches Nachtkonzert im heidnischen Dorf, Faun(D),
Feindflug (D), Fetish 23 (S), Fixmer/Mc Carthy (F/GB), FunkerVogt (D),Girls
under Glass (D), Gothminister (N), Graveworm (I), Gray/scale (UA), Green
Carnation (N), Grendel (NL), Haggard (D), HaWthorn-Horden/Wakeford (UK),
Hioctan (D), Illuminate (D) - exklusive Festivalshow 2004, In mitra medusa
Inri (D), In Slaughter Negatives (S), In Strict Confidence (D), Insekt (B),
IRM (S), Jesus and the Gurus (CH), Karl Batos (D), Kartagon (CH), KiEw (D),
Killing Ophelia (and Hamlet never died) (GB) - Deutschlandpremiere,
Knifeladder (UK), Komu Vnyz (UA), Lacima Profundere (D), Leaves Eyes (N/D),
Mandrake (D), Matore (D), Melotron (D), Mephisto Waltz (USA), Mila Mar (D),
Monoblock (D), My dying bride (UK), Mystic Circle (D), Neavus (UK),
NamNamBulu (CH), Neon Dream (D), New Days Delay (D), Noctulus (D), Northern
Lite (D), Pankow (I), Persephone ( A), Plastic Noise Experience (D)-einziger
Sommerauftritt in Deutschland 2004, Potentia Animi (D), Pronoian Made (L),
Proyecto Mirage (E), Punch Inc. (D), Remember Twilight (D), Ressurrection
Eve (AUS), Rotersand (D), Salonorchester Weimar (D), Saltatio Mortis (D),
Sanctum (S), Sanguis et Cinis (A), Say Y (D), Schandmaul (D), Schuldt feat.
Myk Jung (D), Secret Discovery (D), Sephirot (S), Sex Gang Children (UK),
Shorai (S), Skeletal Family (UK), Skin Area (S), Skinflick (UK), Sleepwalk
(CH), Spiritual Front (I), Staub (D), Staubkind (D), Suicide Commando (B),
Tactikal Sekt (UK), Terminal Choise (D), The Cascades (D), The Count (D),
The Crüxshadows (USA), The House of Usher (D), The Klinik (B), The Tors of
Dartmoor (D), The Vision Bleak (D), Undergod (CH), Unheilig (D), Unto Ashes
(USA) - Europapremiere, Untoten (D), Veneno para las Hadas (MEX) -
Eoropapremiere, Warren Suicide (D), Winterkälte (D), Xotox (D), (:SITD:) (D)
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