BACK AGAIN: GOTHIC / WAVE / DARK-WAVE
| Compilation
– NEW SWISS WAVES (CD 2002) (Divus Modus www.divusmodus.ch )
Eröffnet wird die CD mit eingängigem Wave-Pop von CARPE DIEM, die durch mehrere CD-Alben und Auftritte mit einigen „Großen“ der Szene schon einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. Die Band hat sicher das Zeug zu einem größeren Durchbruch. Wenn sie sich dabei musikalisch treu bleiben, ist es ihnen zu gönnen. Eine MCD von NUUK ist schon an anderer Stelle vorgestellt wurden und ich habe die Band da so ein bisschen in die Cure-Ecke gestellt. Dass sie auch anderes können zeigt sich hier mit „Velvet“. Das ist rockiger Gitarren-Wave mit leichtem Gothic-Einschlag und Gesang, der offenhörlich deutlich von Bono Vox beeinflusst ist. Dann KARTAGON, die aus den auch in Deutschland sehr bekannten Panic On The Titanic hervorgegangen sind. Sie spielen tanzbaren Synthie-Pop mit EBM-Einschlag, der sogar ein wenig nach Italo-Disco klingt, was ich absolut nicht negativ verstanden wissen will. Das Ganze könnte etwas druckvoller produziert sein, dann wären die Tanzflächen wohl schnell erobert. Die Mini-CD von AUTOMUTE habe ich ja auch schon abgefeiert und eigentlich sollte ein Interview mit dem Projekt folgen, was ich dann aber irgendwie verschwitzt habe. Werde mich mal wieder darum kümmern. Hier gibt es mit „Jumpstart“ einen genialen Mix aus Electro und Schrammel-Gitarren, einen Ohrwurm irgendwo zwischen Human League (Gesang), Heaven 17 und Nurges. AUTOMUTE sollte man auf jeden Fall im Ohr behalten. ICON OF SIN sind auch wieder was für die Clubs. Ihr Electro-Pop ist eingängig, melodiös und hat schöne Flächenkeyboards vorzuweisen. Geht das schon in Richtung „Future-Pop“ (für mich übrigens das musikalische Unwort des Jahres 2002 – was ist „Future-Pop“ eigentlich? Aber das gehört hier nicht hin)? Ein richtiger Hit sind für mich NETWORK mit „Liebeslied (Lili´s Song)“. Trotz des blöden Bandnamens bin ich begeistert, denn wo kriegt man so schönen Retro-Electro-Sound im Stile von frühen Krupps, Nitzer Ebb und Deutsch Amerikanische Freundschaft sonst noch geboten? Da fühlt man sich doch beinahe an gute alte NDW-Zeiten erinnert, auch wenn die Produktion nicht wirklich perfekt ist. Dark Wave im Stile von Goethes Erben gibt es dann von IRRLICHT. Der Gesang geht schon deutlich in die Henke-Richtung, nur etwas rauer. Nicht so ganz mein Fall, auch, wenn´s gut gemacht ist. AIX spielen nach vorne losgehenden Indie-Rock mit Wave-Einschlag und erinnern mich an die Hamburger Competition Deadline aus den frühen 90ern. Ich denke allerdings, wirklich gut sind AIX erst auf der Bühne in einem kleinen, verräucherten Club. SUCCUBUS sind der Beweis, dass Umbra Et Imago und Konsorten auch in der Schweiz bekannt sind Ihr Gothic-Metal bei „Das Totenbuch“ ist mir vom Bandnamen über den Songtitel bis hin zum Text zu klischeehaft und es scheint mir nicht so, als wenn das ironisch von der Band gemeint ist. Ebenfalls in die Gothic-Metal Richtung, aber ohne die ganzen Klischees, geht es bei PROFOUND. Sie verbinden in stiltypischer Weise Metal-Gitarren mit Keyboard-Sounds, die dem Ganzen die Härte nehmen. Leider wirkt die Stimme des Sängers für meinen Geschmack zu gekünstelt. Danach wird es aber wieder wirklich gut, denn meine Schweizer Lieblinge von CELL DIVISION dürfen ihren kraftvollen Gothic-Rock im Stile von Inkubus Sukkubus präsentieren. Abgesehen davon, dass die Musik mir sowieso gefällt, mochte ich schon immer Gothic-Rock-Bands mit Frauengesang, der NICHT nach Siouxsie klingt. Alles weitere zu dieser großartigen Band im Interview in der Wave/Gothic-Rubrik. Sakral beginnt der Song von TROIKA und ich befürchtete beim ersten Hören schon wieder irgendwelches Todeskünstler-Geseier. Stattdessen kommt aber ein rockiger Dark Wave-Song, der auch so manche Tanzfläche füllen dürfte. Trotzdem denke ich, dass bei mir der Funke wohl erst überspringen dürfte, wenn ich die Band live auf der Bühne erlebe, denn dort gehört diese Art von Musik hin. METALLSPÜRHUNDE haben nicht nur einen ziemlich genialen Bandnamen , sondern überzeugen auch musikalisch. Ihr Song „Engel & Teufel“ klingt zwar gesanglich und von den Gitarren her ein wenig nach Rammstein oder Oomph!, erscheint aber ziemlich dramatisch und versöhnt rechtzeitig durch gute Electrosounds und viel Power. Auch, wenn die Band nicht zu meinen Favoriten auf dieser CD zählt, könnte da doch eine Band mit großen Erfolgschancen im Kommen sein. Auch SYSTEM DER DINGE haben einen guten Bandnamen, bei dem ich gleich an Electro-Pop denken muss und damit nicht falsch liege. Die Band gibt es schon rund 10 Jahre und wenn ich mich nicht ganz täusche, habe ich vor vielen Jahren schon mal was auf Tapesamplern von ihr gehört. Erfrischend, auch mal eine Frauenstimme bei einer Electroband zu hören, auch wenn sie nicht jeden Ton perfekt trifft, was den Gesang aber gerade besonders sympathisch macht. Überhaupt scheint es so zu sein, dass Frauen in Schweizer Wavebands nicht gerade eine große Rolle spielen, was ich sehr schade finde. Vielleicht ist das aber bei dieser Zusammenstellung auch nur Zufall. SUDDEN MOOD gibt es mit Unterbrechungen auch schon seit Anfang der 90er Jahre und kurz vor dem Ende der CD gibt es noch mal gelungenen Gitarren-Wave zu hören, der durch eine gewisse Monotonie fast ein bisschen hypnotisch wirkt. Hier möchte ich gerne mal mehr hören und die Band vor allem auch mal live erleben. Beschlossen werden die „New Swiss Waves“ von dem Projekt DER EREMIT, die bei mir nach lesen der Infos im CD-Booklet, des Bandnamens und beim Betrachten des abgedruckten Bildes ein wenig Angst auslösten. Ich erwartete eine Kopie von Das Ich...ich bin alles andere als ein Fan von Das Ich, respektiere aber ihre sehr eigenständige Musik und die technische und kompositorische Umsetzung. Wer da mithalten will, muss schon wirklich was können. Ganz von der Hand zu weisen ist der Vergleich bei DER EREMIT nicht, eine bloße Kopie sind sie aber trotzdem zum Glück nicht. Dennoch können sie mich nicht überzeugen, denn die Stilvielfalt (Gothic, Dark Wave, Electro, Mittelalter, Industrial), die manche Leute als innovativ beschreiben werden, erscheint mir nur ziellos. Eine klare Linie vermisse ich hier und würde gerne mal andere Songs der Band hören. Aber auch dadurch wird der Gesamteindruck dieser Compilation nicht gemindert. Abgesehen von wenigen Ausnahmen in der Mitte und am Ende der CD überzeugen mich eigentlich alle Bands und von vielen möchte ich gerne mehr hören und werde mich darum auch mal kümmern. Außerdem zeigt „New Swiss Waves“, dass es in der Schweiz eine gesunde, vielfältige Musikszene gibt, die sich hinter der deutschen oder in den letzten Jahren auch österreichischen nicht zu verstecken braucht. Auffallend ist übrigens, dass es in der Schweiz, wie schon in den 80ern eine Menge interessanter Electro-Bands gibt. Ich bin sicher, dass die eine oder andere Band auch hierzulande noch von sich reden machen wird. (A.P.) |
| KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle (H.H.) = Haiko Herden |