BACK AGAIN: GOTHIC / WAVE / DARK-WAVE

HIM + Zeraphine + Basement 6 - Live Offenbach, Capitol - 06.04.2004

Der Abend begann nicht sehr vielversprechend: dicke Hagelkörner prasselten auf das Pflaster und versüßten den – meist schwarz gekleideten – Wartenden nicht gerade die Zeit. Sollte das Wetter etwa ein Vorbote auf den restlichen Verlauf des Abends sein? Auf der letzten Deutschland-Tour hatte man ja nicht unbedingt Glanzleistungen von Ville Valo und seinen Mannen bewundern können. Doch die Vorraussetzungen, diesmal eine bessere Show geboten zu bekommen, waren doch recht gut. Die fünf Finnen hatten ihr Versprechen wahr gemacht, bei dieser Tour in kleineren Hallen zu spielen, und so fand das Konzert in Offenbach nicht wie das letzte Mal in der Stadthalle, sondern im wesentlich kleineren Capitol statt. Der Einlass gestaltete sich überaus gesittet, und so ging es zügig voran. Das Capitol selbst, früher ein Kino gewesen, ist ein wirklich schönes Gebäude, sowohl von außen (mit hübscher Kuppel) als auch von innen. Das Foyer bot reichlich Platz für die Bar, den Merchandise-Stand und die Jägermeister-Helfer, die eifrig Jägermeister-Kopfbedeckungen an die Eintreffenden verteilten. Der Abend stand sowieso ganz unter dem Zeichen des Getränks mit dem Hirsch-Logo. Das kam natürlich nicht von ungefähr, immerhin hatte der Jägermeister-Band-Support der Band nicht nur den äußerst komfortablen Bus zur Verfügung gestellt, sondern hatte auch weitgehend unbekannten Bands die Chance gegeben, HIM als Vorgruppe zu supporten. Die Gewinner-Bands waren je bei 1-2 Konzerten dabei, um den Abend zu eröffnen; als zweite Vorband hatte man die nicht ganz unbekannte Formation Zeraphine für die gesamte Deutschland-Tour verpflichtet. Doch dazu später, zuerst war es Aufgabe der Basement 6, das Publikum zu animieren. Pünktlich um kurz nach 20Uhr hob sich der halbtransparente Vorhang, auf den zuvor das Jägermeister-Logo projiziert worden war, und die Stuttgarter enterten die Bühne, um einen wirklich gelungen Querschnitt durch ihr Album „Gone For Today“ zu präsentieren. Das Publikum unterstütze die Band mit Applaus und rhythmischem Klatschen, und die Jungs schienen mit der Resonanz auf ihren straighten Gothic-Electro-Rock sehr zufrieden zu sein.

Nach einer kurzen Umbau-Pause hatte die Band um die zwei Ex-Dreadful Shadows Sven Friedrich und Norman Selbig ihren Auftritt: Zeraphine. Die fünf Berliner wurden überschwänglich begrüßt und lieferten eine erstklassige Show bei kristallklarem Sound und schönen Licht-Effekten. Das etwa 40-minütige Set bestand aus einer guten Mischung der beiden Alben und auch das Verhältnis der deutschen und englischen Songs war ausgewogen. Natürlich durfte auch die aktuelle Single nicht fehlen, und so erklangen schon bald die ersten Takte des U2-Klassikers „New Year’s Day“ in der Halle. Das Publikum empfing den melancholisch angehauchten Goth-Rock mit offenen Armen, und das Quintett war überwältigt von der guten Stimmung, die ihnen entgegenschlug.

Doch trotz allen war es dann auch Zeit für sie, die Bühne zu räumen, und so war für das Publikum ein letztes Warten auf die Hauptband angesagt. Um 22Uhr war es dann endlich soweit, die Lichter gingen aus, der Vorhang hob sich erneut und ein schauerliches Intro erklang während dem die fünf Bandmitglieder auf die Bühne kamen und ihre Plätze vor dem großen, goldenen Heartagram-Logo einnahmen. Eröffnet wurde das Set mit „Buried Alive By Love“, dem Opener ihres letzten regulären Albums „Love Metal“. Weiter ging es mit Hits wie „Poison Girl“, „Heartache Every Moment“ und natürlich auch dem Chris Isaak-Cover „Wicked Game“, das die Finnen sich schon längst zu eigen gemacht haben. Im Grunde lieferten die Jungs aus dem hohen Norden eine gelungene Show ab, doch was war bitteschön mit dem Sound los? Was bei beiden Vorbands nahezu perfekt geklungen hatte, hatte jetzt mehr als nur ein wenig abgebaut und führte nun zu einem unausgeglichen, teils sogar blechernen Sound und zu Kopfschütteln bei einigen Besuchern. Nach einer Weile wurde der Ton besser, aber die Perfektion, die bei den Support-Acts vorhanden gewesen war, wurde dennoch nicht annähernd erreicht. Schade! Gerockt wurde trotzdem ordentlich, sowohl im Publikum, als auch auf der Bühne. Der sonst eher wortkarge Frontmann der Finnen erwies sich als überaus gesprächig und überbrückte die Pausen zwischen den Songs fast immer mit ein paar Worten. Dass die Hälfte davon im Nuscheln oder den Fan-Schreien unterging und die Ansagen der einzelnen Songs teilweise doch recht merkwürdig waren, schien niemanden zu stören. Jeder Song wurde freudig begrüßt und meistens auch lauthals mitgesungen, so dass die Atmosphäre des Konzerts hauptsächlich durch die grandiose Stimmung im Publikum zustande kam. Die Jungs auf der Bühne waren davon nicht unbeeindruckt, sondern ließen sich eher anstecken. Vor allem Keyboarder Burton schien hocherfreut und animierte das Publikum immer wieder erneut. Das Set bestand aus Songs aller vier regulären Alben, wobei das erste wie immer etwas zu kurz kam. Dafür wurden einige Songs mehr vom vierten Album „Love Metal“ gespielt, die aber auch gut aufgenommen wurden. Kollektive Gänsehaut breitete sich natürlich bei „Join Me“ aus, das fast schon als Klassiker gewertet werden kann. Natürlich erinnerten Ville & Co auch noch mal an ihr kürzlich erschienenes „Best Of...“ und so durften die zwei neuen Songs dieses Albums nicht fehlen. Obwohl „neu“ vielleicht etwas übertrieben ist, denn wirklich neu ist eigentlich nur der Titeltrack „And Love Said No“. Der zweite Track, der zugleich als erste Single-Auskopplung fungiert, ist nämlich mal wieder ein Cover. Diesmal von Neil Diamond, denn „Solitary Man“ stammt ursprünglich aus seiner Feder, auch wenn das Lied später dann schon einmal gecovert worden war, und zwar von niemand geringerem als Villes großes Idol Johnny Cash. Wer aber zum Erscheinen des „Best Of..“-Albums auch eine reine „Best Of...“-Show erwartete, lag völlig falsch. Zwar wurden natürlich die größten Hits wie „Right Here In My Arms“, „Pretending“ oder wie eben bereits erwähnt „Join Me“ und „Wicked Game“ gespielt, doch auf Singles wie „In Joy And Sorrow“ oder „Gone With The Sin“ wartete man vergeblich. Doch natürlich blieb der Abend dennoch nicht völlig balladenfrei und so durfte bei Songs wie „This Fortress Of Tears“ und „Bury Me Deep Inside Your Heart“ schön gelitten werden. Nach dem ebenfalls balladesken „The Sacrament“ verabschiedeten sich HIM erst einmal, doch so einfach ließ sich das Publikum nicht abspeisen und bekam zum Dank gleich zwei besondere Schmankerl: das schmachtende „Resurrection“ und das fetzige, gitarrenlastige „It’s All Tears“. Nach der wunderschönen Ballade „The Funeral Of Hearts“ war dann aber endgültig Schluss. Ville verabschiedete sich und verließ die Bühne; die restlichen vier spielten noch einen kurzen Moment weiter, bevor auch sie ihre Instrumente zur Seite legten und nach einem weiteren kurzen Moment des „Sich-Feiern-Lassens“ ebenfalls von der Bildfläche verschwanden.

Als Fazit kann man das Konzert als durchaus gelungen bezeichnen, auch wenn der Sound trotzdem einen etwas säuerlichen Nachgeschmack hinterließ. Dennoch: nach dem etwa 90-minütigem Set, den größten Hits, einigen raren Stücken und Villes Belehrungen, dass der Kauf einer Karte niemanden berechtigt, sich wie eine Nutte zu benehmen kann man doch guten Gewissens sagen: „Sie können’s noch!“ Kiitos und bis zum nächsten Mal. (Ricarda Schwöbel ricarda.schwoebel@onlinehome.de )

 

KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden