BACK AGAIN: ROCK


TOM WAITS - Alice (CD 06.05.2002)

(Anti/Epi)

„Durchs Kanninchenloch, auf der Spur ins Innere der Welt“

Der Poet der gestrauchelten Existenzen Tom Waits kehrt mit „Alice“ im Gepäck auf den Musikmarkt zurück

Zugegeben, es mutet schon etwas seltsam an, wenn den geneigten Hörer ein gnomenähnliches Männchen auf einem versunkenen Autoreifen auf dem Frontcover begrüßt, später eine Dampflok einen empfängt, und alles zusammen einen einlädt zu einer Reise in die Welt des kleinen Mädchen Alice, dass zufällig durchs Kanninchenloch gefallen ist und nun das Innere der Welt auf den Kopf stellt.

Dazu röhrt dann noch eine Stimme, die an das reiben eines Fakirbretts über eine Reibe erinnert. Rauh, kratzig und teilweise Wörter verschluckend meint der Sänger: „Everything you can think of is true. The dish run away with the spoon…”.

Schon hat Tom Waits uns dort, wo er uns hinhaben wollte. An die Grenze zwischen Traum, Realität und Melancholie. Vorsichtig dürfen wir ganze 15 Songs auf diesem schmalen Grat wandern, wir fallen nicht, die Musik wird uns tragen.

Waits selbst ist ein Geschichtenerzähler, der es liebt sein eigenes Leben mit Anekdoten aufzufüllen. So sei er am 7. Dezember 1949 auf der Rückbank eines Taxis in Kalifornien geboren worden, verbrachte die Jugend in einem Restaurant, in dem der Mafiagangster Big Nick täglich verweilte, der sich als Lebensmittelhändler erwies, und machte in den 60ern von sich reden. Was Waits interessierte waren und sind die Geschichten der kleinen Leute, und so inszeniert Waits die Kunstfigur Waits, einen angespülten Träumer und Phantasten, der die Welt mit den verschreckten Augen des wie hier Kanninchens oder Gnoms betrachtet. 

1992 war das Enstehungsjahr des Albums „Alice“, als der texanische Kultregisseur und Bildphantast Robert Wilson „Alice“ nach der textlichen Vorlage „Alice im Wunderland“ von Lewis Caroll am Thalia Theater in Hamburg inszenierte. „Meine Arbeit unterscheidet sich von denen anderer Regisseure des 20. Jahrhunderts grundlegend darin, dass sie sehr visuell orientiert ist. Alle Komponenten haben ihren Platz und ihre Wichtigkeit. Das Licht kann so wichtig sein, wie die Musik oder ein Schauspieler,“ erklärt Wilson. Wilsons Schauspieler agieren wie an Fäden gezogen in einem Raum, dessen Wirkung allein vom Licht bestimmt wird. Im Jahr 1970 tritt Wilson erstmals ins Theaterlicht als Regisseur mit seinem sieben Stunden langen Drama „Deafman Glance“ und sorgte für Verwirrung, als in dem gesamten Stück kein Satz gesprochen wurde. Das ist heute, wie etwa im jüngst inszenierten „Dr. Caligari“ am Deutschen Theater Berlin immer noch so.

Stattdessen dominieren die Wirkungen von Beleuchtung, Musik und den Mimiken und Gestiken der Schauspieler. Seine Stücke werfen Fragen in Bildern auf, und geben Bilder und Fragen zurück. Zu „Alice“ bedurfte es einer ausgefallenen Musik, die sowohl phantasievoll wie schwermütig ist, und so kam Wilson an Waits. Tom Waits reiste nach Hamburg und verfolgte die Proben, entwarf die Musik und verhalf „Alice“ über Wilson hinaus zu einem noch größeren Bekanntheitsgrad.

So ist es auf der Platte auch nicht sonderlich verwunderlich, dass so sonderbare Figuren wie das weiße Kanninchen auftauchen das nicht zu spät kommen will. „Kommienezuspadt“ heißt der Titel und zieht mit Cello, Klarinette und Percussion den Hörer hinein ins Kanninchenloch, fern von Realität in die Waitsche Sichtweise der Dinge. Hinein in die Dinge zwischen Barjazz, Tango und Straßenmusik gepaart mit Tanzschuppenklängen und Landstrassenblues. In gebrochenem deutsch singt das Kanninchen „Sei punktlisch! Sei punktlisch! Kommienezuspadt!“ und saugt den Hörer ein.

Deutlich werden die Barjazzklänge im siebenten Track „Table Top Joe“ über den zu klein gewachsenen Joe, der so virtuos Stravinsky spielte, dass er obwohl ein ungeliebtes Kind, er es schließlich schaffte sein eigenes Orchester und seine eigenene Schow zu bekommen.

 „And the man without a body proved everyone wrong I was rich and I was famous and I was where I belonged...“ Mit Schifferklavier und Piano begleitet Waits den Song von Joe liebevoll und mit einem kleinen ironischen Beigeschmack.

Ebenfalls Bestandteil des Waitschen „Wunderland“ ist der Song „Reeperbahn“ .

In Hamburg entstanden, schaut Waits auf die Reeperbahn mit einem Blick für die kleinen Leute, so ist dort der abgestürzte Filmstar, der das Tier in den Hafenhühnern erweckt, oder Rosie, die eigentlich Schauspielerin werden wollte und wohl auch Nutte geworden ist. Waits deutet da nur indirekt was an, oder der kleine Hans - der Kleider trägt - und den der Vater versucht zu ändern. „Behind every window, behind every door the apple is gone but there’s always the core. The seeds will sprout up right through the floor. Down there in the Reeperbahn…” Waits und seine Frau und Kreativpartnerin Kathleen Brenan schieben ihre Songs in die Handlung, die Musik selbst deutet nichts aus. Stattdessen kommt ihr das Episodenhafte der Geschichten die erzählt werden entgegen.

So bildet das Werk „Alice“ eine Möglichkeit sich in die schiefe Welt zu verlieben, und sich im Bau des Kanninchens zu verlieren, gefangen zwischen Labyrinthen und verloren zwischen Raum und Zeit.

(Maximilian Nitzschke)


TOM WAITS - Mule Variations (CD)

TOM WAITS - Hold On (MCD)

(Epitaph)

Tom WaitsTOM WAITS, ist er der Gott des Blues? Ich weiß es nicht so genau, ich bin nämlich kein Blueser. Oder nennt man das Blouson? Keine Ahnung. TOM WAITS ist aber auch mir ein Begriff. 5 Jahre macht der Mann nun schon Musik und dementsprechend zerfurcht ist auch sein Äußeres, was sich gut in der Musik wiederspiegelt. Einige Songs der CD spiegeln den Blues des Mannes wieder, sehnsüchtige Lieder mit rauchiger und kratziger Stimme, einige Songs dafür sind aber in Wahrheit kein Blues, sondern eine obskure Mixtur aus verschienden Stilen, sehr Percussion-orientiert und teils wirklich im Bereich des Experimentellen. Übrigens ist „Mule Variations" das TOM WAITS-Debüt-Album auf dem Label EPITAPH. Fast mag man fragen, wie den dieses Blues-Urgestein zu EPITAPH kommt. Das Cover der CD ist übrigens in einem grandiosen, recht farblosen Artwork gehalten, das mir wirklich gefällt. Als Maxi-CD hat man das ruhige, radiokompatible „Hold On" ausgewählt. Ich muß abschließend sagen, daß mir TOM WAITS bis dato eigentlich nur bekannt war als Blues-Sänger und der mich eigentlich nie interessiert hat. Doch ich muß sagen, auch TOM WAITS hat einige gute Seiten, die für meinem persönlichen Geschmack nicht in seinen Blues-Songs zu finden sind, sondern in seiner Ablehnung an die kommerzielle Musikindustrie. Kompliment. (H.H.)