BACK AGAIN: POP-REVIEWS

WIR SIND HELDEN – Die Reklamation
JUDITH HOLOFERNES – Kamikazefliege

WIR SIND HELDEN – Die Reklamation (CD 2003)

(Labels/Emi)

Seit Monaten sind WIR SIND HELDEN als DIE deutsche Band des Jahres in aller Munde, beziehungsweise Ohren und die beiden Vorabsingles „Guten Tag“ und „Müssen Nur Wollen“ waren sehr erfolgreich. Die Band, oder zumindest Sängerin Judith Holofernes trat in allen möglichen TV-Sendungen auf und durfte über sich und ihre Sicht auf unsere Welt berichten.

Ein Medienhype? Nein, sondern ein gewachsene Band, die selber den Weg nach oben geschafft hat, ihre Songs selber schreibt, sich den Arsch auf jeder möglichen Bühne abspielt und Texte jenseits von Herzschmerz-Tralala bringt. Die deutliche Konsumkritik und die Kritik an unserer Leistungsgesellschaft muss den Politikern eigentlich die Tränen in die Augen treiben. Was macht WIR SIND HELDEN also zu einer Konsensband, mit der sich fast jeder identifizieren kann? Zum einen natürlich die Musik, die zwar poppig und eingängig ist, aber nie etwas mit dem derzeitigen Top 10-Einheitsgeklimper eines Dieter Bohlen zu tun hat. Und obwohl der Sound häufig an die 80er erinnert, bewegt er sich doch jenseits aller 80er-Jahre Coverversionen-Frechheiten. Die Texte sind intelligent, voller hübscher Wortspiele und doch für jeden verständlich und die Musiker, einschließlich der durchaus hübschen Sängerin Judith, kommen so normal und sympathisch rüber, dass man denken könnte, es hier immer noch mit einer Teenagerband, die in der Garage nebenan probt, zu tun zu haben.

Das Zauberwort bei WIR SIND HELDEN ist wohl „normal“, hier wirkt nichts Superstar-durchgestylt oder sonst irgendwie künstlich.

Wie schon die Singles vorher, kann natürlich auch „Die Reklamation“ überzeugen, denn eigentlich jeder Song ist ein Ohrwurm, egal, ob es textlich nun kritisch oder eher persönlich ist und ob die einzelnen Songs nun schnell oder balladesk sind. Spätestens nach zweimaligem Hören erkennt man jede Melodie sofort wieder und kann zumindest den Refrain mitsummen oder sogar –singen.

Glücklicherweise hat das Album nur eine Laufzeit von etwas über 40 Minuten, so dass sich auch keine Ermüdungserscheinungen einstellen, denn, und auch das darf man nicht außer Acht lassen, die ganz großen Überraschungen oder Abwechslungen gibt es nicht, weder musikalisch, noch textlich. Wer die Singles mochte, wird das Album auch mögen und umgekehrt. Wenn man ein Fünfeck mit den Eckpunkten Mia, Paula, Ideal, Rosenstolz und Nichts aufzeichnet, kann man WIR SIND HELDEN perfekt als Schnittpunkt einsetzen, wenn man die Ecken durch Geraden miteinander verbindet (was, wie ich gerade merke, gar nicht geht, weil die Geraden eben dann nicht durch einen Punkt laufen, so dass der Vergleich hinkt...man müsste immer einen Eckpunkt mit dem Mittelpunkt der gegenüberliegenden Seite verbinden, dann sollte es aber klappen...egal). Dazu gibt´s dann noch etwas Rio Reiser und eine Prise Die Ärzte.

Etwas enttäuscht bin ich vom Cover, das zwar ein sehr schönes Bild zeigt, welches aber viel zu klein ist. Dafür gibt es aber als Bonus einen knapp 17minütigen, sehr unterhaltsamen Film über die Band, die man sich eigentlich auf fast jeden Computer ansehen können müsste und außerdem einen kleinen Karaoke-Clip zu „Guten Tag“. Das erfreut das Fanherz doch ungemein. Ich würde mal sagen, dass „Die Reklamation“ gute Chancen hat, das beste deutschsprachige Album des Jahres zu werden und hoffentlich auch eins, das richtig erfolgreich wird. Mein Tip für die nächste Single ist „Rüssel an Schwanz“. (A.P.)


JUDITH HOLOFERNES – Kamikazefliege (CD ????)

(Private Release)

JUDITH HOLOFERNES kennt heute jeder als Sängerin und Gitarristin von WIR SIND HELDEN und den dadurch bedingten ständigen Fernsehauftritten in jeder Sendung, die was auf sich hält. Ob WIR SIND HELDEN selbst es wirklich so toll finden, dass sie immer und überall als DIE deutsche Popsensation hingestellt werden, möchte ich bezweifeln.

Auch vor der Band hat JUDITH HOLOFERNES schon Musik gemacht, und zwar einfach nur mit ihrer Gitarre „bewaffnet“. Die CD „Kamikazefliege“ ist in Eigenregie und verschwindend geringer Auflage erschienen, was sie inzwischen bei Ebay zu einem teuren Sammlerstück macht. Vor einem Jahr, als noch keiner von WIR SIND HELDEN gesprochen hat, dürfte die Solo-CD sicher ohne weiteres zu kriegen gewesen sein, aber heute lecken sich die Fans die Finger danach und es dürften sicher Hunderte oder sogar Tausende von Kopien kursieren.

Es lohnt sich allerdings, nach „Kamikazefliege“ zu suchen, denn die Lieder sind ziemlich HELDEN-typisch, nur eben, dass sie nur mit Akustikgitarre begleitet werden. Melodien und Texte sind über jeden Zweifel erhaben und wenn ich schreibe, dass das hier eigentlich ein Liedermacher(in)-Album ist, so soll das nicht heißen, dass die Lieder altbacken und mit erhobenem Zeigefinger daherkommen. Die Texte beschreiben das Leben und Situationen, die die meisten wohl kennen…na ja, irgendwelche Teenies und Deppen, die „7 Tage – 7 Köpfe“ lustig finden und sich regelmäßig die neuesten „Ballermann-Hits“ CDs kaufen werden vieles wohl nicht verstehen, weil es hier keine platten Zoten und stampfenden Rhythmen gibt. Sogar einige später von WIR SIND HELDEN veröffentlichte Songs gibt es hier schon zu hören, wie zum Beispiel „Außer Dir“ und „Aurélie“. Das ist insofern sehr schön, weil sie hier sozusagen bloß gelegt werden und beweisen müssen, dass sie auch ohne aufwendige Studioproduktion funktionieren. Das gelingt den Liedern problemlos. Ansonsten gibt es Songtitel wie „Ich Will Alles“, „Hirnwichserei“ und „Afroamerikanerküsse“ und einige mehr. Lohnenswerte CD zum „immer hören“, allerdings sollte man auf die Texte achten, denn die Musik an sich ist sicher hier und da „nur Begleitung“ und wenig spektakulär. (A.P.)

 

KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden