BACK AGAIN: POP-REVIEWS

Werbeveranstaltung mit Stargästen...   Die Radio Hamburg 80er Party

(03.09.2004 – Hamburg – ColorLine Arena) 

Seit Wochen wurde auf dem lokalen Hamburger Privat-Radiosender („Die Megahits der 80er und 90er und das beste von Heute“ - was sich, wie bei allen privaten Formatradios auf die immer gleichen Songs für den Massengeschmack beschränkt, ohne eigenes Profil und mit „unglaublich lustigen“ Moderatoren) Radio Hamburg für die 80er Party in der Hamburger ColorLine Arena geworben. Auftreten sollten SNAP (hmmm, eigentlich eher 90er, oder?), das One Hit-Projekt BLACK BOX, TONY HADLEY (Sänger von Spandau Ballet), MARTIN FRY (Sänger von ABC), SAMANTHA FOX, HOWARD JONES, PAUL YOUNG und LEVEL 42, eine solide Front großer Stars von damals. Nun ist die ColorLine ARENA die größte Veranstaltungshalle Hamburgs, in die bei Konzerten so 11 – 12000 Zuschauer passen. Dass der Kartenabsatz nicht den Erwartungen entsprach, konnte man in den Tagen vor dem Event daran erkennen, dass auf Radio Hamburg durchgehend wie Sauerbier angepriesen wurde, dass es noch Karten gibt. Zudem wurden unzählige Karten verlost, so dass wahrscheinlich jeder, der bei den Aktionen angerufen hat, letztlich auch Karten erhielt. Bei Preisen von 39 bis 49 € wundert es kaum, dass viele Leute es sich zweimal überlegt haben, ob sie zu einer Kommerzveranstaltung des Senders gehen sollte, denn wer ihn kennt weiß, dass hier pure kommerzielle Interessen im Vordergrund stehen und kein Idealismus.

Auch meine Kollegin hatte Karten gewonnen und gefragt, ob ich mitkommen wollte. Keine Frage...ich wollte! Ein großer Glücksfall, denn wenn ich für eine solche Werbeveranstaltung (Holsten Bier, Tri Top-Sirup und anderes), die nur von Auftritten Halbplayback-singender Ex-Stars unterbrochen wurde, viel Geld ausgegeben hätte, würde ich mir noch jetzt den Arsch wegärgern. Um es vorweg zu nehmen: dies war die kommerziellste Musikveranstaltung, bei der ich je war und es ist eine Frechheit, den Leuten dafür noch Geld abzunehmen, dass sie sich von berufsjugendlichen „Moderatoren“ dauernd Bier und Sirup aufschwatzen lassen müssen.

Los ging es gegen 20:15 Uhr in der ordentlich gefüllten, aber bei weitem nicht ausverkauften Arena mit einem Kurzauftritt von Ex-Harald Schmidt-Bandleader Helmut Zerlett, der unbestritten ein exzellenter Musiker ist, aber mit dem Sound der 80er Jahre heute in etwa so viel zu tun hat, wie Fußpilz mit einem Fernseh-Kochkurs. Dazu gesellten sich zwei in weiße Anzüge gewandete Radiomoderatoren, die mit innovativen Sprüchen wie „Seid Ihr gut drauf?“ das Publikum anheizen wollten. Das gelang von Anfang an nicht wirklich.

Den ersten Auftritt absolvierten dann SNAP mit Ihren Hits „The Power“ „Oops Up“ (oder so ähnlich) und „Rhythm Is A Dancer“, sowie einer mittelmäßigen Einlage des Rappers als Human Beatbox. Die frühere Sängerin war nicht mehr dabei und die neue sieht zwar nicht übel aus, lässt aber die Titel gebende Power in der Stimme vermissen. Dazu zwei wie Flummis rumhüpfende Typen in roten Jogginganzügen und nach zwanzig Minuten war der Spuk vorbei. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen und Zugaben wurden gar nicht erst gefordert. Es folgte, nach einem Kurzintermezzo der Radiosprecher, in denen sie auswendig gelernte Werbung „locker“ rüber brachten und ein Bonanza-Rad verlosten, der Auftritt von TONY HADLEY, der Anfang bis Mitte der 80er Jahre in der erfolgreichen Popper-Band Spandau Ballet sang. Zu meiner Freude begann er, alleine auf der großen Bühne stehend, zum Sound vom Band den eher unbekannten Hit „To Cut A Long Story Short“ zu singen. Leider war der Sound mäßig, zumindest auf dem Oberrang, auf dem wir saßen. Zudem schienen sehr sehr viele Zuschauer den Song gar nicht zu kennen. Mit „Lifeline“, „Through The Barricades“ und „True“ ging es mit bekannten Hits weiter, bevor „Gold“ den Auftritt beschloss und erstmals richtig Stimmung aufkommen ließ. Schon hier merkte man, dass es zu wenig ist, den Sänger einer ehemals erfolgreichen Band alleine mit seinen Hits auf die Bühne zu stellen. Hier hätte man wenigstens einige Dummy-Musiker im Hintergrund hinstellen sollen, damit ein kleiner Showeffekt entsteht. Stattdessen kam vom Band eine Musik, die offenbar ein Studiomusiker in einer lustlosen Stunde mit vorgefertigten Sounds zusammen geschustert hat. Wie man schnell merken sollte, scheint derselbe Computerfachmann auch für fast alle anderen Auftritte an diesem Abend die Musiken aufgenommen zu haben, denn rein musikalisch klang alles ziemlich gleich, mit wenigen Ausnahmen, und absolut seelenlos.

Danach wieder Werbebotschaften der „witzigen“ Radioangestellten und drei Lieder von Helmut Zerlett und Band. In der Arena leerten sich ganze Zuschauerblöcke zum Bierholen und beim dritten Lied waren erstmals ausgiebige Pfeifkonzerte zu hören. Das wirkte alles so, wie bei Konzerten in Kleinstadtbürgerhäusern, in denen Konzerte eine Pause haben, um den Getränkeverkauf anzukurbeln. Weiter ging es mit BLACK BOX, jenem längst vergessenen Dancefloor-Studioprojekt, das irgendwann mal einen Hit mit „Ride On Time“ hatte und danach eine weitere leidlich erfolgreiche Single vorlegte. Jene beiden Lieder wurden dann auch von einer einsam auf der Bühne herum laufenden Sängerin mit zwei rumhampelnden Tänzern performt. Zumindest eine gute Stimme hat die Frau. Was aber tun, wenn man nur zwei erfolgreiche Lieder hatte, aber 20 Minuten Programm füllen musste? Einfach aus beiden Liedern noch mal eine Art Megamix machen und wie Kaugummi in die Länge ziehen. Super.

Danach, wie immer durch Werbung von Anzug tragenden Witzbolden unterbrochen, endlich der, wegen dem ich überhaupt den Veranstaltungsort aufgesucht hatte: HOWARD JONES. Dieser Mann ist ein richtiger Musiker, der Instrumente spielen kann und seine Hits selbst geschrieben hat. Mit „Things Can Only Get Better“, „Life In One Day“ und „Like To Get To Know You Well“ (wenn ich mich richtig an die Songs erinnere), konnte der Sänger mich begeistern, der mit Backgroundsängerin, Keyboarder und Gitarrist auftrat und auch selbst immer wieder in die Tasten griff. Richtige Musik von einer Band! Leider schien ein Grossteil des Publikums die Lieder nicht zu kennen, nicht einmal der folgende Superhit „New Song“ schien bekannt zu sein und alle warteten nur auf „What Is Love“, das dann am Ende des Auftritts erstmals das gesamte Publikum aus der Lethargie weckte.

Nach der inzwischen üblichen Werbung dann eines der absurdesten Phänomene der 80er Jahre: SAMANTHA FOX. Das ehemalige Seite 3-Model aus der englischen Boulevard-Presse begann im Zuge ihres Bekanntheitsgrades eine Gesangskarriere und konnte tatsächlich mit ein wenig Talent überzeugen. Ihre erste Single „Touch Me“ war in unzähligen Ländern in den Top 5 und auch einige Nachfolgesingles konnten daran anknüpfen. Der Auftritt war unterhaltsam. Frau FOX tanzte gut gelaunt mit zwei knapp bekleideten Tänzerinnen über die Bühne und bot genau das, was die Leute sehen und hören wollten. Dass die Songs sehr durchschnittliche 80er Jahre-Standard-Produktionen waren, störte dabei nicht. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet SAMATHA FOX zu den Gewinnern des Abends gehören würde?

Dann MARTIN FRY, ehemals Sänger von ABC, den das gleiche Schicksal traf, wie TONY HADLEY: alleine auf einer zu großen Bühne mit einem Playback, das nicht mehr als schlechten Computer-Standard-Rhythmus lieferte. Zudem wartete das Publikum natürlich ausschließlich auf „The Look Of Love“ und spendete den anderen Songs wie „When Smokey Sings“ nur Anstandsbeifall. „The Look Of Love“ war dann natürlich einer der Höhepunkte des Abends, auch, wenn ABC immer eine schleimige Popperband waren. MARTIN FRY machte gute Mine zum bösen Spiel und bedankte sich artig bei „großartigen Hamburger Publikum“.

Dann wurde es wirklich peinlich für die Veranstalter, denn Helmut Zerlett durfte ein weiteres Mal auftreten, was schon bei der Ankündigung zu einem lauten Pfeifkonzert führte und bewirkte, dass ein Menschenstrom an die Bierstände begann. Diesmal stand eine Sängerin mit auf der Bühne, die in etwa die Ausstrahlung einer holländischen Tomate besaß und ähnlich viel Pfeffer im Arsch hatte (wie meine Kollegin korrekt anmerkte). Und der Song „You Really Got Me“ hatte ja nun wirklich überhaupt nichts mehr mit den 80er Jahren zu tun, oder? Spätestens beim dritten Song waren die Pfiffe auch während des Liedes laut zu hören und dann war es auch überstanden.

Endlich durfte PAUL YOUNG auf die Bühne und wurde dankbar vom Publikum empfangen. Mit „Everytime You Go Away“ hatte der Sänger, der sich sowohl stimmlich, als auch optisch gut gehalten hat, das Publikum sofort auf seiner Seite, was er mit „Whereever I Lay My Hat (That´s My Home)“ fortsetzte. Dann ein Song, den ich wegen des völlig vermixten Sounds nicht wirklich erkannte und dann seine große Hymne „Come Back And Stay“, die die Zuschauer noch einmal in verzückte Bewegungen versetzte. Etwas befremdlich wirkte lediglich, dass die Songs am Ende einfach ausgeblendet wurden, das hatte dann doch ein bisschen was von ZDF-Hitparade. Trotzdem, PAUL YOUNG war auf jeden Fall einer der Höhepunkte des Abends und bewies, dass er noch nichts verlernt hat. Zudem kam er mit der unangenehmen Situation, alleine, ohne Backing-Band auf der Bühne zu stehen, am besten zu recht.

Danach, inzwischen war es circa 23.40 Uhr, wurde die Bühne ein letztes Mal umgebaut und richtige Instrumente, Schlagzeug und so weiter wurden flugs herbei getragen. LEVEL 42 kündigten sich, als einzige richtige Band des Abends neben HOWARD JONES, an. Leider dauerte das alles ein bisschen und die beiden Radio-Fritzen laberten auswendig gelerntes herunter. Dabei wollten sie dem Publikum weismachen, was angeblich alles typisch für die 80er Jahre gewesen sei. Das hat Oliver Geißen auf RTL vor längerer Zeit schon weitaus unterhaltsamer gemacht. Das Publikum war inzwischen auch von den Kaspern genervt und pfiff gnadenlos, was dazu führte, dass einer der Beiden versuchte zu erklären, warum der Umbau länger dauerte und darum bat, mit dem Pfeifen aufzuhören. So etwas Unsouveränes habe ich lange nicht erlebt. Hätte nur noch gefehlt, dass die Beiden anfingen zu weinen. Für mich war das der Punkt, an dem ich beschloss, den Veranstaltungsort zu verlassen, ohne mir LEVEL 42 noch anzusehen. Sicher ist die Band musikalisch sehr gut, aber ich mochte die Musik schon in den 80er Jahren nicht und glaubte nicht, durch mein Gehen etwas zu verpassen. Wie sich bei einem Gespräch mit einem Taxifahrer vor der Halle heraus stellte, war ich nicht der Erste, der die ColorLine Arena früh verließ. Er meinte, er hätte schon zwei Touren mit anderen Leuten gehabt, und auch vier Leute, die um uns herum saßen, waren längst weg.

Auch, wenn es wahrscheinlich in diesem Bericht nicht so klingt, war der Abend auf Grund seiner Absurdität doch recht unterhaltsam und mit HOWARD JONES, PAUL YOUNG und SAMANTHA FOX waren drei spaßige bis sehr gute Acts auf der Bühne. Und wer von einer Radio Hamburg Veranstaltung etwas anderes erwartet hatte, ist wohl etwas weltfremd.

Nett auch, was am nächsten Morgen die beiden Boulevardblätter Hamburger Morgenpost und Bild schrieben. Bild schrieb PAUL YOUNG den Song „Common People“ zu (richtig „Love Of The Common People“, den er gar nicht performt hat, dazu wurden SNAP angeblich „stürmisch gefeiert“ (???) mit ihrem Hit „I´ve Got The Power“ (richtig „The Power“). Und so „schräg“ 80er-mäßig, wie Bild meinte, sah das eher durchmischte Publikum nun wirklich nicht aus. Und wenn die MoPo schreibt, dass 11000 Besucher da waren (also praktisch ausverkauft), so ist das schlicht und einfach eine Lüge. Auch war „Touch Me“ von SAMANTHA FOX zwar sicher ihr größter Hit, aber bei weitem nicht ihr einziger, nur sind „Nothing´s Gonna Stop Me Now“, „Do Ya Do Ya“, „I Surrender (To The Spirit Of The Night“, I Only Wanna Be With You“ und „Naughty Girls (Need Love Too)“ heute nicht mehr so bekannt, waren aber alle weltweite Top 10 Hits, ebenso wie einige der sechs Alben. Da wird zum einen deutlich, dass die Schreiberlinge zur Spezies der „nur die Megahits kennenden“-80er Jahre-Pseudo-Spezialisten gehören und garantiert nicht den ganzen Abend beim Konzert waren, denn von den berechtigten Pfeifkonzerten für Helmut Zerlett und die Moderatoren wurde kein Wort erwähnt. Dass darüber natürlich auch nichts auf der Radio Hamburg-Website zu lesen war, dürfte eh klar sein. (A.P.)

 

KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden