BACK AGAIN: POLIT-STATEMENT
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Es ist zwar schon lange her, aber der Bericht
ist so vergnüglich, dass wir ihn doch noch einmal veröffentlichen müssen. SONNENFINSTERNIS - DER ANDERE BERICHT Bild: Sofi, einige hatten das Erlebnis ihres Lebens. Andere auch, aber anders .... Sommer 1975, Hamburg Der achjährige Emil sitzt mit einem Freund Hans im Hamburger Planetarium. Es findet ein Vortrag über Sonnenfinsternisse statt. "... totale Sonnnenfinsternisse sind sehr selten, die nächste totale Sonnenfinsternis in Hamburg findet erst wieder im Jahr 2134 statt. Doch zum Glück wird am 21. August 1999 eine totale Sonnenfinsternis in Süddeutschland sichtbar sein." Der Achtjährige beschließt: "In 23 Jahren werde ich in Süddeutschland sein."
10. August 1999, 21 Uhr, Hamburg Alles ist vorbereitet. Emil und seine Freundin Susi haben gepackt. Morgen geht es in aller Frühe los. Sonnenfinsternisbrillen wurden schon vor Monaten gekauft. Hans möchte nicht mitfahren, da das Wetter im Süden so schlecht wäre. Emil erzählt im daraufhin von der einmaligen Erfahrung einer Sonnenfinsternis, Meschen, die nicht mehr dieselben sind, Kindern ,die weinen, Schweinen, die grunzen, Vögel, die vom Himmel stürzen, Weltuntergängen, Erdbeben, usw. Um 22 Uhr ruft Hans an: Er kommt doch mit.
11. August 1999, 3.30, Hamburg Aufstehn. Es ist sehr früh. Aber heute ist der Tag. Darauf hat Emil 23 Jahre gewartet. Noch schnell was Essen und eine Dusche, dann kanns losgehen. Um 4 Uhr steht auch Hans pünktlich vor der Tür. Doch beim Auto das erste schlechte Vorzeichen: Auto aufgebrochen, Radio geklaut. Wir brauchen aber doch ein Radio für die neuesten Finsternis-News! Diese Schweine, wenn Emil die erwischt, dann gibt es Ärger! Schnell noch ein Ersatzradio besorgen. Mal gucken, da in dem Mercedes.....Nein ein Witz. Nochmal nach oben und ein Uraltradio holen. Wichtige Minuten verstreichen. Um 4.30 geht es dann endlich los.
11. August 1999, 7.00, Zwischen Hannover und Kassel Erster Stop. Es geht wunderbar voran. Das Autoradio funktioniert allerdings noch nicht. Wir sind von der Welt abgeschnitten.
11. August 1999, 7.45, Kasseler Berge Das Radio geht. Die automatische Antenne geht aber nicht raus. Immer noch von der Außenwelt abgeschnitten. Wenn Emil die Schweine erwischt, dann gibt es ein Massaker!
11. August 1999, 8.30, Zwischen Kassel und Hannover Emil, dieser geniale Typ, hat halt seine eigene Antenne gebaut. Endlich News: Viele wollen in die Totalitätszone, in die Kernschattenregion, der tiefen Finsternis direkt ins Auge blicken! Viele wollen dorthin. Ganz Viele! Macht aber nichts. Wir sind ja früh dran.
11. August 1999, 9.00, 50 Kilometer vor Frankfurt
Zweite Rast. Emil, Susi und Hans sind guten Mutes. Für Karlsruhe ist die "Sonnenfinsternis-guckt-durchs-Wolkenloch"-Wahrscheinlichkeit bei 60 %. Sie beschließen nach Karlsruhe zu fahren.
11. August 1999, 9.15, 42 Kilometer vor Frankfurt Neueste News: Der französische Transportminister rät den Autofahrern während der Finsternis das Auto stehen zu lassen und nicht mit den Spezial-Finsternis-Brillen zu fahren. "Hö, Hö, Hö", gute Stimmung im Auto, Sonnenfinsternis wir kommen! Doch dann, ein Stau. Nichts geht mehr. Stocken. Auto an Auto. Dann wieder frei. Ja gleich sind wir in Frankfurt. Und dann gleich in Karlsruhe.
11. August 1999, 9.35, 30 Kilometer vor Frankfurt Wo wollen dieses Ärsche denn alle hin? Alles dicht mit diesen Idioten. Und alle zu doof zum Autofahren! Ist gar nix los und es staut sich. Muß ja gleich mal wieder schneller gehen. Spätesten um 10 sind wir bestimmt in Frankfurt .
11. August 1999, 10.15, 28 Kilometer vor Frankfurt Die Frankfurter sind die schlechtesten Autofahrer der Welt. Oder eher die Dörfler um Frankfurt. Aber das ist ja überall auf der Welt so. Man kennt ja die Pinneberger. Die Frankfurter Dörfler produzieren an jeder Ecke Staus. Wenn die Vollidioten so weitermachen, kriegen wir den Anfang der Finsternis in Karlsruhe nicht mehr mit ....
11. August 1999, 10.30, 18 Kilometer vor Frankfurt Radiomeldung: Millionen sind unterwegs in den Kernschatten. Riesige Staus bis zu 50 Kilometer. Wir schaffen es vielleicht nicht mehr rechtzeitig in die Kernschattenzone, ins Gebiet im Ausnahmezustand! PANIK! PANIK! PANIK! Warum sind wir nicht schon gestern gefahren ???? Susi hatte es vorgeschlagen. Und Emil ist dieser totale Vollhonk, hatte gemeint, 4 Uhr früh sei rechtzeitig genug. So was Doofes hat die Welt noch nicht gesehen! Auswege suchen: Die Bahn. Bahnen sind total überfüllt, ist aber scheißegal. Aber wann fährt die Bank? Handy raus. Emils Bruder hat einen Arbeitsplatz am Internet. Der kann mal vielleicht mal den Fahrplan raussuchen. Emil telephoniert. Emil dieser Penner, der hat die Schuld. 23 Jahre gewartet und jetzt so schlecht vorbereitet. Emil, diese Kröte, telephoniert immer noch. Niemand da! Selbst dafür ist er zu doof! Hans meint "Helmut!". Ja! Helmut arbeitet auch am Internet. "Helmut wir sitzen hier in Frankfurt im Stau. Such doch mal eine Zugverbindung von Frankfurt nach Karlsruhe und ruf dann zurück".
11. August 1999, 10.35, 16 Kilometer vor Frankfurt Vierspurig! Endlich mal wieder fahren! Ja, Ja! Oh, schon wider zu Ende. Vierspurig und Stau! Es ist aussichtslos, aussichtslos!!! Ah, Helmut ruft zurück! Die Rettung? Zug fährt 10.50 in Frankfurt ab. Das ist knapp. Und kommt 12.30 in Karlsruhe an. Das ist Scheiße, Scheiße. 12.30 geht es in Karlsruhe schon los. Zwei Minuten Verspätung und es heißt Dunkelheit im Zug. Sowas kennen wir aber schon. Heißt Tunnel. Weiter also im Auto. Fahrt zu, ihr Penner, fahrt endlich zu!
11. August, 11.10, Frankfurt "Mach die Warnblinker an und fahr über die Standspur", schreit Susi. Warum tut Emil diese feige Sau das nicht? Nein er steht weiter im Stau. Im Radio erzählt ein Astronomenheine den üblichen Kram von weinenden Kindern. Im Auto, in allen Autos, auf der ganzen Autobahn lauter Kinder und Erwachsene, alle kurz vorm Heulen, weil es nicht weitergeht. Es geht nicht weiter! Ausfahrt! Hier raus? "Raus!" brüllt Hans. Wir nehmen die Landstraße! Das ist die Idee! Auf der Landstraße in die Totalitätszone, in den Kernschatten, in das gesegnetet Land! Aber Emil, die unfähigste Person der Welt, hat noch nicht mal eine Karte in seinem Auto! Also erst mal zufahren.
11. August 1999, 11.20, Frankfurt Der Vollhonk hat uns zum Flughafen gesteuert! Wir stehen vor Terminal 3,14. Emil weg vom Steuer, du alter Versager, laß mal Hans ans Steuer.
11. August 1999, 12.00, irgendwo am Arsch der Welt, Richtung Süden Pläne brauchen wir nicht. Wir orientieren uns Richtung Sonne, Richtung Süden, Richtung Totalitätszone.
11. August 1999, 12.10, Dieburg, Richtung Süden Dieburg! Wer hat bloß dieses Dorf hier hingesetzt. Es behindert den Weg in den Kernschatten. Abreißen! Wir stehen an einer Ampel. Riesige Wolkenmassen über der Sonne. Doch da eine kleiner Spalt in der Bevölkung. Die Sonne! Schnell die Brille auf. Ja, Ja, ein Schatten, ein Schatten auf der Sonne! Die Sonne wird vom Mond gefressen. Hans meckert herum, er wolle auch mal was sehen, warum er jetzt ausgerechnet fahren müsse und das man sich im verkackten Dieburg doch alles ansehen könne. Sonnenfinsternis in Dieburg. Dazu noch außerhalb jedwegen Kernschattenschatten? Nein. Nein. Daher Fahrertausch. Der doofe Emil darf wieder fahren. Hat doch selber schuld.
11. August 1999, 12.15, Dieburg, Bahnübergang Der Kernschatten rast mit 2600 Km/h heran und wir stehen hier in Dieburg vor einer Schranke! Zug verpiss dich. Und Vollgas. Vollgas. Alles voll mit Wolken. Susi will zurück, weil vorhin das Wetter besser war. Hans will sofort anhalten, damit er noch irgendwie mitkriegt, wie in Dieburg die Wolken umherziehen. Und Emil hat noch immer nichts begriffen und will weiterfahren. Der Honk! Hat nicht gerafft, daß es zu spät ist, der Kernschatten sich zu schnell nähert, aus Frankreich heranrast, und an ihnen vorbeitosen, aber nicht über sie hinwegtosen wird. Wie immer setzt sich auch hier blinder Aktionismus durch. Weiterfahren. Weiterfahren. Radio: "Ohh, ganz viele stehen im Stau und schaffen es wohl nicht mehr. Für die spielen wir ein besonderes Lied." Lied: " Wir fahren nach Stuttgart. Da kommt der Große Schatten, la la la la". Radio fliegt aus dem Fenster. Der Sender sollte vom nächsten kosmischen Großereignis möglichst direkt betroffen sein: Dem Einschlag eines Meteors.
11. August 1999, 12.20, südlich von Dieburg Hans merkt an, er wolle das Jahrhundertereignis nicht im Auto verbringen. Das will keiner. Konsens im Auto. Also irgendwo parken. Irgendeinen Feldweg rein.
11. August 1999, 12.25, kurz vor Hoechst an der sonstwas Da kann man parken. Da parken auch schon ein paar Leute. Offenbar Wolkenfans. Haben eine Kamera in die fetteste Wolkenformation gerichtet, die man je sah. Leute sehen unser HH-Kennzeichen und lächeln, lachen, krümmen sich am Boden: Sind das drei total bescheuerte Hamburger. Fahren so weit und kommen dann nur bis Hoechst an der sonstwas. Ungefähr 50 Km vom Kernschatten entfernt. Hö, Hö, Hö. Selber doof sind die Hoechster. Sind so nah dran am geheiligten Land des Kernschattens, müssen nur 50 Km fahren und hängen in diesem abgefuckten Kaff rum. Wir können die Hoechster Dorfgurken nicht länger ertragen und gehen einen Feldweg hoch.
11. August 1999, 12.28, Hoechst, neben einer Kuhweide Es wird dunkler. Es wird tatsächlich dunkler! Die Astronomen haben sich wahrscheinlich verrechnet. Der Kernschatten fliegt wahrscheinlich weiter nördlich direkt über Hoechst. Und da lichtet sich auch kurz die Wolkendecke. Zu sehen ist die fast ganz bedeckte Sonne. Schnell die Brillen auf. Mit Brillen sieht man gar nix. Brillen ab. Darf man ja nicht reigucken. Trotzdem mal kurz schielen. Wolken, alles Wolken. Lauter Wolken. Dunkle Wolken.
11. August 1999, 12.31, Hoechst neben Kuhweide Die Kühe auf der Kuhweide legen sich schlafen. Ein Vogel am Himmel stürzt plötzlich herab wie ein Stein und fällt in Feld. Es ist Dunkel, bedeutend dunkler als bei einem Gewitter, so dunkél wie in einer Vollmondnacht? Ja, aber in einer sehr hellen Vollmondnacht, sehr hell, mit Hamburger Beleuchtung und direkt unter einer Straßenlaterne. Wir haben die Kernschattenzone verpaßt. 23 Jahre gewartet, 600 Kilometer gefahren, um halb vier Uhr morgens aufgestanden und dann neben einer Kuhweide gestanden, in Wolken gekuckt und ein bißchen Gewitterdunkelheit gesehen. Desaster. Schlimmstes Desaster. Katastrophe. Weltuntergang. Hier in Hoechst findet der Weltuntergang wirlich statt.
11. August 1999, 12.33, Hoechst neben Kuhweide Susi ruft per Handy ihren Bruder an. Der war schon in der Nacht losgefahren und hatte es bis vor Karlsruhe auf einen Berg geschafft. Hat auch nur Wolken gesehen. Aber dafür war es dunkel, richtig dunkel. Es wird wieder heller, Kühe stehen auf und fangen an zu muhen. Gänse hatten sich in den Stall verzogen und kommen jetzt raus. Emil läßt die Schultern hängen. Zu recht. Dieser Versager. Kann jetzt 81 Jahre warten. Sollte nicht mehr ins Planetarium gehen. Sollte das nächste mal früher losfahren. Seit Gorbatschow und Scheeßel hätte er wissen müßen: "Wer zu spät kommt, den .....". Susi tröstet ihn. Wäre nur gerecht, wenn er ihr zur nächsten Sonnenfinsternis in Madagaskar den Flug bezahlt!
11. August 1999, 12.50, Hoechst neben Kuhweide Der Himmel wird langsam blau und die Sonne kommt raus. Jetzt! Verarschung! Zu spät! Trotzdem Brillen raus. Ja, der Mond ist immer noch da. Die Sonne ist vom Mond bedeckt und nicht nur von Wolken. Warum reißen die Wolken erst jetzt auf, warum nicht schon eine Stunde früher?
11. August 1999, 12.55, Hoechst vor Kuhweide Immer noch dieser blöde Schatten vor der Sonne. Aus Langeweile vergleichen wir unsere Brillen. Die eine ist heller, verspiegelt, und macht die Sonnen blau. Die andere ist schwarz und macht die Sonne orange. Wenn die mal sicher sind. Kühe kommen immer näher, wollen uns wohl gleich niedertrampeln. Wir gehen deshalb zum Auto, setzen unsere Finsternisbrillen auf und fahren los .....
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