BACK AGAIN: POLIT-STATEMENT
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TUCHOLSKY HAT RECHT! Am Montag, den 16. Juni 2003 fand auf dem Hamburger Rathausmarkt erstmals nach 25 Jahren ein öffentliches Gelöbnis von Bundeswehrsoldaten statt, der Rechts-Senat unter Führung von Bürgermeister und Problemaussitzer Ole von Beust und Innensenator Schill wollte sich mal wieder profilieren und dafür war nichts zu teuer. Ich war weder beim Gelöbnis selbst, noch habe ich an einer Gegendemonstration teilgenommen, dennoch habe ich eine Meinung, und weil mir bei dieser Geschichte einfach das Essen wieder hoch kommt, muss ich mich dazu äußern. Ole hat beim Gelöbnis in seiner Ansprache gesagt, dass das Verhältnis der Bürger zum Militär sich normalisiert hat und deshalb ein öffentliches Gelöbnis kein Problem ist. Wie normal das Verhältnis ist, hat sich an vielen Dingen gezeigt. Zum ersten einmal war das „öffentliche Gelöbnis“ alles andere als öffentlich, denn nicht jeder, der daran teilnehmen wollte, durfte das auch. Lediglich Angehörige, Freunde, geladene Gäste und Journalisten durften auf eigens aufgebauten Tribünen teilnehmen...wie bei jedem popeligen Gelöbnis innerhalb der Kasernen also. Der „normale“ Bürger durfte sich weit entfernt hinter Absperrungen aufstellen, aber nur, wenn den mehr als 2000 aufgebotenen Polizisten das Gesicht genehm war. Leute, die ein gespaltenes Verhältnis zum puren Militarismus haben, der hier dargeboten wurde, waren nicht erwünscht...und das schon ab Mittags, wohlgemerkt mitten in der Hamburger City bei schönstem Frühsommerwetter. So dürfte auch so mancher pubertierender 15-jähriger Technofreak mit gefärbten Haaren erstmals Kontakt mit vollaufgemotzten Herren in Förstergrün gehabt haben, obwohl man solchen Teenagern heute absolut keinerlei politische Meinung (außer „Egoismus“) unterstellen sollte. Aber auch so kann man Politikverdrossenheit schaffen. Trillerpfeifen wurden da schon als potentielle Waffen angesehen, denn sie könnten ja das schöne militaristische Zeremoniell stören. Das zum Thema „freie Meinungsäußerung“ im ach so liberalen Hamburg. Auch eine Gegendemonstration in Hörweite wurde nicht genehmigt...die 400 – 2000 Gegendemonstranten (je nach Quelle – die Wahrheit dürfte wohl zwischen 1000 und 1500 liegen) mussten weit abseits marschieren, durften nicht hüpfen, keine zu großen Plakate mit sich führen, nicht rennen und keine Sirenen benutzen. Bei jedem kleinen Verstoß wurde die Auflösung der Demonstration durch vermummte (behelmte) Kräfte in Grün angedroht und mehr als einmal wurden die Knüppel geschwungen. Also, ein ganz normales Verhältnis der Bürger zur Bundeswehr...zumindest der Bürger, die man teilnehmen ließ. Die unangenehmen Meinungen waren schlicht und einfach ausgeschlossen, ganz nach dem Motto: was ich nicht sehe und höre ist auch nicht da. Freie Meinungsäußerung? Klar, aber nur die den Rechten genehmen Meinungen. Öffentliches Gelöbnis? Aber sicher doch, nur wer zur Öffentlichkeit gehört bestimmen wir! Dabei boten die fast 600 Soldaten, die da versprechen durften, dass sie sich im Notfall für Deutschland auch erschießen lassen (ein deutscher Soldat geht lieber in den Tod, als zurück zu weichen), ein jämmerliches Bild. Trotz lauer Temperaturen am Abend haben es einige Soldaten nicht geschafft, die dreistündige Veranstaltung zu überstehen und kippten einfach um...vielleicht war es aber auch nur eine schlaue Masche, nicht irgendwelchen Schwachsinn geloben zu müssen. Einem Trommler der Bundeswehrband fielen vor Aufregung sogar die Trommelstöcke aus der Hand. Die Leute sollen uns also verteidigen. Verteidigen? Gegen wen eigentlich? Die Junx (und inzwischen ja auch Mädels) geloben zwar, dass sie tapfer das Vaterland verteidigen werden, müssen aber jederzeit damit rechnen, an Angriffskriegen in Asien oder Afrika teilzunehmen und wenn dabei mal, oh wie überraschend, der eine oder andere Soldat erschossen oder weggebombt wird, ist das Gejammer groß. Ich muss es gestehen, ich war 1989/90 bei der Bundeswehr und es gibt kaum etwas in meinem Leben, wofür ich mich mehr schäme! Sicher habe ich nur einen Ausschnitt erlebt, der vielleicht nicht repräsentativ ist, aber definitiv ist nicht alles schön und sauber, wie man es gemeinhin von braven Deutschen Soldaten erwarten würde. Selten habe ich etwas dermaßen Asoziales erlebt, wie in den 12 Monaten bei der Bundeswehr. Wer abends nicht mit gesoffen hat, wurde verarscht, ausgelacht und beschimpft. Dank der Bundeswehr habe ich angefangen, deutlich mehr Alkohol zu konsumieren, als mir gut tut. Dass dort sowieso der eine oder andere Alkoholiker heran gezüchtet wird, ist eh keine Frage. Bezeichnend, wenn der „UvD“ nachts besoffen im Bett schläft und auch durch sturmklingeln nicht erweckt werden kann, so dass man beim „Heimkommen“ in die Unterkunft durch das offene Fenster der Wachstube klettern muss, vorbei an dem schnarchenden Kriegsdienstleistenden. Ich könnte viele derartige wahre Ereignisse erzählen, aber was soll´s... Dabei ist es nur ein kleiner Trost für mich selbst, dass ich bei meinem eigenen Gelöbnis nicht den unsinnigen Text mitgesprochen habe, sondern das „böse Lied“ „Deutschland“ von Slime im Kopf hatte. Das einzige, was ich bei der Bundeswehr gelernt habe, ist saufen und wie man gegebenenfalls Menschen tötet, die man weder kennt, noch gegen die man irgendwas hat. Das bekannte Kurt Tucholsky-Zitat darf man ja nicht mehr bringen, aber bezeichnend ist, dass es bei dem Gelöbnis auf dem Hamburger Rathausmarkt einige Leute doch geschafft haben, weithin sichtbar ein Transparent anzubringen, auf dem stand „Tucholsky hat recht“. Hat überhaupt irgendjemand bis hierhin gelesen? Interessiert das überhaupt jemanden? Letztlich ist das völlig egal. Die ist kein „Aufruf zur Revolte“, dies ist kein „Aufruf zur Gewalt“, aber es ist eine Meinung, die es in Deutschland auch tausendfach gibt. Ich hoffe die Herren von Beust und Schill hatten nach dem Gelöbnis besonders guten Sex, nachdem sie sich am Militarismus ja vorher genug aufgegeilt haben. (A.P.) KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle (H.H.) = Haiko Herden |