BACK AGAIN: POLIT-STATEMENT
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Wenn einem Musik körperliche Schmerzen bereitet... Wer die BACK AGAIN-Seiten regelmäßig liest (und das sind nicht wenige Leute!) hat mit Sicherheit schon mal mitbekommen, dass ich kein großer Fan von Coverversionen bin. Natürlich gibt es auch gute, zum Beispiel Nick Cave´s „In The Ghetto“ Version oder Lick The Tin´s „Can´t Help Falling In Love“ haben den Original-Elvis-Songs interessante neue Seiten abgewonnen. Aktuell begeistert mich The Rorschach Garden´s Version von A Flock Of Seagulls´ „Space Age Love Song“ und Kamerata´s Velvet Undergorund Cover von „Heroin“ gehört zu meinen ewigen Lieblingsliedern. Ertragen tue ich auch unzählige Cover-Sampler mit Stücken von The Cure, The Sisters Of Mercy, Siouxsie And The Banshees, Ton Steine Scherben, Bauhaus usw. usf. Selbst die immer noch rollende Welle von 80er Jahre Coverversionen berührt mich nicht wirklich und ich kann diese dilettantischen Beweise, dass den Produzenten nix eigenes mehr einfällt einfach ignorieren. Hin und wieder jedoch schaffen es Coverversionen, mir regelrecht körperliche Schmerzen zu bereiten, weil sie musikalisch unterhalb des Bodensatzes der aktuellen Popmusik-Szene zu finden sind, weil sie dem Original keinen Respekt zollen oder schlicht und einfach die Aussage des Original-Songs verdrehen oder ignorieren. Ein Vorzeigestück an Ignoranz ist „König von Deutschland“ von DJ Edelweiß Und Die Tiroler Alpenhosen. Irgendwann lief bei uns im Büro eine der gefürchteten BILD-Party-Hits CDs (oder so ähnlich) und ich war meiner Kollegin gegenüber sehr tolerant und ertrug so manche musikalische Frechheit, weil sie auch meinen mitgebrachten CDs gegenüber sehr offen ist. Als dann aber „König von Deutschland“ kam, stiegen regelrecht Aggressionen in mir auf, mein Körper verkrampfte sich und ich musste zum nächsten Lied weiter skippen. Beim Anhören dieser bodenlosen Respektlosigkeit konnte ich mich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren und ich hatte regelrechte Hassgefühle auf diesen hirnlosen Ballermann-DJ und seine Alpenidioten. Ich fasste tatsächlich eine Anzeige wegen akustischer Umweltverschmutzung ins Auge. Ähnlich erging es mir soeben, als im Fernsehen die samstägliche „Top Of The Pops“-Sendung lief und die Hermes House Band ihre Version der Fußballhymne „Football´s Coming Home“ „performte“, also mit ein paar in Fußballtrikots rumhampelnden Statisten im Hintergrund die Lippen asynchron zu dem Lied bewegte. Abgesehen davon, dass der Song von den guten alten englischen Gitarren-Poppern The Lightning Seeds eigentlich „Three Lions“ heißt, ist diese Version wirklich eine Frechheit. Dabei muss man mal außen vor lassen, dass es dem typisch deutschen Ballermann-Intellekt entspricht, dass eine Hymne auf die englische Fußball-Nationalmannschaft mit gegröhlt und auf die eigene Mannschaft bezogen wird. Der urdeutsche Nationalismus wird hier ad absurdum geführt und die Westentaschen-Nazis merken nicht mal, dass sie eigentlich „den Feind“ bejubeln. Ganz abgesehen davon, ist die Version der Hermes House Band (eine Band war nicht zu sehen, nur zwei männliche und eine weibliche LippenbewegerIn) nicht mehr als eine einfach nachgespielte Version des Originals. Warum ein Lied covern, wenn man dem Ganzen nicht in irgendeiner Weise eine eigene Note verleiht? Ich musste nach wenigen Sekunden des Auftrittes bei „Top Of The Pops“ weg schalten, weil mein Körper tatsächlich zu zittern anfing. Grundsätzlich ist es ja ganz wundervoll, wenn Musik auch körperliche oder sonstige Reaktionen auslöst, aber wenn das dann nur unangenehme Dinge sind, so ist das doch erschreckend. Immer mal wieder gibt es derartig erschütternde Coverversionen, ganz besonders hervor tun sich dabei aber die erwähnte Hermes House Band mit Stücken wie „Live Is Life“ (an sich schon ein grottenschlechter Song!) oder „Country Road“ oder auch DJ Ötzi mit seinem „Heeeeeyyyy Baaaabiiiiie Uuuuh Aaaah“ und viele andere. Dass den Popmusik-Produzenten nichts mehr einfällt, ist lange bekannt. Sogar Dieter Bohlen covert sich auf dem „Superstars“-Album durchgehend selbst und auch der bei TV-Auftritten scheinbar immer besoffene Oli P. hat nur Erfolg, wenn er Lieder schlecht von einer Sängerin nachsingen lässt und dazu seinen „Soft-Rap“ veranstaltet. Scooter schaffen es hin und wieder wenigstens noch, ihre geklauten Melodien unterhaltsam umzusetzen, was aber trotzdem nicht verhehlen kann, dass sie schlicht und einfach klauen und absolut null eigene Ideen haben und somit nicht als echte Musiker und Künstler angesehen werden können, sondern höchstens als „Produzenten“, wobei das alles andere, als ein Lob ist. Die eigentliche Frage ist doch, ob die Produzenten und die absolut austauschbaren Interpreten schuld an dieser Misere sind, oder ob sie nur die Bedürfnisse einer absolut oberflächlichen und degenerierten Hörerschaft befriedigen. Beides ist schlimm, sehr schlimm. Abgesehen davon sind Coverversionen sowieso nur der Beweis dafür, dass Musik früher besser war. (A.P.) KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle (H.H.) = Haiko Herden |