BACK AGAIN: NEOFOLK / NEO CLASSIC / MITTELALTER

TANZWUT - Ihr wolltet Spass (CD 07.04.2003)

(Pica Recor/Efa)

Was soll der Teufel im bayrischen Paradies?

Oder „ihr wolltet Spass...den sollt ihr haben!“

Inmitten der urbayrischen Gemütlichkeit, zwischen Weißwurscht und a Maß Bier sitzt er:

Der Teufel persönlich, mit rot aufgestellten Hörnchen auf dem sonst kahlen Schädel und einem Stachelhalsband um den Hals, beißt er an seinem Leberkäse und wird von den anwesenden Gästen des Lokals seltsam beäugt. Gleich neben ihm sitzt in Lederriemen geschnürrt und mit Schellen und Amuletten behangen, der Burgherr Castus Rabensang und meint ganz salopp: „Ihr wolltet Spaß, nun den könnt ihr haben!“ So stößt man kurz ins Trinkhorn, und spielt eine Weise auf der Laute. Schnell wird nochmal auf der Flöte ein Griff geübt, um die Bedienung noch mehr zu verwundern. Nun ja, man hat auch nicht jeden Tag, den Teufel bei sich speisen, der von solch seltsamen Volk umgeben ist. Unauffällig, wenn man von seinem langen Bart absieht, sitzt Kollege A(ndreas) daneben, und probiert ein paar Booklines auf dem Dudelsack, das Personal schaut spätestens jetzt entsetzt.

Jawohl, das Mittelalter ist wieder ausgebrochen, inmitten von weiß-blauen Tischdecken und Wolpertingern an der Wand. „Ich bin ein Mensch wie du und ich. Ich hab mal gute und mal schlechte Laune, mag lustige Witze, hasse Aufschneider, liebe Wein, Weib und vor allem Gesang,“ gibt der Teufel zu. Nein einen Pferdehuf hat er nicht, und auch das zottige Fell fehlt ihm, aber rot gefärbte Hörnchen und ein Gesangstalent, das schon. 

Nun was die Bedienung nicht weiß: Dieser Teufel ist nicht der Höllenfürst, sondern kein geringerer als der Frontsänger der Berliner Elektro – Mittelalterformation TANZWUT.

In unserer Gothic Szene ist der Name wohl eher den Fans der mittelalterlichen Klänge von CorvusCorax, oder Metalfreaks bekannt, wieder andere kennen vielleicht den Titel „Bitte, Bitte“ vom Album „Tanzwut“ (1999)

Bandgründer „Tritonus – der Teufel“ erklärt zur Enstehungsgeschichte von TANZWUT:

„Ich hatte 1995/96 rum die Idee, dass man die Musik die wir bislang mit Corvus Corax, wo viele der Tanzwutmitglieder auch mitspielen, machen – also altes Liedgut aufzunehmen und mit selbstgebauten Instrumenten zu gestalten- etwas elektronischer spielen könnten.

So ist Tanzwut eigentlich als ein Nebenprodukt von Corvus Corax entstanden, was heute doch sehr eigenständig daneben steht!“

Die Kompositionsweise allerdings ist eine ganz andere als bei Corvus Corax, meint Andreas (Koll.A.), während bei Corvus Corax alte Musikstücke im Vordergrund stehen, legt TANZWUT wert darauf, dass neue Kompositionen enstehen und sich dadurch abheben vom reinen Mittelalterklang. Die Musik oder die Texte sind in den seltensten Fällen mittelalterlich. Sie können als Tanzwutmusiker zwar  nicht verleugnen, dass man aus der Mittelaltermusikrichtung kommt, aber beim texten spielen ihre heutigen Erlebnisse eine Rolle.

„Auch wenn wir selbst uns ein bisschen als fahrende Spielleute betrachten, schließlich sind wir ja seit 15 Jahren im Musikgeschäft, so leben wir alle im hier und jetzt verankert. Was man da täglich so erlebt, der Lebenstil als Musiker, die Ereignisse in der Welt und der Blick auf sich, spiegelt sich das nun einmal in den Texten  wieder.“

Deutlich merkt man den Jungs an, sie haben Spass an ihrer Arbeit und diesem Lebensstil, und sei es nur die Blicke mit ihrem Outfit und Auftreten auf sich zu lenken – wie hier im Lokal. Aber es ist auch ein stressiges Leben als Musiker und nicht immer so locker und ungezwungen. Kaum aus dem Studio denkt man gleich wenige Wochen später an die Tourplanung. Dann kutschiert man mit dem Bus queer durch Deutschland  zum nächsten Auftritt und schon wieder heißt es weiter gefahren, die Städte kennt man oftmals nur aus dem Stadtplan, viel Zeit zum anschauen bleibt bedauerlicherweise nicht.

„ Oftmals  ist es verdammt schwierig, Corvus Corax und Tanzwut unter einen Hut zu bekommen. Es erfordert viel Zeit und Planung, schließlich soll erstens ein gutes Album enstehen, womit wir und die Fans zufrieden sind, und zweitens wollen wir eine gute Show liefern. Aber das erfordert gute Planung und Absprachen, das sowohl Logistik und Sound am Ende perfekt sind. Für Privatleben, bleibt wenig Zeit, denn kaum ist die Tour für das eine Album vorbei, beginnt schon die Promotour für das nächste von Tanzwut.“ So auch diesmal: Kaum hatten CoCo ihr Studioalbum „Seikilos“ 2002 fertig und waren damit auf Tour, hieß es für Patrick, Norry, Kollege A, Castus, Wim, Tec und Teufel, auf Tanzwut umschalten, ins Studio fürs Album und dann gleich wieder auf Tour. „Das ist schon oft Stress, aber so wollten wir`s halt haben, man lebt sich da rein mit der Zeit,“ meint Kollege A.

Nun ist das neue Studioalbum „Ihr wolltet Spass“ von TANZWUT fertig und wird am 7.April im Handel sein. „ Der Titel passt sehr gut, er ist vielseitig interpretierbar ohne dabei zu schlüpfrig zu sein. Es hat bei und Tradition, dass ein Titel der CD auch Albumtitel wird, und da die CD im Allgemeinen noch ne Stufe witziger geworden ist, als die vorherigen beiden ‚Tanzwut’ und ‚Labyrinth der Sinne’ war das der ideale Titel. Die erste war relativ hart und starr konstruiert, die zweite war schon etwas lockerer, aber noch nicht wirklich witzig. Und nun haben wir ein paar witzige und musikalisch nette Sachen drauf, die hoffentlich gut ankommen werden,“ erhofft sich Kollege A.

Es gab keine Tabus bei der Produktion, alle sieben Musiker mussten die Songs einfach nur geil finden. Auf diese Weise gelangten Tanzwut krachende Rocker wie etwa der Opener „Wieder da“ zu dem man vorm geistigen Auge die begeisterten Anhänger wogen und toben sehen kann. „Gnade“ ist eine schnelle Nummer, bei der sich Dudelsäcke und Gitarre ein spannendes Duell liefern. „Fatue“ kombiniert Beethovens Fünfte, die „Vagantenbeichte“ aus der „Carmina Burana“ mit krachendem Trash Metal.

Zum frischen Wind der Formation haben vermutlich auch die neuen Mitglieder beigetragen.

An der Sechssaitigen steht mit Patrick, dem Kalauer, ein blutjunger Könner, der eine klassische Gitarrenausbildung absolviert hat. Am Schlagzeug sitzt mit Norri ebenfalls ein Spitzenmann, der bereits bei Dance or Die die Felle gegerbt hat. Neben den Neuen stoßen Kollege A. und Castus in die Dudelsäcke, Wim zupft den Bass, Tec bedient die Keyboards und Teufel, nun der hat das Mikro im Griff.

Schon einmal hatten Tanzwut Klassiker „frisiert“, als sie eine Dudelsackversion von Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ mit Mephisto-Zitaten aus Goethes „Faust“ vermählten. Für den Song „Zaubern“ etwa betrachtet der Teufel den Zustand von Mensch und Natur im Jahr 2003 und sinniert dabei:

„Vielleicht bin ich zu sehr befangen/doch so weit wär ich nie gegangen.“ Im Titelsong hingegen widmet er sich, mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, unserer Fit-For-Fun Gesellschaft: „Ihr wolltet Spaß, den sollt ihr haben/ ihr kennt wohl nicht mehr meinen Namen“. Man sieht, der Teufel lacht gut und gerne, sogar über sich selbst, doch eines sollte man nie vergessen: In dem gehörnten Charmeur steckt immer auch ein Provokateur....

(mn)

 

KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden