BACK AGAIN: NEOFOLK
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ESTAMPIE - Signum (Smd Distan / Sony)
„Ich verstehe mich eher als Aufklärer und nicht als Esoteriker“, setzt Michael all jenen entgegen, die Estampie nur allzu gern in eine esoterische Ecke drängen wollen. er relativiert jedoch und räumt ein, dass die Beschäftigung mit jenseitigen Themen und Mystik möglicherweise sehr schnell zu diesem Schluß kommen lassen, da die Esoterik einen ähnlichen Ansatz habe. „Was vielleicht vielen esoterisch vorkommt, ist die Intro- und Retrospektion, die in der Mittelaltermusik passiert“, referiert er. Indem man sich mit der eigenen Vergangenheit beschäftige und dadurch auch mit der Vergänglichkeit und dem Prozess des Sterbens, bilde man ein verstörendes Gegengewicht zu der sehr eingeschrenkt denkenden heutigen Gesellschaft. „Wir befinden uns gewissermassen in einem ideologischen Korsett,“ meint er. Dementsprechend soll mit dem neuen Album „Signum“ durchaus eine Botschaft transportiert werden, die über das reine Interesse an jenen mittelalterlichen Klängen, die ihren Ursprung zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert haben, hinausgeht. „Wir verfolgen weniger ein historisches Interesse, sondern versuchen, allgemeingültige Stoffe, die auch heute noch von Belang sind, umzusetzen; da gibt es ja nicht so viele, und man kommt fast zwangsläufig zu den Inhalten Liebe und Tod.“ Estampie sei immer auf der Suche nach möglichst grundlegenden und archaischen Themen: „Je komplizierter und je spezieller, desto schlechter“, erklärt Michael. Jedes Estampiealbum ist ein Konzeptalbum und die auf ihm vermittelte Stimmung von jedem einzelnen Text fügt sich nahtlos in selbiges ein. Bei „Signum“ im speziellen geht es um das Thema der Apokalypse und hauptsächlich – wobei nicht ausschließlich – um die sybillischen Gesänge, die von den Vorzeichen des nahen Weltuntergangs handeln. Der Zuhörer wird hierbei in ein wahres Wechselbad der Emotionen versetzt. Die Erwartung dieser Endzeit zeichnet sich hier nicht nur durch traurige Bilder, auch freudvolle Tänze sind dabei, wirklich finstere Klänge allerdings sind nicht zu hören. Die eingesetzten Choräle klingen weniger unheilvoll, sie vermitteln eher warme Schauer und versetzen uns in Nachdenklichkeit. Es sind alles Originaltexte der Sybilla und damit Anrufungen und Prophetzeiungen einer jenseitigen Macht. „Trotto“ ist ein beschwingter Tanz in vorpreschendem Rhytmus und hoher Geschwindigkeit. „Owe war sint verswunden“ wiederum ist ein Lied in Mittelhochdeutsch und beinhaltet einen sehr ergreifenden Text von Walther von der Vogelweide. Hier geht es um die Vorstellung, am Ende des Lebens darüber zu mutmaßen, ob das ganze Leben vielleicht nur ein Traum gewesen sei. Zunächst nur sacht mit Harfe unterlegt, steht Syrahs Stimme im Vordergrund, bis leise Trommeln einen Rhytmuswechsel vorgeben. „Razon“ ist eine Art Suite, die gleich mehrere musikalische Stilwechsel beinhaltet angelehnt an klassische marokkanische und andalusische Musik. „Cry de la mort“ ist ein Totentanz, „Non e gran cousa“, welches mit Ironie den Umgang mit einem Fehltritt behandelt, ist musikalisch äußerst beschwingt umgesetzt, und „Quen na virgen“ ist wiederum ein Cantica mit geistlichem Inhalt, die genauso wie „Non devemos“ die Unvollkommenheit thematisiert. „Wir versuchen natürlich, Klischees so gut es geht zu vermeiden“, verdeutlicht Michael die große Vielfalt der verschiedenen Interpretationen der Endzeitthematik. Allerdings gerade im Mittelalter und noch heute, gab bzw. gibt es die Vorstellung, dass der Tod ein Tor zu etwas Neuem ist und keinesfalls das Ende. Bei „Signum“ sollte nicht ein Aspekt herausgepickt werden, sondern verschiedene Facetten und Interpretationen umgesetzt werden. Betrachtet man sich den Entstehungsprozess von „Signum“ wird klar, dass Estampie trotz der ausschließlichen Verwendung alter Instrumente und der Umsetzung historischer Vorlagen für die Texte ganz bewusst eine Mischung aus Altem und Neuem hervorbringt. Dies hat verschiedene Gründe meint Michael. Zum einen ist eine authentische Adaption mittelalterlicher Musik aufgrund der nur sehr punktuellen Überlieferung gar nicht möglich. „Selbst wenn man den Aufnahmeprozess noch ausblenden würde und einen Lautenist live auf einen Marktplatz stellen würde, entspräche dies im Gesamtzusammenhang noch lange nicht der normalen Hörgewohnheit eines mittelalterlichen Menschen, der eben nicht, wie der Mensch der Gegenwart, den ganzen Tag von überall her mit unterschiedlicher Musik beschallt wird“, betont Michael. Die heutige Musik der Band erklingt viel zu perfekt und viel zu virtuos, um noch wirklich authentisch mittelalterlich zu sein. Im Gegensatz zu ihren Anfängen, in denen die Band einen Teil ihrer kreativen Arbeit im Proberaum absolvierte, entstehe inzwischen immer mehr im Kopf, so auch beim aktuellen Werk. „Die Vorstellung von einem Arrangement entsteht als Gedanke im Kopf und wird dann erst an den Instrumenten ausprobiert und in den Computer eingespielt“, erläutert Michael. Das Ergebnis dieses Prozesses ist ein wahrhaft großartiges Album, dass ebenso wie die anderen Estampie-Alben in Dauerrotation im CD Spieler laufen sollte! (maximilian nitzschke, www.maximilian-nitzschke.de, maximilian-nitzschke@gmx.de) ESTAMPIE - Fin Amor (CD 18.02.2002)
Schon Umberto
Eco, Theoretiker und Romanautor, sieht erstaunliche Parallelen zwischen
Mittelalter und Moderne. Auch in jener angeblich so dunklen Zeit
existierte Gegensätzliches nebeneinander, auch damals war schon alles
vorhanden, was wir mit unserer heutigen Zeit in Verbindung bringen: Das
Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, die Auflösung von Systemen,
die Endzeitstimmung und gleichzeitig auch die Idee einer Utopie. Die Wurzeln der
1985 von Syrah (Sigrid Hausen), Michael Popp und Ernst Schwindl gegründeten
Formation ESTAMPIE liegen in der vielgestaltigen Musik und der komplexen
Gedankenwelt des Mittelalters. Ihre Inspirationen aber beziehen die sechs
Musiker aus allen Bereichen gegenwärtiger musikalischer Ausdrucksformen.
ESTAMPIE geht Einflüssen moderner Stilrichtungen nicht aus dem Weg. Nein
im Gegenteil, ESTAMPIE sucht die Begegnung und Überschneidung mit anderen
Stilarten, denn dieses „Crossover“ verstärkt die Einzigartigkeit und
Kraft die in der Musik des Mittelalters liegen. Dabei verwendet
die Band ein gewaltiges Instrumentarium, dass originäre Instrumente wie
Drehleiern, Portativ, Laute, Harfe und Schalmeien einschließt. „Ein
Punkt unserer Arbeit ist für mich immer wieder neue spannende Instrumente
zu finden und ihr Spiel zu erlernen. Ein Reiz, den man ausschöpfen kann,
weil es keine stilistischen Vorgaben gibt,“ gibt Michael Popp im
Interview zu. Mit ihrem am 18.
Februar 2002 erschienenen Album „fin amor“ – feine Liebe, dem
siebenten Album inzwischen, widmen sie sich nun ausdrücklich dem
keltisch/bretonischen Bereich des Mittelalters. Schon der erste
Song „fol è desmesura“ beginnt mit Trommeln, die den Hörer entführen
wollen in die nordischen Regionen Europas, hin zum kalten Nordwind, zu
Liedern von Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft. Der Text stammt im Original
von Alfonso X. el Sabio (1230 – 1284) und wird instrumental von Trommeln
und Fideln begleitet. Der Gesang setzt choral versetzt gesungen mit der
markanten Stimme der Sängerin Sigrid Hausen alias Syrah ein und erzählt
in altportugiesisch von einem Priester der in den deutschen Landen
unterwegs war und die heilige Maria über alles liebte. Jedoch zweifelte
er eines Tages am Sakrament und bat sie ihm ein Wunder zu vollbringen. In
diesem Moment spricht die Hostie zu ihm, und er ist sich sicher das Wunder
empfangen zu haben. Er ist wieder voller Glauben und wird als er
stirbt von den Engeln fortgetragen. Das zweite rein
instrumentale Stück mit dem Titel „Hanter dro“ ist ein typisch
keltisches: Trommeln bilden den Anfang des Instrumentenreigens, in
den Fideln, Schalmeien, Drehleiern, Posaune und Harfe später einsetzen
und ein Instrumentalstück erzeugen, dass an Pubathmosphäre erinnert oder
einfach nur zum Tanzen anregt. Mit sanften
Harfenklängen wird der nächste Song „bluomenrot“ eingeleitet.
Verfasser des Textes war, der im 13. Jahrhundert gelebt habende, König
Konrad der Junge (1252 – 1268). Es handelt sich dabei thematisch um ein
typisches Minnenlied in altdeutscher Sprache, indem der Sänger sich an
dem Sommer nicht erfreuen kann, weil all seine Liebe an einer Frau hängt.
Diese bringt ihm jedoch großen Kummer, und er überlegt was passiert,
wenn er sich je trennen müsste. All sein Glück sei dahin und er wäre
froh, sie nie kennen gelernt zu haben.
„Sancte
sator“ kommt gleich choral gesungen von den Männern von Estampie als fünfter
Albumtrack daher. Mit Drehleiern, Posaune, Flöte und Trommeln wird dem
Song etwas gebethaftes verliehen. Der Verfasser des Originaltextes ist
nicht bekannt, sicher ist nur, dass er aus dem 8. Jahrhundert stammt. Es
ist eine Anrufung an Gott, die ihn als mächtigen Herrscher über Himmel,
Licht und Erde lobt und preist. Mit den Klängen
des Portativ und einer Fidel entführen die Estampie’s den Hörer weiter
zu ihrem sechsten Song „floret silva“ und damit zur Carmina Burana. Um
circa 1230 verfasst, handelt er von der Suche nach dem Geliebten, der
jedoch fort ritt und vermutlich nicht wiederkommen wird. Übrig bleibt die
Frage „Wer sol mich minnen?“ ( Wer soll mich nun lieben?). Interessant
wird dann mit Drehleiern der Refrain eingeleitet und in lateinischer
Sprache von Syrah gesungen „floret silva nobilis floribus et
foliis...“. „Swa tac“ heißt
das siebente Stück, dass sogleich mit Gesang eingeleitet und nur leise
von Harfe und Laute begleitet wird. „Es handelt sich um einen Text von
Konrad von Würzburg der 1230 – 1287 gelebt hat. Die Situation im Text
ist folgende: Zwei Liebende haben die Nacht zusammen verbracht, was keiner
wissen sollte, nur der Wächter wusste bescheid und mahnt die beiden, der
Morgen breche nun an und es währe an der Zeit, um unentdeckt zu bleiben,
sich loszureißen, “erläutert Michael Popp mir den mittelhochdeutschen
Text. Durch Harfe und
tiefe Bassstimmen wird man mit „exiit diliculo“ textlich erneut zur
Carmina Burana entführt. „Das ist ein ziemlich lustiger Text: Ein
Bauernmädchen treibt ihr Vieh heraus und sieht plötzlich im hohen Gras
einen jungen Herrn sitzen. Sie fragt ihn, was er da treibt und schlägt
ihm vor mit ihm zu spielen, was auch immer sie mit spielen meinen
mag..,“ lächelt der Musiker Popp. Mit
Trommelwirbeln die zum Aufbruch alarmieren, Drehleiern, Laute, wird das
Lied „a la fontana“ präsentiert. Den Originaltext schrieb Marcabru im
12. Jahrhundert in altprovencealisch. „Es handelt von einem Kreuzritter,
der auf eine Frau trifft, die er mag, die jedoch seine Gesellschaft
verschmäht. Das Fräulein klagt den Ritter an, dass ihr Geliebter mit ihm
in den Kreuzzug zieht, und alles was ihr bleiben wird nur Sehnsucht und
Weinen um ihn ist,“ erklärt Michael Popp den Inhalt in einem Münchner
Cafe. „frauenlobs
anckelwyse“ heißt der 10. Song der Platte, der von Frauenlob (1216 –
1288) verfasst wurde. Estampie begleiten ihn instrumental mit Harfe,
Fidel, Tanbur und Drehleier. Es geht
inhaltlich um eine Jesuserscheinung, der seinen Jüngern von einem
wunderbaren Trank trinken lässt. Zum Abendmahl reicht er ihnen eine
Schale Wasser hin. Er wasche alle ihre Füße sprach er, wenn sie seine
Knechte sind und er als ihr Herr angesehen wird. Sankt Peter weigert sich
mit der Begründung: Wenn Jesus sein Herr ist, so ist Sankt Peter aber über
ihm und nicht sein Knecht. Er lässt sich von ihm nicht die Füße
waschen. Jesus antwortet ihm gewitzt, das wäre nicht weise, da er
sich den Zorn seines Vaters, des Schöpfers zuziehen würde, was er
ja sicher nicht wolle. Daraufhin akzeptiert Sankt Peter Jesus als Herrn
und lässt sich von ihm doch die Füße waschen. „Estampie
VI“, der nächste Titel, schließt an das Vorgängeralbum „Ondas“
an, auf dem „Estampie V“ zu hören war. Erneut ein reines
Instrumentalstück, wird es mit Trommeln und Percussion eröffnet und
durch Drehleier, Flöten, Fidel, Posaune, Saz und Nyckelharpa ergänzt,
die dann nach einer Melodie im Gleichklang agieren. „Estampie ist die
Bezeichnung für eine alte mittelalterliche Tanzform und ist in etwa mit
aufstampfen, hüpfen zu übersetzen. Es zeugt also von Energie,
Lebensfreude und dem Spaß am musizieren. Deshalb unsere Namensgebung und
die dieses Titels. Eine Unmenge an Instrumenten spielt zusammen und
verbreitet Spielfreude,“ so Michael Popp. Danach
folgt der Albumtitel „fin amor“, der im Original in alter französischer
Sprache von Guillaume de Machaut (1300 – 1377) verfasst wurde. Im Vordergrund
steht der Gesang von Sängerin Syrah, die getragen die Textzeilen
zelebriert wie ein wiederaufgestöbertes Heiligtum. Zaghaft setzt die
Harfe ein, vermutlich um ja nicht dieses fein gewebte Gesangskleid zu
durchbrechen, erst sehr viel später fällt dem Hörer dann auf, dass man
sie ja längst mithört. Der Gesang hat uns abgelenkt. Der Inhalt ist
schicksalhaft. Jemand ist verstrickt in einer unglücklich verlaufenen
Liebe. Doch er kann nicht glauben, dass all sein Minnegesang umsonst
gewesen sein soll und glaubt nun, nie wieder Glück zu finden und sich
besser dem Tod hinzugeben. Das Schlußlied
heißt „Wessobrunner gebet“ und stammt im Original aus dem 9.
Jahrhundert. Eingeleitet mit
Gongschlägen und Trommelwirbeln ertönt die Stimme von Syrah und singt,
anknüpfend an „sancte sator“ von einer Zeit in der noch kein Mond,
keine Sterne, kein Himmel da waren, kein Ende und kein Anfang. Nur einer
war da: der allmächtige Gott“. Mit diesem Song
verlässt der Hörer wieder die Welt von Estampie und muss notgedrungen
entweder auf ein neues Album warten, oder drückt einfach noch einmal auf
„play“ um erneut in dieser ganz besonderen musikalischen Welt zu
versinken! (Maximilian Nitzschke) ESTAMPIE - Ondas (CD 17.04.2000) (Red Moon/Warner Classics)
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