BACK AGAIN: NEUE DEUTSCHE WELLE

THE FLYING KLASSENFEIND – The Flying Klassenfeind (12“ 1982/MCD 2001)

(Line Music – Sireena Records)

Was kommt dabei raus, wenn Leute, die eigentlich über Musik schreiben, selber Musik machen? Die Pet Shop Boys sind ein Beispiel, dass daraus eine weltweit erfolgreiche Band werden kann. THE FLYING KLASSENFEIND sind ein Beispiel, dass dabei eine ganz neue, humorvolle Seite der Journalisten hervorgekehrt werden kann.

Nun haben alle Leute bei THE FLYING KLASSENFEIND beiderseits Erfahrung, zum einen als Musiker, zum anderen als Schreiber oder in anderen Kunstrichtungen. Michael Ruff war Sounds-Schreiberling und Sänger bei den Geisterfahrern, Diedrich Diederichsen schrieb ebenfalls für Sounds und war bei den Nachdenklichen Wehrpflichtigen, Detlef Diederichsen schrieb für das gleiche Blatt und spielte bei den Zimmermännern, Markus Oehlen war bei Charleys Girls und Mittagspause und wurde dann Maler und auch Chris Lunch (Palais Schaumburg und solo) und Jörg Gülden (noch ein Sounds-Schreiber) sind keine ganz unbekannten in der frühen deutschen NDW-/Wave/Punk-Szene gewesen.

Diese illustre Schar von Leuten machte sich also 1982 daran, eine Platte aufzunehmen. Da ja nun von anderen Veröffentlichungen her bekannt ist, dass sie nicht völlig untalentiert waren, muss man die vier Stücke auf der Platte wohl als Parodie anhören und davon ausgehen, dass eine bewusst kaum anhörbare und schräge Platte entstehen sollte. Mit dem Country-Rock-Klassiker „Sin City“ von Gram Parsons geht es los. Das ist noch fast eingängig, eine gute Melodie macht schließlich auch der schleppendste Takt und der leierndste Gesang nicht kaputt. Heftiger wird es dann bei „Venus In Furs“, das man von The Velvet Underground gecovert hat. Das hätte Lou Reed sicherlich gefallen, weil seltsamerweise trotz der völlig disharmonischen Umsetzung der Geist des Originals getroffen wird - mysteriös.

Es folgt die Eigenkomposition „Ulan Bator“, deren Text fast nur aus Städtenamen aus aller Welt besteht. Sehr theatralisch und pseudokünstlerisch umgesetzt, aber doch schon fast mit gängigen Songstrukturen versehen. Auch die zweite Eigenkomposition „Out Demons Out“ ist aus heutiger Sicht lange nicht so abgedreht, wie sie 1982 erschienen sein muss. Alleine Michael Ruffs Stimme zwingt schon zum Vergleich mit den Geisterfahrern und seinem anderen Kurzzeitprojekt Die Schönsten.

Nein, ernst gemeint haben die Journalisten die Platte 1982 sicher nicht, vielmehr wollten sie wohl klugscheißerische Kollegen verwirren und pseudointelektuellen Musikern zeigen, dass nicht alles, was den gängigen Hörgewohnheiten widerspricht Kunst sein muss.

Obwohl hier überwiegend englisch „gesungen“ wird, macht es Sinn, die Platte in der NDW-Rubrik einzusortieren, da alle Beteiligten eindeutig in dieser musikalischen Blüte ihren Ursprung haben. (A.P.)

 

KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden