BACK AGAIN: NEUE DEUTSCHE WELLE

FEHLFARBEN - Alkoholen
FEHLFARBEN (+ Angelika Express) – 22.01.2003 – Hamburg, Große Freiheit 36
FEHLFARBEN - Knietief im Dispo
FEHLFARBEN – Club Der Schönen Mütter
FEHLFARBEN – 33 Tage In Ketten
FEHLFARBEN - Monarchie und Alltag

FEHLFARBEN – Alkoholen (MCD 2003)

(!K7 Wonder/Rough Trade)

Eine neue Maxi von Fehlfarben, dazu noch ein Track, der nicht auf dem großartigen Album „Knietief  Im Dispo“ zu hören war. Dem Fan läuft da doch das Wasser im Munde zusammen. Ein passendes Bild übrigens, wenn man sich den Songtitel „Alkoholen“ anguckt.

Ein „Sauflied“ von FEHLFARBEN? Ich war gespannt, was mich da erwartete, als am Anfang des Songs die Worte „Wir haben Durst!“ herausgeschrieen werden. Würden FEHLFARBEN jetzt auf den fahrenden Zug ihrer Düsseldorfer Kollegen Die Toten Hosen aufspringen? Der Chorgesang lässt beinahe daran denken, ganz so ist es aber dann doch nicht, denn der Text ist wieder eher typisch für Peter Hein. Man muss es ehrlich sagen, der Song ist gewöhnungsbedürftig und ich musste ihn erst einige Mal anhören, um ihn gut zu finden. Die Melodie hat zwar schon beim ersten Durchlauf Ohrwurmcharakter, aber das Thema und die Umsetzung im etwas seltsamen Lo-Fi-Sound machen es dem Hörer nicht leicht. Aber warum sollen die FEHLFARBEN nicht auch mal was machen, was man von ihnen nun gar nicht erwartet. In den Text kann man auch viel reindeuten, ist es nun einfach ein Partylied, wird Alkoholkonsum kritisiert? Oder gar verherrlicht?

Als zweites gibt es den Albumtrack „Die Internationale“, einer meiner Lieblingssongs von „Knietief Im Dispo“. Auch hier ist der Sound etwas minimalistischer und kantiger, obwohl nicht dabei steht, ob es sich um eine andere Version handelt.

Ebenfalls vom Album, hier aber als so genannter „Bastard Mix“, stammt „Sieh Nie Nach Vorn“. Sehr seltsame Mischung, wenn man den wohl bekanntesten Gitarrenriff der NDW-Zeit hört, eingebaut in ein Lied, dass mehr als zwanzig Jahre später entstanden ist und hier einen recht modernen Rhythmus bekommen hat. Ist das nun der Beweis, dass FEHLFARBEN schon 1980 ihrer Zeit weit voraus waren, oder einfach der etwas schräge Humor der Musiker? Oder einfach eine kleine Verarschung? Naja, „Es Geht Voran“ und „Sieh Nie Nach Vorn“ sind ja schon widersprüchliche Titel an sich und das Ganze ist wohl eine Anspielung darauf, dass „Ein Tag (Es Geht Voran)“ damals inhaltlich völlig missverstanden wurde. In dem Moment, als der Song ein Hit wurde, war es um die NDW wohl geschehen.

Sehr schön ist, dass man den Videoclip zu „Club Der Schönen Mütter“ mit auf die MCD drauf gepackt hat. Ein sehr schlichtes, aber gerade deshalb gelungenes Werk.

Ganz klar ist, dass die Maxi wohl nur harte FEHLFARBEN-Fans erfreuen wird, für ein breiteres Publikum ist sie wahrscheinlich weniger geeignet und auch nicht gemacht, aber wer weiß, Leute, die überhaupt nicht auf Texte achten, könnten „Alkoholen“ bald als Party-Mitgröhl-Hymne für sich entdecken. Ob das von den Düsseldorfern beabsichtigt war? Schon wieder missverstanden? (A.P.)


FEHLFARBEN (+ Angelika Express) – 22.01.2003 – Hamburg, Große Freiheit 36

Seit vor Weihnachten hatte ich mich schon wie ein Schneekönig auf das Konzert von FEHLFARBEN gefreut und meine Erwartungen waren fast ins Unermessliche gestiegen, immerhin hat die Band mein Leben nicht unerheblich beeinflusst. Dabei schlichen sich dann auch schon Zweifel ein, ob die Erwartungen überhaupt erfüllbar sein würden. Alles wurde perfekt durch organisiert, ich nahm extra für den folgenden Tag Urlaub und beschloss, erstmals nach einem Vierteljahr wieder ein paar Bierchen zu trinken und traf mich am Konzertabend dann um 20.15 Uhr mit Haiko vor der Großen Freiheit, wo schon einige Leute auf den Einlass warteten. Zunächst amüsierte man sich noch über eine Lieferwagenfahrerin von einem Filmteam, das in einem Hinterhof drehte. Die arme Frau hatte ernsthafte  Schwierigkeiten, den Wagen einige Meter rückwärts zu rangieren, obwohl sie von einer wichtigen Kollegin mit Headset wild winkend geleitet wurde. Das steigerte die Stimmung der schon Anwesenden beträchtlich (abgesehen von einem blöden Kommentar a´la „Frau am Steuer“) und man erwartete nach erfolgreicher Vollbringung des Manövers beinahe Applaus. Danach begab sich Haiko erstmal auf Nahrungssuche, was allerdings erfolglos blieb, da kein Imbiss in der näheren Umgebung Pizza hatte. Ich verzichtete auf den Kauf von Bier, da ich keine Lust hatte, Dosenpfand zu zahlen. Als wir wieder an der Freiheit ankamen, begann gerade der Einlass. Erschreckenderweise war es immer noch nicht besonders voll. Drinnen angekommen holten wir uns ein Bier und warteten gespannt auf die Vorband, während wir uns über Internetseiten und abgedrehte, vollkranke asiatische Horrorfilme unterhielten. Dann kamen die Kölner Angelika Express auf die Bühne und rockten eine halbe Stunde gut los. Klang ein bisschen wie eine Mischung aus frühen Killing Joke, Ärzte und Fehlfarben. Besonders ein Song war ziemlich genial und auf dieser Website kann man auch eine Kritik zur Debut-CD der Band lesen. Die Band war nicht übel, aber mehr als Höflichkeitsapplaus kam dann doch nicht. Klar, die Leute wollten FEHLFARBEN sehen. Inzwischen hatte der Saal sich gut gefüllt, war aber bei weitem nicht ausverkauft, eigentlich war es gerade richtig. Man konnte direkt am Bühnenrand stehen, ohne zerdrückt zu werden (mich zerdrückt aber sowieso keiner so leicht). Schön war, dass Haiko und ich nicht, wie bei vielen anderen Konzerten den Altersschnitt durch bloße Anwesenheit deutlich erhöhten, sondern mit Mitte 30 gut im Schnitt lagen. Nach einer zu langen Umbaupause (in der eigentlich kaum was umgebaut wurde) begann das Konzert gegen 22.15 Uhr und zunächst kamen nur Sangesgott Peter Hein, Gitarrist Thomas Schweben und Gitarrist Uwe Jahnke auf die Bühne. Das Konzert begann mitreißend mit Mittagspause´s „Innenstadtfront“ und den beiden S.Y.P.H. Stücken „Industriemädchen“ und „Lachleute und Nettmenschen“. Damit ist nun wirklich nicht zu rechen gewesen und ich bereitete mich innerlich auf ein großes Erlebnis vor. Inzwischen erschienen auch die restlichen Bandmitglieder auf der Bühne, alle schon deutlich über 40, aber doch noch ansehnlich und offensichtlich motiviert, dort zu stehen. Lediglich die Schlagzeugerin stammt nicht aus der „guten alten Zeit“ und ist entsprechend jünger. Die Herren, die sich da versammelt haben stellen so ein bisschen den Beginn der deutschen New/Wave/Punk-Szene dar, zumindest, was die Düsseldorfer Fraktion betrifft. Sie haben in Bands wie Charley´s Girls, Mittagspause, Plan, Pyrolator, S.Y.P.H. und DAF, wenn das nicht beeindruckend ist...

Nach den drei Uralt-Stücken begann eine gute Mischung aus alten Stücken und neueren, wobei natürlich das aktuelle Album „Knietief Im Dispo“ im Mittelpunkt stand und zum anderen das legendäre „Monarcie Und Alltag“-Album ausführlich gewürdigt wurde. Peter Hein, gekleidet im hellen Anzug, auf Dandy machend, redete am Anfang noch viel und sprach auch gleich seine Stimmprobleme an, was man in den Songs teilweise auch hörte. Gelegentlich verwechselte er die Reihenfolge der Songs oder verpasste seine Einsätze. Auch das Zusammenspiel der einzelnen Bandmitglieder klappte nicht immer, immerhin war es ja auch der erste Auftritt der Tour, und so sprang der Funke eine Weile nicht wirklich aufs Publikum über. Trotzdem hatte die Darbietung gerade, weil sie etwas unperfekt war, ihren Reiz. Nach etwa der Hälfte des Auftrittes wurde es dann immer besser, einerseits hatte die Gruppe sich ein wenig eingespielt, andererseits folgte jetzt Klassiker auf Klassiker, aber drittens merkte man Peter Hein an, dass er immer größere Probleme bekam und am liebsten von der Bühne verschwunden wäre. Vielleicht versuchte er gerade deshalb, noch alles zu geben, was aber nicht immer gelang. Irgendwann jedoch schüttelte er den Kopf und verschwand von der Bühne, während die Band das Lied noch zu Ende spielte und sich dann auch verabschiedete. Haiko und ich befürchteten schon, dass es das vielleicht wirklich war, da kamen die Musiker dann doch wieder auf die Bühne und die ersten Klänge von „Paul Ist Tot“ erklangen. Schließlich kam sogar Peter Hein wieder auf die Bühne und sang das Lied, bis er einen leeren Bierbecher an den Kopf bekam und wieder hinter der Bühne verschwand, nur um kurz darauf neben uns im Publikum erschien und sich erst den Becherwerfer greifen wollte, sich dann aber doch lieber mit den Leuten unterhielt, während der Applaus und die Zugabe-Rufe anhielten. Tatsächlich kamen die anderen wieder raus und Pyrolator kündigte am Mikrofon an, dass nun noch ein Stück von Der Plan kommen sollte, woraufhin Hein doch wieder auf die Bühne kletterte und gut gelaunt „Pizza“ darbot, was noch mal die Stimmung anschwellen ließ. Danach war dann endgültig Schluss und das Publikum verließ gut gelaunt den Ort des Geschehens. Der Eindruck war, dass die FEHLFARBEN gerne noch mehr geboten hätte, dass es aber wirklich nicht mehr ging. Wir waren aber doch sehr zufrieden, denn  wann bekommt man schon mal so großartige Songs  wie „Grauschleier“, „Das Sind Geschichten“, „Die Wilde 13“, „Gottseidank Nicht In England“, „Apokalypse“, „Paul Ist Tot“ und das brillante aktuelle Album live geboten? Gerade, weil die Versionen nicht steril und perfekt waren, fühlte man sich gut unterhalten, denn wer will einfach nur eine Reproduktion der CD erleben? Live muss es nun mal schräg und dreckig sein. Und die vielen Bierbecher, die auf die Bühne flogen waren mit Sicherheit keine Missfallensbekundung des Publikums, sondern ein lieb gewonnenes Ritual. Schlagzeugerin Saskia von Klitzing und Keyboarder Frank Fenstermacher, aber auch die anderen machten sich einen Spaß daraus, die Becher baseballartig mit den Drumsticks ins Publikum zurückzuschlagen oder zu schießen und ernteten für jeden erfolgreichen Schlag reichlich Applaus. Besonders die Schlagzeugerin hat sich so viele Sympathien erworben und schien sichtlich Spaß an der Sache zu haben. So endete ein unterhaltsamer Konzertabend und ich kann nur jedem empfehlen, jede Chance zu nutzen, die FEHLFARBEN live anzusehen, wer weiß, wie oft man noch die Gelegenheit dazu haben wird. Bleibt nur noch, Peter Hein zu wünschen, dass er die Tour durchhält. (A.P.)


FEHLFARBEN – Knietief Im Dispo (CD 2002)

(!K7 Wonder)

Wahrscheinlich mag es keiner mehr von mir hören oder lesen, aber wenn FEHLFARBEN auftauchen, ist das für mich immer ein Feiertag. Nun liegt also das neue Album nach der Vorabmaxi „Club Der Schönen Mütter“ vor und hat mich schon beim ersten Durchhören überzeugt.

Mit „Rhein In Flammen“ geht es schleppend im Stil der Maxi weiter. Sänger Peter Hein bohrt sich mit seinem ganz eigenen Gesang sofort wieder in den Kopf und auch textlich geht es sofort wieder gut los. Eigentlich ist der Song ein richtiger Ohrwurm. Es folgt „Die Internationale“ mit einem Text, der den Wunsch nach einer Revolution in dieser trüben, oberflächlichen Welt äußert, nicht ohne eine Prise Selbstironie („Es müsste noch mal wie 89 sein, 17 nicht 19 aber weltweit, Religionen verboten Politiker enthirnt, Vernunft und Vertrauen – ach Janie Du spinnst“). Danach „Club Der Schönen Mütter“, nach mehrmaligem Hören definitiv ein Ohrwurm, auch wenn mir manche FEHLFARBEN Liebhaber weismachen wollen, dass der Song nicht wirklich gut ist... ich mag ihn. „Der Fremde“ ist ruhiger und von einem gesprochenen Text bestimmt, der die Trostlosigkeit des Alltags beschreibt. Besonders an diesem Song kann man die tolle Produktion dieser Platte erkennen, denn alle unterschiedlichen musikalischen  Linien sind glasklar heraus hörbar. „Schnöselmaschine“ kennt man wieder von der Vorab-Maxi. Dies ist sicher einer der düstersten Songs und einer der am klarsten textlich Stellung bezieht. „Als nächstes kommt „Was Der Himmel Verbietet“. Hier zeigt sich deutlich, dass auch moderne musikalische Einflüsse nicht an der Band vorbei gegangen sind. Das könnte durchaus im Chill-Out-Raum bei Techno-Parties laufen. Hier werden elektronische Elemente mit den typischen FEHLFARBEN-Attributen (schneidende Gitarre, auch mal ein Saxophon) kombiniert, dazu gibt es einen wohl eher persönlichen Text, der den Song beinahe zu einem traurigen Liebeslied macht, voll von Enttäuschung und ein bisschen Verzweiflung. Dann der dritte Song der Maxi, „Reiselust“. Das ist vielleicht der Titel, der am ehesten an frühe FEHLFARBEN erinnert und für mich einer der Hits des Jahres ist, wobei „Hit“ natürlich relativ ist, denn für die Charts ist er sicher zu düster und schräg. Der seltsame Songtitel „Du Ran Du Ran“ erklärt sich schnell im Refrain des Liedes. Bei den Strophen kommt sehr stark Früh-FEHLFARBEN-Gefühl auf, auch textlich, der Refrain ist dann aber ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Trotzdem ein sehr guter Song. Nachdenklich und selbst reflektierend kommt dann „Das Leben Zum Buch“ rüber („Selbst Auge in Auge stellst Du schnell fest, Erinnern und Wahrheit sind wie Post und wie Pest“). Etwas schwächer ist als nächstes „Die Kleine Geldwäscherei“, kommt doch arg seicht aus den Boxen, naja, vielleicht besser: entspannt. Ich denke, so ganz ernst ist der Song dann auch nicht gemeint.. Bei „Herzen Gelandet“ wird es dann am Anfang wieder etwas trancig, im Laufe des Songs aber doch irgendwie bedrohlich, das sollte man sich häufiger anhören, die Stimmung in dem Lied kann einem richtig Angst machen, wenn man es im „richtigen“ Umfeld anhört. Letzter regulärer Titel ist dann „Sieh Nie Nach Vorn“, der wieder etwas bandtypischer klingt. Erwähnenswert auch, wie viele Reime man mit der Endsilbe „-und“ machen kann, ohne am Ende einen hohlen Text zu erhalten, gleiches gilt für die Endung „-att“. Bezeichnend auch, dass die Platte mit dem Text „Sieh nie nach vorn, sieh nie nach vorn, was habe ich denn da vorn verlorn“ endet. Das beschreibt so ein bisschen die Grundstimmung des Albums, ohne, dass jedoch den alten Zeiten hinterher getrauert wird. Die Texte beschreiben den Status Quo, und auch wenn vieles nicht richtig läuft, so lebt man doch im „Hier und Jetzt“, um mal auf „Monarchie und Alltag“ zu verweisen, soviel hat sich also gar nicht geändert. Genau das wird schließlich im Bonussong „Lebenslust“ noch einmal thematisiert, der wohl nur als Hidden Track auf der limitierten Erstauflage des Albums sein soll. „Lebenslust“ wird mit Sicherheit eine absolute Live-Hymne, wenn es die FEHLFARBEN irgendwann noch mal auf eine Bühne verschlagen sollte.

Was bleibt also über diese Platte zu sagen? Es ist definitiv ein richtiges FEHLFARBEN-Album, nämlich ein großartiges! Textlich geht es weniger um Weltpolitik, sondern um die kleinere persönliche Welt, direkt um einen herum. Scharf bleiben die Texte trotzdem, auch wenn die parolenhaften Zeilen eher nachdenklichen Momenten gewichen sind, aber Peter Hein und die anderen Bandmitglieder sind eben auch über 20 Jahre älter, als zu „Monarchie Und Alltag“-Zeiten. In solch einer langen Zeit weicht die Wut wohl ein bisschen dem Zynismus, wie ich an mir selber auch merke. Der Titel des Albums ist auch bezeichnend. Wer kennt nicht das Gefühl, irgendwie immer zu wenig zu haben? Bei den FEHLFARBEN ist es so, dass sie seit einem Vierteljahrhundert Musik machen, jeder sie kennt, aber die Musiker trotzdem nicht wirklich reich und berühmt geworden sind. Allerdings sollte man das wohl auch sarkastisch verstehen, obwohl in mehreren Texten das Thema Geld vorkommt. Auf jeden Fall sollte man die Platte einige Male Durchhören, bevor man sich ein endgültiges Urteil bildet, sonst könnte man zu dem Schluss kommen, dass die zweite Hälfte schwächer ist, als der Anfang. Das stimmt jedoch nicht, nur die letzten Songs sind einfach introvertierter. Die Wichtigkeit von „Monarchie und Alltag“ erreicht „Knietief im Dispo“ natürlich nicht, aber das erwartet und verlangt auch keiner. Dennoch ist die Platte ein treffendes Statement zur Zeit und FEHLFARBEN bleiben eine wichtige Band. (A.P.)


FEHLFARBEN – Club Der Schönen Mütter (MCD 2002)

(!K7 Wonder Records)

Um es vorweg zu nehmen: eigentlich gehört diese CD natürlich nicht in die NDW-Rubrik, sondern eher in die Wave- oder Pop-Rubrik, denn wir schreiben das Jahr 2002 und die NDW-Zeit ist lange vorbei. Wahrscheinlich mögen die Musiker mit diesen neuen Aufnahmen selber nicht gerne zur NDW gezählt werden, aber jeder, der was über FEHLFARBEN lesen will, wird zuerst unter NDW nachsehen, insofern macht es wohl doch Sinn, die CD hier einzusortieren.

Ungefähr einmal im Jahrzehnt kommen die legendären FEHLFARBEN zusammen, um in Originalbesetzung eine neue Platte aufzunehmen, 2002 war es mal wieder soweit. Die MCD „Club der Schönen Mütter“ kündigt die neue Platte an und dürfte recht schnell den zahlreichen Fans, die es immer noch gibt, gefallen. Inwieweit der Erfolg des Buches „Verschwende Deine Jugend“ von Jürgen Teipel, der ein kleines Revival der frühen deutschen Punk-/Waveszene ausgelöst hat (z.B. wurde endlich das erste Palais Schaumburg Album auf CD veröffentlicht) als Katalysator für die neuen Aufnahmen funktioniert hat, weiß ich nicht, das ist aber auch völlig egal, wenn es was Neues von einer der wichtigsten deutschen Bands überhaupt gibt. Bands wie Blumfeld oder Tocotronic würden heute wahrscheinlich ohne die FEHLFARBEN völlig anders klingen, wenn es sie überhaupt gäbe.

Die MCD enthält drei verschiedene Songs, und nicht, wie sonst üblich in der Musikwelt, mehrere Remixe eines einzigen Song.

Der Titelsong „Club Der Schönen Mütter“ ist zunächst einmal gewöhnungsbedürftig, einerseits recht poppig, aber doch irgendwie sperrig, was vor allem an Peter Hein´s Gesang liegt. Man muss den Titel schon mehrmals hören, bevor er sich zu einem Ohrwurm entwickelt, dann aber bleibt er unauslöschlich. Musikalisch klingt es irgendwie ein bisschen wie The Cure zur „Wild Mood Swings“ Zeit. Mit „Schnöselmaschine“ (was für eine schöne Wortschöpfung) geht es FEHLFARBENtypisch weiter, sowohl, was die Musik, als auch den Text angeht. Da wird es schon eine Spur düsterer. Textlich, wie immer bei Hein, trifft es die Sache auf den Punkt („Weil man sagt, was man sich vorstellen könnt´, wird man dafür schon wieder gehängt...Kreuz und Halbmond, der gleiche Beschiss, man weiß wirklich nicht, was ekliger ist, sie fressen den Köder, fallen drauf rein, Täter und Opfer, der gleiche Verein“), was mal wieder beweist dass man gar nicht plumpe Parolen brüllen muss, um etwas an unserer Gesellschaft zu kritisieren. Hier liegt schon seit Ende der 70er Jahre Peter Hein´s Stärke und man macht es seinen „Feinden“ schwer, dem zu widersprechen.

Der dritte Song „Reiselust“ führt den begonnenen Weg klar weiter, ist aber eine ganze Spur härter. Klingt irgendwie ein bisschen wie Abwärts oder auch Die Erde. Vom Aufbau erinnert der Song auch sehr stark an Ideal´s „Eiszeit“, hört´s Euch mal an.

Diese MCD macht mehr als gespannt auf das Album, denn auch, wenn es kein nahtloser Anschluss and die früheren Aufnahmen ist, so ist es doch die logische Fortsetzung. (A.P.)


FEHLFARBEN – 33 Tage In Ketten (LP 1981)

(Welt Rekord /Emi)

Was soll eine Band tun, die 1980 mit „Monarchie Und Alltag“ die beste deutschsprachige Platte überhaupt veröffentlicht hat? Das hat sich vielleicht (aber wahrscheinlich nicht wirklich) auch FEHLFARBEN´s Sänger Peter Hein gefragt, und nach dem ersten Album und kurz vor dem endgültigen kommerziellen Durchbruch, die Gruppe verlassen, um mit Camp Sophisto und Family 5 weiter im Untergrund herumzuwerkeln. Die anderen Musiker haben unter dem Namen FHELFARBEN weiter gemacht und 1981 die zweite LP „33 Tage In Ketten“ aufgenommen, die aufgrund des Fehlens von Hein und wohl auch wegen der Masse, der plötzlich auftauchenden deutschen Platten, den Erfolg der Single „Ein Tag (Es Geht Voran)“ nicht weiter führen konnte und ein wenig unter ging. Obwohl das Album glatter ist und die Texte nicht wirklich schlechter, als auf dem Debut sind, reichte es nicht für den ganz großen Erfolg, die Konkurrenz war wohl einfach zu groß und die Leute wollten lieber Gute-Laune-Texte hören, als gesellschaftskritisches. Mit Songs wie „Tanz Mit Dem Herzen“, „Ich Nicht Verstehen“ und „Die Wilde 13“ sind drei tolle Wave-Songs vertreten, die sowohl textlich, wie auch musikalisch überzeugen können. Inhaltlich sind die politischen Themen etwas in den Hintergrund gerückt, stattdessen wird die Leere des Lebens in den frühen 80ern angesprochen. Die Textzeile „Kein Anlass Für Romantik“ aus „Söhne Und Töchter“ beschreibt die Stimmung des Albums ziemlich gut. Einerseits ist es musikalisch durchaus aggressiv, inhaltlich wird jedoch eine gewisse Hoffnungs- und Ausweglosigkeit ausgedrückt.

Natürlich kommt „33 Tage In Ketten“ niemals auch nur annähernd an „Monarchie Und Alltag“ heran, aber es wäre auch vermessen, das zu wollen. Dennoch ist das zweite Album von FEHLFARBEN auch ohne Sänger Peter Hein ein Meisterwerk, das weder zu NDW-Zeiten, noch später die verdiente Anerkennung erhalten hat. (A.P.)


FEHLFARBEN – Monarchie Und Alltag (LP 1980/ CD 1989)

(Emi)

Eigentlich wage ich es gar nicht, über diese Platte was zu schreiben, denn ich erstarre beinahe in Ehrfurcht! „Monarchie Und Alltag“ ist meiner bescheidenen Meinung nach nicht mehr und nicht weniger als die beste deutschsprachige Platte aller Zeiten! Und das schließt immerhin das geniale erste Cpt.Kirk & Album mit ein.

Selten hat eine Platte die Stimmung der Zeit, in der sie entstanden ist so perfekt eingefangen. Deutschland 1980, graue Betonburgen in den Vorstädten, Kalter Krieg, eine Jugend, die sich von ihren Eltern die häufig noch die Naziherrschaft bewusst erlebt haben, abgrenzen und nicht den selben Alltagstrott erliegen wollte. Trostlosigkeit, Berlin – Mauerstadt, Christiane F., eine Neue Deutsche Welle, die aus dem frühen Punk ein eigenes Leben entwickelt hat, noch bevor die großen Plattenfirmen bemerkten, dass dieser Begriff auch für ihre Schlagerproduktionen nutzbar war und Dieter Thomas Heck die Gruppen zu sich in die ZDF-Hitparade eingeladen hat. FEHLFARBEN haben einfach mit jeder Textzeile den Nerv der Zeit getroffen, sei es in ihrem bekanntesten Lied „Ein Jahr (Es geht Voran)“ („Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran“), sei es in „Apokalypse“ („Ich fürchte nicht um mein Leben, ich hab nur Angst vor dem Schmerz“), in „Gottseidank Nicht In England“ („Wenn die Wirklichkeit Dich überholt, hast Du keine Freunde, nicht mal Alkohol“), in „Grauschleier“ („Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“) oder in „Paul Ist Tot“ („Was ich haben will, das krieg ich nicht und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht“). Die Musik war noch deutlich vom frühen deutschen Punk geprägt, vor allem durch die Vorgängerbands Mittagspause und Charley´s Girls, hatte aber auch schon eine gehörige Portion Wave verinnerlicht. Ein Song wie „Ein Jahr (Es Geht Voran)“ ist eigentlich viel zu genial, um auf unzähligen kommerziellen NDW-Samplern verheizt zu werden, vorgesetzt der alles konsumierenden Masse, die den Sinn überhaupt nicht versteht und nur den Refrain mitgröhlen will. Dabei ist das Lied bei weitem nicht das beste von FEHLFARBEN. Davor kommen auf jeden Fall noch „Gottseidank Nicht In England“, „Grauschleier“, „All That Heaven Allows“und die unsterbliche Hymne „Paul Ist Tot“, die eine unglaubliche Hoffnungslosigkeit rüberbringt. Es fällt mir schwer, die Wichtigkeit dieser Platte darzustellen, weder den Stellenwert, den sie für mich persönlich hat, noch den für die deutsche Musik der 80er Jahre. Wenn man nur eine einzige deutschsprachige Platte besitzen sollte, so ist es mit Sicherheit „Monarchie Und Alltag“! (A.P.)