BACK AGAIN: NEUE DEUTSCHE WELLE

Compilation – BONNER RACHE (MC/CD 1981/2003)

(Datenverarbeitung/Dauerblumen www.dauerblumen.de )

Der gute Stiev A. hat mal wieder in seinen Datenverarbeitung-Tapelabel-Archiven gekramt und eine weitere nette Rarität auf CD-R gebannt, um den Geist der Früh-80er-Musikszene in Deutschland unter die Leute zu bringen. Nach der Haushaltswaren/Anlieger Frei-Split-CD und der Klopferbande-Wiederveröffentlichung nun also ein Sampler mit Gruppen, Musikern und Projekten, die jenseits aller Hörgewohnheiten (auch damaliger) stehen und wohl nur den wenigsten Leuten vom Namen her etwas sagen dürften. Mit viel Glück kennen ein paar Leute SPLITTER, die auch eine Single veröffentlicht haben. Hier gibt es sechs Livetracks vom 1980er Wischi-Waschi-Festival, die sehr schräg sind und irgendwie an DAF´s Album „Die Kleinen und die Bösen“ erinnert, wer kennt nicht das legendäre „Die lustigen Stiefel“? Man könnte auch denken, dass die spätere Hamburger NLW-Band The Unrealizable Wish auf ihrem ersten Tape von SPLITTER beeinflusst waren („Puking Every Day“, „Crazy“), aber die dürften Haiko, Erik und Rene kaum gekannt haben. Auf jeden Fall kann man hier mal wieder den überstrapazierten Begriff „genialer Dilettantismus“ verwenden, Avantgarde-Klänge mit Früh-NDW- und Punk-Charme und einem Sänger, der wirklich aus sich raus gegangen ist. Mit „Galgenlied“ covern sie sogar ein Brecht/Weill-Stück und das ganz gelungen.

ANLIEGER FREI folgen mit vier Tracks, die etwa zur gleichen Zeit aufgenommen wurden, wie die Stücke der Split-LP mit Haushaltswaren. Dementsprechend vergleichbar sind sie auch stilistisch, Minimal-NDW-Klänge mit wohl nicht ungewolltem Residents-Einfluss. Wer die Split-LP/CD mochte, liegt auch hier definitiv richtig.

Die restlichen Bands/Projekte stammen fast alle direkt von Stiev A., der einfach mit allen möglichen Dingen herum experimentierte und damit erstaunliche Ergebnisse schuf. FLEXI SOLO, THE GREGORIANS, STIEV A. und HALLIFAX GIBBET (als Bonustrack, der damals nicht auf dem Originaltape war) sind seine Projektnamen, die wohl alle sehr kurzlebig waren, aber eben zeigen, was um 1980 herum musikalisch alles möglich war. Schade, dass ich damals einfach noch zu jung war, um diese „alles geht“-Stimmung bewusst mitzuerleben. Wer hier perfekt produzierte NDW- oder Electro-Tracks erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein, wer aber mal sein Ohr den wirklichen Undergroundklängen leihen will, bevor die NDW von den großen Firmen als geschäftsträchtiges Label für ihre mittelmäßigen Schlager-Pop-Produktionen vereinnahmt wurde, ist hier an der genau richtigen Adresse.

Die CD-Wiederveröffentlichung hat bewusst denselben Do-it-Yourself-Charme, wie alte Tapeveröffentlichungen. Das Teil ist auf erstmal 50 Exemplare limitiert und kommt in einer nummerierten DVD-Hülle mit einem sehr informativen, liebevoll zusammen gestellten Booklet. Wenn die 50er Auflage weg ist, wird´s aber hoffentlich eine zweite Auflage geben, die dann aber sicher nicht so aufwendig gestaltet ist. Hauptsache solche Zeitdokumente eines lebendigen Undergrounds sind überhaupt erhältlich, was in Zeiten von CD-Brennern aber kein Problem sein sollte. Geld kann man damit sowieso nicht wirklich verdienen, darum geht es hier auch gar nicht. (A.P.)

 

KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden