BACK AGAIN: ELECTRO

INTERVIEW THINK ABOUT MUTATION

In den heiligen Räumen der Motor Music trafen wir Donis von THINK ABOUT MUTATION, der Infos gibt zum Abum "Virus" und sonstigem:

? Da ich noch nicht so ganz viel von THINK ABOUT MUTATION weiß, denke ich, daß wir beide THINK ABOUT MUTATION FÜR ANFÄNGER machen. 
! Die Geschichte der Band lautet so: 1995 gegründet. Es gab Leipzig, wo wir herkommen, immer eine ziemliche Projekterei, also wir waren, bevor wir uns zusammengefunden haben, schon in anderen Bands aktiv. Wir hatten also was zusammen gemacht und aber spätestens nach der dritten Probe hat sich herausgestellt, daß das Ganze mehr als nur ein Projekt war, da sich schon irgendwie ein Bandgefüge gezeigt hat. Das war irgendwie letztend der Pool und die Erleuchtung von dem, was wir eigentlich schon immer machen wollten. 

? Was genau wolltet Ihr denn schon immer genau machen?
! Es gibt gottseidank keine Schublade für unsere Musik, es haben sich schon wahnsinnig viele Leute die Zähne dran ausgebissen auf der Suche danach. Wir sind extrem beeinflußt von äußeren Hörgewohnheiten, wir sind alle Plattenkonsumenten und stehen auch dazu ein, daß wir extrem beeinflußt sind. Es gibt viele Musiker, die sagen, sie machen ihre Musik im stillen Kämmerlein und sind von nichts beeinflußt, wir geben aber zu, daß wir extrem beeinflußt sind von den Platten, die wir hören. Und wir versuchen den Eindrücken, die wir dort sammeln, den typischen TAM-Stempel aufzudrücken. 

? Okay, anders gefragt: Was kauft Ihr Euch denn für Platten?
! Unsere Hörgewohnheiten wechseln natürlich auch immer sehr schnell, die Musik ist schnellebig und wir machen das einfach mal mit. Derzeit ist es so, daß wir sehr beeinflußt sind und viele Platten kaufen aus dem Drum´n Bass-Bereich, sprich solche Bands wie Chemical Brothers. Das schlägt sich auch gerade auf unserer neuesten Platte, die „Virus“ heißt, wohl ziemlich nieder, es ist wohl auch hörbar. 

? Also, die Schublade nennt sich „Think About Mutation“, oder wie?
! Ja, kann man so sagen. Unser Hauptziel von Anfang an ist, daß wir nicht die extrem politisch konstituierte Message-Band sein wollen. Wenn die Band überhaupt eine Message hat, dann dafür zu arbeiten, daß diverses Spezialisierertum und Schauklappentum vorbei ist. Das war für uns auch von Anfang an schwer, denn z.B. im Hip Hop Mag dürfen um Gottes Willen keine Drum´n Bass-Geschichten rein, obwohl Drum´n Bass auch nur Hip Hop auf 45 ist. In Wave-Mags muß am besten jede zweite Überschrift in Altdeutsch geschrieben sein und da geht es dann auch nur explizit nur um diese Szene und keinen Augenblick wird der Tellerrand mal verlassen. Und das ist eigentlich die Hauptsache, die wir aufweichen wollten und das hat sich als Message bis heute durchgezogen. 

? Okay, das ist dann wohl die musikalische Message. Habt Ihr auch eine textliche Message?
! Das ist eine interessante Sache. Die Texte von mir sind sehr persönlich, codiert, verschlüsselt und bauen größtenteils aus zwischenmenschlichen Erlebnissen auf und auf anderen Erlebnissen. Ich bin auch ein Filmfreak, habe auch mittlerweile eine Sammlung von über 300 Filmen und lebe auch sehr viel mit dem Medium Film. Da fließt natürlich auch viel mit ein. Ich würde natürlich nie einen Filmtitel oder einen Protagonisten explizit in ein Lied einbringen, aber an Atmosphäre fließt da viel ein. Als Bandgefüge sind wir wirklich keine politisch positionierende Band. Das liegt sehr viel auch an mir, weil ich ein bißchen für mich Entschlüsse gefasst habe. Ich bin jetzt 29 Jahre alt und denke schon, daß ich die eine oder andere Erfahrung gesammelt habe, aber ich glaube nicht, daß mein Erfahrungsschatz so groß ist, daß ich Leuten, die auf unsere Konzerte kommen oder unsere Platten hören, extrem essentielle Sachen auf den Weg geben könnte. Das meine ich in meiner jetzigen Form nicht zu können. Wenn ich das machen würde, wäre das wahrscheinlich lächerlich und lächerlich möchte ich in dem Sinne eigentlich nicht sein, auch nicht erscheinen. Und dann ist da noch Fakt, daß es grade in der Musik sehr viele politische Äußerungen gibt, grade in der Hip Hop und Crossover-Szene, Bands wie Rage Against The Machine und so weiter, Bands die ich sehr schätze. Wenn man die lyrische Seite her anschaut, dann sind das schon politische Äußerungen. Das ist dann wie kultiviertes Meckern, ein verbildlichen von Mißständen, die Bestehen. Aber es wird in den meisten Fällen nichts analysiert und in keinen Fällen wird irgendeine Vision geboten aus diesen Miseren und die habe ich verdammt noch mal auch nicht. Mir z.B. geht das Neonaziproblem in Leipzig sehr auf den Geist aber ich habe keine Vision und sehe keinen Ausweg. Wenn ich einen Weg wüßte, würde ich wahrscheinlich ein Konzept erarbeiten und alle Stücke mit diesem Thema betexten. Gleichermaßen hoffe ich auch, daß die Leute, die zu unseren Konzerten kommen und unsere Platten kaufen, soweit als intelligent einstufen kann, daß ein Typ mit Bomberjacke und Aufnäher „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“ und zum Asylheim rennt und Menschenleben auf´s Spiel setzt, daß dieser Typ Scheiße ist, ich denke, daß ich das den Leuten nicht sagen muß. Wenn Leute kommen, denen man das doch sagen muß, dann muß man wohl allgemein über sich nachdenken. Und deshalb sind meine Texte eher persönlicher Natur, verschlüsselt. Und damit kann ich gut leben, denn so wie die Texte sind, daß bin ich und niemand anders. 

? Heißt das denn, daß Du nichts aussagen möchtest?
! Das will ich damit nicht sagen. Wenn man sich an den Tisch ransetzt mit den Texten, kann man sich sicher auch einiges entschlüsseln und das will ich auch so. Es sind keine DaDa-Texte und auch keine Parolen, wie das mal in einem Heft stand. Das ginge sowieso von unserem Gefüge her nicht. Wir werden sowieso oft angesprochen mit dem Verweis auf Prodigy. Prodigy finden wir auch gut und das war sicherlich auch mal ein Einfluß und so, aber wenn Du Dir die oder auch die Chemical Brothers anguckst, dann sieht man, daß diese Musik eigentlich zu 100% auf Tanzfunktionalität hinentwickelt ist. Ein Stück wie „Smack My Bitch“ von Prodigy ist sicherlich ein kraftvolles und tolles Stück, aber man hat den Eindruck, daß da ein paar Komponenten übereinandergeschichtet mit Parolen zersetzt werden und das Ganze läuft dann eher ab wie ein DJ-Set, obwohl ich damit nicht sagen will, daß ein DJ-Set steril ist und nichts kompaktes hat, aber wir sind immer darauf bedacht, am Ende auf ein kompaktes Songwriting verweisen zu können. Das ist ganz wichtig für uns und das unterscheidet uns glaube ich auch von anderen Sachen. 

? Ihr habt schon mit diversen Bands zusammengespielt, sag doch dazu nochmal was. Denn man wird ja mit Bands, die man supportet, auch irgendwie musikalisch in Zusammenhang gebracht.
! Das ist z.B. auch so eine Sache, bei dem unser Konzept aufgeht. Wir haben im Laufe der Jahre mit so unterschiedlichen Bands zusammengespielt wie Godflesh, Depeche Mode, Napalm Death, Helmet und überall fand das Publikum, daß wir in diesem Kontext funktioniert haben. Das ist dann so eine Sache, bei der man das allgemeine Konzept von TAM aufgehen sieht. Das sind dann so Momente, da sagt man „Yeah“. 

? Dann ist das also Musik für die Massen?
! Ja, warum denn nicht? Wir stehen hinter unserer Musik und wenn Massen von Leuten dies auch tun, dann können wir uns nur glücklich schätzen. 

? Eure Musik hat sich ja nun im Lauf der Jahre verändert...
! Ja, natürlich gibt es immer eine Weiterentwicklung, was eigentlich auch logisch ist. Wenn man die erste Platte „Motorrazor“ von 93 hört, da kam die Hälfte des Band-Line-Ups aus dem Metal-Bereich und so hatten wir in den Anfangsjahren vordergründig Metalinfiziertes Publikum. Aber schon damals kamen wir mit den noch schüchtern eingesetzten Electronic-Parts gut zurecht. Auf der zweiten CD „Housebastards“ gab es dann schon eine ziemlich extreme House-Komponente und da haben wir schon bemerkt, daß es zu funktionieren beginnt. Wir haben öfter in Metalclubs in der Gegend gespielt und da ist es dann passiert, daß „Housebastard“, was ja mit House-Attitudes und House-Pianos arbeitet, in der ersten Reihe Reißbrett-Metaller mit Motörhead- oder Napalm Death-T-Shirt und angehenden Bierbauch zum Tanzen animiert. Das waren dann so´n bißchen die ersten halbherzigen Ernteeinbringungen zum Konzept. Dann kam dann im Jahre 96 die „Hellraver“ und da hatten wir ein schon sehr wegweisendes Stück, das baute schon damals so´n bißchen auf dem Drum´n Bass-Bereich auf, sehr breakreich und sehr verfrickelt. Dazu ein sehr markantes Gitarrenriff und eine von mir gesungene Pop-Hookline. Das war dann auch schon so, daß es gerade live Berührungsängste bei diesem Stück gab. Ein Jahr später kam dann Apollo 440 mit "Ain´t Talking ´Bout Dub“ und haben dann mit dem gleichen Konzept einen Charthit gemacht. Wir sind manchmal der Meinung, daß unsere Platten immer ein bißchen zu früh dran sind. Wenn man clever taktieren würde, würde man mit dem VÖ noch ein halbes Jahr warten, bis der Weg vielleicht etwas mehr geebnet ist, um es, schröde auszudrücken, mehr Einheiten zu verkaufen.

? Aber auf der anderen Seite hat man ja so die Chance Wegweiser zu sein.
! Ja, und das wollen wir auch und das war auch immer so´n Problem, denn wir waren bei unserem früheren Label etwas gehandicapt, weil die überhaupt nicht visualisieren konnten, was wir machten, weil sie die Musik überhaupt nicht verstanden haben. Aber wenn wir etwas erstellen, wollen wir es natürlich auch sofort auf den Markt bringen. 

? Und was ist jetzt auf der neuen CD „Virus“ neu?
! Ich glaube es ist so, daß wir uns dem Planeten Pop etwas genähert haben, wenn man das ein bißchen im TAM-Kontext definiert. Da gibt es z.B. Songs wie „Supernova“ oder „Irregular“, wo Song-Hooklines passieren, wie ich sie noch nie geschrieben habe, mit denen ich aber sehr gut leben kann. Das ist halt meine Art eine Hommage zu zollen an den 80er-Jahre-Pop wie ABC, Human League, New Order und so weiter und so ist das Stück auch in den Grundfesten angelegt. 
Desweiteren freuen wir uns, daß wir inzwischen bei einem Majorlabel sind und haben damit die Möglichkeit, von unseren Helden Remixe erstellen zu lassen.

? Zum Abschluß nochmal zu Euren Plänen für die Zukunft. Was habt Ihr mit der neuen CD vor?
! Im Januar 98 touren wir mit den Sisters Of Mercy, im Februar 98 erscheint die neue Platte und ab März machen wir eine Tour zur Platte über drei Staffeln verteilt über das ganze Jahr. Jeweils so zwei bis drei Wochen, weil wir haben letztes eine Tour über sechs Wochen an einem Stück gemacht, zwei Bands in einem Nightliner und irgendwann nutzt es sich einfach ab und das ist unfair gegenüber den Leuten, die zu den Konzerten kommen. Es gibt auch eine interessante Neuerung, denn wir haben bis zur letzten Tour die Electronicparts weitestgehendst vom DAT kommen lassen und jetzt die gesamten Geräte einfach mal mit auf der Bühne. Wir werden also diesen ganzen Electronicpart erweitern können, weil wir einfach viel mobiler sind. Es gibt zur neuen Platte sehr viele Acid-Parts zum Beispiel, die man ja live, wenn man die Geräte auf der Bühne hat mit Modulation ins Unermeßliche treiben kann. Und wir werden auch extra Liveparts schreiben, was wir noch nie gemacht haben, denn bisher haben wir versucht, dieselbe Fassung auch live umzusetzen. Jetzt zum neuen Abschnitt wird es Extra-Live-Varianten geben. 

? Sonst noch was abzusondern? Berühmte letzte Worte?
! Unser Wunsch an die Leute ist, offener mit Musik umzugehen, daß sie aus ihren Waffeleisen und vergatterten kleinen Ebenen rauskommen und zu hören, was drumrum passiert. Wir sind der Meinung, daß man umfassend nur so Musik konsumieren kann. Das ist zeitgemäßes Musikkonsumieren. 

? Ja, dann vielen Dank.
! Ich danke auch...

(H.H.)


THINK ABOUT MUTATION - Motorrazor 96 (MCD)

(Modern Music Records)

Nach ihrer 2. LP "Housebastards" bringen THINK ABOUT MUTATION vorab zur dritten LP namens "Hellraver" diese MCD raus. Ich denke mal, daß THINK ABOUT MUTATION für Euch kein unbekannter Name mehr ist, doch für alle, für die das doch so ist, die Band bringt uns harten Techno-EBM-Sound mit einigen Gitarrenriffs dazwischen, wobei sich THINK ABOUT MUTATION aber eindrucksvoll von Bands ähnlicher Stilrichtung hervorheben durch ihre Härte und ihre Nähe zum Techno. Auf dieser Maxi hier wird uns der Song "Motorrazor" in verschiedenen Versionen geboten, die "radiotaugliche" Version, einen SYNDICATE-Remix, der schon etwas härter ist, einem Remix von DJ BENTI, der noch um einige Grade härter ist und ein "Digital Hardcore Remix" von ALEX EMPIRE, der noch viel härter ist, erinnert stark an einige ältere Thunderdome-Tracks, nur um Grade vielseitiger. Zum Abschluß gibt es noch zwei andere Tracks, wobei beide wieder tanzbar sind und eine gute Gitarre hervorsticht. Diese Maxi macht auf alle Fälle schon neugierig auf das neue Album! (H.H.)