BACK AGAIN: ELECTRO

THE TEAR GARDEN – Tired Eyes Slowly Burning (LP 1987)

(Nettwerk)

Irgendwann 1987 oder 1988 hörte ich in Ecki Stieg´s Radiosendung „Grenzwellen“ das Stück „Deja Vu“ von einer Band namens THE TEAR GARDEN und erfuhr gleichzeitig, dass es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von Legendary Pink Dots-Sänger Edward Ka-Spel und Skinny Puppy´s Cevin Key handelte. Da ich beide Bands schon damals sehr schätzte, machte ich mich sofort auf die Suche nach der LP und wurde wie so oft in dieser Zeit bei Michelle Records in Hamburg fündig. Schon nach einmaligem Anhören gehörte die LP zu meinen ewigen Top 3-Platten überhaupt und zählt für mich auch heute noch zu den absoluten Meisterwerken elektronischer Musik. Ka-Spel und Key haben eine Art von Musik erschaffen, die auf fast hypnotische Art und Weise in den Bann zieht, wobei eine kongeniale Mischung aus einschmeichelnden Melodien und schrägen, unvorhersehbaren Klängen entsteht, die so auf keiner anderen Platte zu finden ist. Selbst THE TEAR GARDEN selbst haben es weder mit der vorherigen „Centre Bullet“ EP, noch mit allen Nachfolgewerken geschafft, diesen Standard zu erreichen, obwohl jede Platte absolut empfehlenswert ist. Aufgrund der prägnanten Stimme von Edward Ka-Spel sind die einzelnen Songs den Legendary Pink Dots näher, als Skinny Puppy, doch darf man davon ausgehen, dass beide Musiker gleich stark an den Liedern beteiligt waren.

Eröffnet wird die A-Seite mit dem unsterblichen „Deja Vu“, das von einem schleppenden Rhythmus und leicht psychedelischen Effekten bestimmt wird. Schwermütige Menschen können in dem Lied einerseits Erfüllung finden, Suizid gefährdete Menschen hingegen sollten „Deja Vu“ in bestimmten Situationen wohl nicht unbedingt auflegen. Etwas eingängiger wird es dann bei „Room With A View“. Die Melodie hat schon fast Ohrwurmcharakter und tanzbar ist das Lied auch, bleibt aber natürlich meilenweit von Weichspüler-Radio-Pop entfernt. Ähnlich geht es mit „Coma“ weiter, wenn auch monotoner und fast beschwörend. Die erste Seite der LP endet dann mit „Valium“, wobei hier die Ähnlichkeit zu manchen Legendary Pink Dots Sachen schon sehr stark ist. Mir kommen da Alben wie „Any Day Now“ und „The Golden Age“ in den Sinn. Die ersten vier Songs lassen sich vielleicht am Besten unter dem Begriff “Isolation“ zusammen fassen. Damit endet auch schon eine der stärksten LP-Seiten überhaupt, bevor es weitaus konzeptioneller und weniger an unabhängigen Songs orientiert auf der B-Seite weiter geht.

Hier bestimmt das sechsteilige Stück „You And Me And Rainbows“ das Geschehen. Vor vielen Jahren hat Project Pitchfork´s Peter Spilles mal als DJ das gesamte knapp 20 minütige Stück gespielt und damit sichtlich manche Leute verstört. „Part 1“ ist klar als Intro angelegt und baut schon eine gewisse Stimmung auf, die andeutet, dass Großes folgen wird. „Part 2“ ist dann eines der wunderschönsten Lieder, die je geschrieben wurden, ein Liebeslied mit eigentlich schmalzigem Text, das aber nie wieder die Gehörgänge verlässt, wenn man es erst einmal gehört hat. Vergleichbar ist das höchstens noch mit Psychic TV´s „The Orchids“ vom „Dreams Less Sweet“ Album. „Part 3“ zerstört diese wunderschöne, entspannte, warme Stimmung dann sofort wieder mit voller Absicht. Abgehackte Rhythmen, „böser Gesang“ von Skinny Puppy´s Nivek Ogre und purer Nihilismus stehen im absoluten Kontrast, hier ist nichts mehr „schön“. Nach diesem akustischen „Schock“, der verdeutlicht, dass jede Medaille zwei Seiten hat, kann sich der Zuhörer wieder etwas entspannen, denn mit „Part 4“ wird es ätherisch und meditativ und man glaubt, die Musiker wollen einen einlullen. So wird man vorsichtig an „Part 5“ heran geführt, der eine Variation von „Part 2“ ist, nur irgendwie hoffnungsloser, verzweifelter klingt. Man spürt förmlich, dass sich hier eine Geschichte ihrem Ende nähert, das dann mit „Part 6“ vollzogen wird. Hier hört man eine Art Reprise und vielleicht so etwas wie Resignation. Es gibt eben auch Geschichten, die kein Happy End haben und auf dem Friedhof (wenn auch nur bildlich gesprochen) enden. Mit „You And Me And Rainbows“ haben THE TEAR GARDEN ein unvergleichliches Stück Musik geschaffen, das über einen simplen Song weit hinaus geht und eher wie ein musikalischer Film erscheint. Lied ist hier nicht mehr der passende Ausdruck, Komposition oder Werk trifft es besser und auch ein Begriff wie „episch“ ist nicht falsch. Die LP klingt dann mit „Oo-Ee-Oo“ aus, was minimalistisch herüber kommt und hier etwas wie ein Füllstück wirkt, weil die Platte sonst nicht voll geworden wäre. Entsprechend steht auf dem Innencover der Platte auch, dass es sich hier um ein Outtake aus den „Centre Bullet“-Sessions handelt und genau auf diese Platte hätte der Titel dann auch besser gepasst. Das kann aber den Gesamteindruck dieses Meisterwerkes in keiner Weise mindern. „Tired Eyes Slowly Burning“ ist sicher kein leicht verdauliches Album, aber für Electrofetischisten, Skinny Puppy und Legendary Pink Dots Fans ein wegweisendes Stück Musik. Leider ist die Platte weder als Vinylversion, noch als CD leicht zu erhalten, aber wenn sie auftaucht, ist sie (fast) jeden Preis wert. (A.P.)