BACK AGAIN: ELECTRO

SCANNING VOL. 2 - Compilation (CD 1994)

(Synthetic Symphony/SPV)

Da ist er nun also, der zweite „SCANNING“-Sampler, wieder lauter Coverversionen von mehr oder weniger bekannten Songs aus den 70er und 80er Jahren. Teil 1 scheint ja recht bekannt zu sein, obwohl fast ausschliesslich unbekannte Bands vertreten waren. Auf diesem zweiten Teil wird nun aber gleich mit großen Namen geklotzt, wie z.B. INVISIBLE LIMITS, DATA BANK A, BIGOD 20, ELEKTRIK MUSIC und ATTRITION. BIGOD 20 steigen mit einer Coverversion des Depeche Mode-Titels „Photographic“ ein, eingebettet in ihren typischen Stampfsound. Na ja, ihre Version von Madonna´s „Like A Prayer“ ist besser.

ELEKTRIK MUSIC mit Ex-Kraftwerk und Rheingold-Musikern versuchen sich an dem szenefremden „Baby Come Back“ und das sogar sehr gelungen. Einflüsse von Kraftwerk sind nicht zu überhören, aber diese Version macht einfach Spaß, erinnert etwas an die Silicon Teens, die Anfang der 80er mal eine Platte voller Rock´n Roll-Covers aufgenommen haben, allerdings im damals typischen Elektronikstil, wie ihn auch die frühen Depeche Mode oder Fad Gadget gespielt haben.

STIGMATA ist ein, zumindest für mich, neuer Name. Diese versuchen sich hier an „Sweet Dreams“, im Original von den Eurythmics. Scheint gerade Mode zu sein, diese Band zu covern (Moon haben ebenfalls „Sweet Dreams“ nachgespielt, nur besser und Blessing In Disguise haben eine tolle Version von „Here Comes The Rain Again“). Die hier vertretene Version ist instrumental, was vielleicht ganz gut ist, denn an die Stimme von Annie Lennox kommt so schnell niemand ran. Trotzdem plätschert der Song etwas vor sich hin. DIESEL CHRIST covern „Mercy In You“ von Depeche Mode. Ich mag beide Versionen nicht, deshalb kein weiterer Kommentar. „Love Will Tear Us Apart“ von den INVISIBLE LIMITS kennt man schon, haben auch tausend andere Bands nachgespielt. Ian Curtis würde sich im Grabe umdrehen. Na ja, diese Version von den Limits ist nicht ganz so schlimm wie viele andere.

KYOTO BLUE gehören zu den besseren deutschen Wavebands, ihr Debut bei Danse Macabre war neben Moon und The Convent eine der besten Gitarrenwave-Veröffentlichungen aus deutschen Landen in den letzten Jahren. Was treibt die Band bloß dazu, sich mit David Bowie´s „Space Oddity“ messen zu wollen, da kann man doch nur verlieren. Warten wir lieber gespannt auf die angekündigte neue CD. Das Info weist übrigens „mit Stolz“ auf diese Version hin, da sind die Ansprüche aber ganz schön niedrig gesetzt.

SECOND DECAY erfreuen das Herz und das Gehör dann schon wieder mehr. Ihr „You´ll Always Find Me In The Kitchen At Parties“ kenne ich als Original auf Anhieb nicht, ist aber im bandtypischen Stil recht gelungen. ATTRITION mochte ich schon immer, hier versuchen sie sich an „His Latest Flame“ und das gar nicht mal so schlecht. Einer der Höhepunkte dieser CD, ganz eindeutig.

Wann werden Gruppen, die eigentlich bisher positive Eindrücke hinterlassen haben, endlich aufhören, sich den guten Ruf mit schlechten Coverversionen großer Klassiker zu zerstören? Hier erwischt es voll NOCOMMENT, die Talk Talk´s „Such A Shame“ mit furchtbaren Klicker-Klacker-Rhythmus und grausamen Gesang vergewaltigen. Die Gruppe hat doch genug eigenes musikalisches Potential. Indiskutabel!

Eine weitere bisher unbekannte Gruppe sind COUNTLESS DREAMS. Musikalisch sicher nicht weltbewegend neu spielen sie hier „Golden Land“ in einer netten Synthiepopversion nach. Darf man mögen, muß man aber nicht, trotzdem, wenigstens kein Totalausfall.

DATA BANK A covern hier Soft Cell´s „The Girl With The Patent Leather Face“. DATA BANK A können sich das erlauben, denn sie haben ja inzwischen selber einen nicht gerinen Kultstatus. Durchaus gelungen, was sie hier bieten, nicht einfach nur nachgespielt, sondern im eigenen Stil gelungen umgesetzt, so sollte eine Coverversion sein.

WELLE: ERDBALL dürften mit ihrer Debut-CD das nächste „große Ding“ in der Electro-Szene werden. Hier spielen sie Total Normal nach, wie immer als Umsetzung der Neuen Deutschen Welle mit heutigen technischen Mitteln. Vielleicht der beste Titel dieser CD und der Anspieltip.

NECROPHILISTIC ANODYNE bieten mit „Security“ (Mist, jetzt fällt mir nicht ein, von wem das Original ist) bandtapisches. Nicht übel, wird sicherlich in vielen Discos laufen (ist von Men Without Hats, jetzt fällt es mir wieder ein).

Dem Titel „Heroes“ von David Bowie haben sich THE CAIN PRINCIPLE angenommen. Hier gilt aber gleiches wie für Kyoto Blue. Bei diesem übermächtigen Song kann eine Band nur schlecht aussehen. Zudem ist die englische Aussprache des Sängers erbärmlich!

Etwas aus dem Rahmen dieses Samplers fallen dann nochmal die INVISIBLE LIMITS mit „Imagine“ von John Lennon. Sehr ruhig mit (synthetischen) Streichern unterlegt bezaubert die Stimme von Marion Küchenmeister hier sehr. Vielleicht die Überraschung des Samplers, denn sowas erwartet man nach den vorhergehenden Songs nicht. Kann man gut 8 von 10 Punkten geben.

Ruhig und romantisch klingt die CD dann mit der Gruppe IN SOMNIA  aus, die „Barriers“ gelungen umgesetzt haben, auch wenn die englische Aussprache mal wieder etwas zu wünschen übrig läßt. Klingt sehr nach Yazoo, aber wer liebt diese Band nicht?

Ein Sampler mit Höhen und Tiefen, wirklich überzeugen können fast nur die seit Jahren etablierten Gruppen wie ATTRITION oder DATA BANK A. Grundsätzlich streiten kann man über Sinn und Unsinn von Coverversionen. Wenn eine Gruppe es aber nicht schafft, ein Lied eigenständig umzusetzen, sondern es nur nachspielt, so hat das sicherlich überhaupt keinen Sinn und genau das passiert hier allzu oft. Trotzdem, „Scanning Vol. 2“ ist für Parties und für die einschlägigen Discos durchaus geeignet. Wer aber wirklich geniale Coverversionen hören will, sollte sich an „Tainted Love“ von Coil, „In The Ghetto“ von Nick Cave, „Fever“ von den Cramps oder „I Can´t Help Falling In Love“ von Klaus Nomi halten, das sind Stücke, die den Geist des Originals behalten, aber trotzdem eigenständig sind, nur mal so als Tip.

Gerade merke ich, daß auf der CD ein Stück mehr drauf ist, als angegeben (zumindest auf der Vorab-Promo-CD). THE PRODUCT covern hier noch den Simple Minds-Song „Don´t You (Forget About Me)“ und gehören zu den Höhepunkten des Samplers, auch wenn diese Version anscheinend nicht allzu ernst gemeinst ist. Äußerst spaßig und empfehlenswert. (A.P.)