BACK AGAIN: ELECTRO

KONTRAST – Programm (CD + CD-EP 2002)

(UpScene/Indigo)

Hurra, jetzt kenne ich endlich auch DEN Clubhit der „schwarzen Szene“, nämlich „Einheitsschritt“ von Isecs. Der Song geistert ja nun schon einige Jahre durch die Tanztempel der Republik, aber da ich mich dort kaum rum treibe und auch nicht die regelmäßig erscheinenden „Zillo-Sampler“ kaufe, erfuhr ich nur vom Lesen diverser Zeitschriften, dass sich Beharrlichkeit und Zillo-Kleinanzeigen in den Rosa Seiten lohnen und man sich dadurch einen Namen machen kann. Warum man dann aber trotzdem den gerade bekannt gewordenen Bandnamen wechselt, ist mir schleierhaft, wird aber sicher seinen Grund haben. Vielleicht wollte die Band einfach aufgrund der deutschsprachigen Texte einen entsprechenden Bandnamen haben. Unter diesem gibt es mit „Programm“ nun das erste Album, das in limitierter Auflage auch mit einer Bonus-CD erhältlich ist.

Ich muss zugeben, dass ich mit einigen Vorurteilen an die CD heran gegangen bin, denn solch gepushte Produktionen erwecken in mir immer gewisse Zweifel. Ich kann aber vorweg nehmen, dass ich recht positiv überrascht bin. Sicher haben KONTRAST den Electro-Pop, denn nichts anderes ist es, was sie machen, nicht neu erfunden und werden ihn auch nicht revolutionieren, aber trotzdem haben sie eine solide Platte abgeliefert, die einige clubtaugliche Tracks enthält und auch mit einem gewissen Sarkasmus und Augenzwinkern die Klischees der „schwarzen Szene“ aufgreift. Songs wie eben „Einheitsschritt“ oder der zweite recht bekannte Song “Tod...Find´ Ich Gut“ zeugen von einem angenehmen Humor. Letztendlich lassen sich KONTRAST auch gar nicht so eindeutig in die Dark Wave-Schublade stecken, obwohl ihre hauptsächliche Hörerschaft wohl dort zu suchen ist. Die Wurzeln der Gruppe sind sicher eher in den 80er Jahren zwischen Depeche Mode und Electronic Body Music zu suchen und lassen sich nur  mit viel Fantasie als „Klang der Zukunft“ beschreiben, wie es uns das Infoblatt weismachen will. Ich würde die Gruppe eher in den Schnittpunkt zwischen Wolfsheim, Welle: Erdball, Lacrimosa (ohne Gitarren) und Goethes Erben stellen, das Ganze garniert mit einer riesigen Portion Tanzbarkeit und Pop-Appeal. So entsteht ein Album, das ich am Stück durchhören kann, ohne mich zu ärgern und das heißt schon was bei heutigen „Szene“-Produktionen. Obwohl die Stücke  offensichtlich für die Clubs produziert sind, fehlt mir persönlich ein wenig der Druck, der einem die Ohren durchpustet und auch ein paar mehr Ecken und Kanten wären schön gewesen. So klingt alles ein wenig glatt gebügelt und tut niemandem weh. Vielleicht wollen die heutigen Gruftis das so haben, aber wir wollten in den „guten alten Zeiten“ mehr Power und nicht-angepasste Sachen hören. Ich weiß, ich bin ein arroganter alter Sack, der immer noch in der Vergangenheit lebt, aber keine Sorge, ich bin deswegen schon in psychiatrischer Behandlung. Musikalisch gibt es sicher Bands, die genauso gut oder sogar besser sind, als KONTRAST, ihr Trumpf sind aber definitiv die Texte. Einerseits sind es die erwähnten szene-persiflierenden Texte (auch „Todeskünstler“), andererseits schafft es die Gruppe aber auch, ein Liebeslied wie „Freiheit?“ nicht peinlich erscheinen zu lassen. Was mir aber besonders gefällt, sind die Texte, die klar politisch Stellung beziehen, wie „Amerika“ mit einem gerade (im Februar 2003, wo ich das schreibe und der dritte Golf.Krieg direkt bevor steht) aktuellen Text, den die Gruppe beim Schreiben sicher nicht so beabsichtigt hatte. Auch der Text zu „Deutsches Land“ bezieht deutlich Stellung gegen braune Hohlköpfe. Warum ausgerechnet zu diesen beiden Liedern die Songtitel nicht im Booklet abgedruckt sind, sondern nur die Texte, weiß wohl auch nur der „Säzzer“. Ein Fehler oder Sabotage? Verschwörungstheorien wird hier Tür und Tor geöffnet. Auf jeden Fall ist es schon mutig in einer Szene, die sich als „unpolitisch“ bezeichnet, derartige Texte zu verbreiten. Aber wir wissen ja alle: unpolitisch macht hintot!

Natürlich finden sich auf dem Album die beiden bekannten Tracks „Einheitsschritt“ und „Tod...Find´ Ich Gut“, was ich zumindest beim ersten Lied nicht sinnvoll finde, da die Band sich so in Gefahr begibt, immer nur mit einem einzigen Lied in Verbindung gebracht zu werden. „Einheitsschritt“ ist nun mal ein Isecs-Song und wenn KONTRAST ihn auf ihre CD noch mal mit drauf packen, sieht das irgendwie schon nach üblen kommerziellen Gedanken aus. Wie auch immer...

Die Bonus-CD enthält 4 Songs, zum einen zwei Remixe von „Freiheit?“, einmal als Future-Pop-Version (man erkläre mir bitte, was an „Future Pop“ anders ist, als an gutem alten Synthie- oder Electro-Pop...ein furchtbarer Hype und „Gruft-Unwort des Jahres 2002“) und einmal von „Massiv In Mensch“ remixt. Dann gibt es noch die (haltet Euch fest!) Isecs-Originalversion von „Einheitsschritt“, der man noch den echten Undergound-Ursprung anhört und das bereits erwähnte Lied „Deutsches Land“. Dass die Remixe problemlos von der Spielzeit her auch auf die normale CD gepasst hätten, will ich hier mal gar nicht erwähnen. Insgesamt kann man sich aber doch an einem recht erfreulichen Electro-Album erfreuen, das auch mal ein wenig nach Elesde oder Stendal Blast klingt. Nur eines muss ich noch grundsätzlich kritisieren: der Schnauzbart des einen Bandmitgliedes geht ja nun gar nicht (wie Annika S. es formulieren würde). Und: gibt es eigentlich eine Veröffentlichung ohne die Bonus-CD und wenn nein, was ist daran dann „Bonus“? Gelungen ist dafür das fette Booklet, so gehört sich das! (A.P.)

KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden