BACK AGAIN: ELECTRO

Elektrosmog im Selbstversuch – 1. Kernkrach Festival

9.10.2004 – Warendorf, Hot

Seit einigen Jahren tun sich Jörg und Heinz vom Label „Institut Für Freundliche Nutzung Von Kernkrach“ mit der Veröffentlichung von wunderbaren Minimal-Electro- und NDW-Singles hervor. Schon lange wollten sie auch mal ein kleines Festival veranstalten und wählten dafür einen Termin Anfang Oktober 2004 in Warendorf zwischen Münster und Bielefeld.

Das örtliche Jugendzentrum wurde als nahezu perfekte Location ausgewählt und die teilnehmenden Bands wurden eingeladen: WERMUT aus Hamburg, deren Single auf Kernkrach an diesem Abend erschien, SOLITUDE FX Würzburg, deren Single auf Hertz-Schrittmacher sich großer Beliebtheit erfreut, die Hagener FEMME FATALE/DER KÜNSTLICHE DILETTANT und die Hamburger Shootingstars SONNENBRANDT. Dazu wurde ein geheim gehaltener Special Guest angekündigt, wobei sich fast jeder schon denken konnte, dass es das Kernkrach-Hausprojekt Sütterlin sein würde. Ein tolles Line-Up also, das einen unterhaltsamen Abend versprach, vor allem, weil sich natürlich viele Szeneaktivisten angekündigt hatten und man ein schönes „Familientreffen“ erwarten durfte.

Gegen Mittag an diesem sonnigen Samstag fuhr ich zusammen mit den Sonnenbrandts von Hamburg aus los. Nach entspannter Fahrt mit cooler Musik trafen wir gegen 17.30 Uhr am Ort des Geschehens ein. Gerade machten SOLITUDE FX ihren Soundcheck und in den Räumen des HOT wuselten jede Menge Leute umher, Bandmitglieder und andere Freaks. Man traf Franck vom Was Soll Das? Schallplatten-Label, Martin, der die  www.minimal-elektronik.de –Website macht, Kai, der mit Ralf Strache die wunderbare NDW-Discographie veröffentlicht hat und diverse Leute, die man eigentlich nur als Kunden im Back Again-Webshop durch Email-Kontakt kannte.

Der Mischer für diesen Abend schien etwas übermotiviert beim Soundcheck zu sein und drehte die Anlage voll auf, so dass Dröhnen und Verzerrungen aus den Boxen klangen und man sich nicht mehr verständigen konnte. Im Backstageraum wurden dann die ersten Biere geleert und Leute kennen gelernt. Spontan überlegten SONNENBRANDT und FEMME FATALE/DER KÜNSTLICHE DILETTANT, am Ende des Abends noch eine spontane Session auf der Bühne zu machen, was dann aber doch nicht geschah.

Aufgrund der Soundprobleme zogen sich die Soundchecks von SOLITUDE FX und SÜTTERLIN lange hin, so dass bereits die ersten Zuschauer eintrafen, als SONNENBRANDT und WERMUT soundcheckten. Blöd so was. Weiterhin gab es Probleme bei der Abmischung, bis ich dem Mischer vorschlug, doch einfach das Ganze mal einen Tick leiser zu machen. Ab da klappte es besser. Inzwischen war auf dem Billardtisch des Jugendzentrums allerlei Merchandise ausgebreitet, von speziell für das Festival angefertigten Buttons und T-Shirts, über jede Menge Schallplatten und CDs bis hin zu Was Soll Das? Schallplatten-T-Shirts. Es wurde fleißig kommuniziert, bekannte Neuankömmlinge wurden freudig begrüßt, man lernte neue Leute kennen und die Stimmung war einfach schön. Ob Jörg Kernkrach das zu diesem Zeitpunkt auch fand, weiß ich nicht, denn er war hyperaktiv und an allen Fronten am wuseln, um Bands, Zuschauern und Freunden einen perfekten Abend zu garantieren.

Mit etwas Verspätung sollte das Spektakel schließlich beginnen. Jörg stieg auf die Bühne, nahm ein Mikro und...es kam erstmal kein Ton heraus. Schließlich spielte das technische Gerät doch mit und Jörg begrüßte die Anwesenden, leider weniger als erhofft und erwartet, in seiner gewohnt euphorischen Art, aber sicht- und hörbar nervös.

Dann begannen WERMUT ihr Programm und präsentierten dem Publikum, welches die Band noch nicht kannte, da die Single eben erst an diesem Abend erschien, ihre sehr eigene Mischung aus Minimal-Electro, NDW, Industrial und Dark Wave. Der Sound, inzwischen auch angenehm von der Lautstärke, kam beim Publikum sehr gut an und die Stimmung wurde immer ausgelassener. Nach einer kurzen Umbaupause kündigte Jörg SOLITUDE FX an, die inzwischen zu dritt auf der Bühne stehen und auch ihre Mischung aus Electro-Wave und Minimal-Sounds stieß auf viel gefallen bei den Zuschauern.

Mein Bierpegel hatte inzwischen ein gepflegtes Niveau erreicht und ich fotografierte wild durch die Gegend, wie übrigens auch viele andere Leute, so dass es von diesem Abend Hunderte Bilder geben dürfte.

Schließlich stand wieder Jörg auf der Bühne, diesmal mit einem ausgehöhlten Fernseher auf dem Kopf und kündigte den erwarteten „Special Guest“ SÜTTERLIN an. Nach der guten Single und der tollen LP freuten sich die Leute, den einzigen „alten“ Musiker, der die Zeit, aus der die beste Musik stammt, selbst aktiv mitgestaltet hat. Nach über 20 Jahren stand Heinz, unterstützt von seiner Frau an der Technik, in einem grauen Overall auf der Bühne und begann mit dem Hit „Weihnachten Fällt Aus“, gefolgt von dem brandneuen Stück „Kernkrach“, in dem die damalige Neue Deutsche Welle satirisch aufs Korn genommen wurde. Schlicht und einfach ein Meisterwerk und ein garantierter zukünftiger Minimal-Electro-Klassiker. Jörg, der das Lied vorher nicht kannte, hatte Tränen in den Augen und alle Anwesenden waren sich einig, dass das Lied unbedingt auf eine Single gehört. Nach einem viel zu kurzen Auftritt und dem nochmaligen Spielen von „Kernkrach“ bereiteten sich, inzwischen zu weit vorgerückter Stunde, FEMME FATALE/DER KÜNSTLICHE DILETTANT auf ihren Auftritt vor. Deutlich härter, dafür aber auch mit einer ungeheuren Energie fegte der Sänger zu harten Beats auf der Bühne umher und schrie seine Texte zu kraftvollen Electroklängen, die beinahe schon in Richtung Electro-Punk gingen. Abgesehen davon, dass der Auftritt ein wenig zu lang war, da die Stücke live nicht so sehr abwechslungsreich erscheinen, hat er aber doch Spaß gemacht.

Dann kamen SONNENBRANDT. Inzwischen war es nach 1.00 Uhr und die Zuschauerschaft war ein wenig geschrumpft, doch Jörg stellte sich noch einmal auf die Bühne, diesmal mit Sonnenbrille und blauer Badekappe und schmiss jede Menge blaue Badekappen ins Publikum. Als Herr Brandt, Frau Sonne und Kpt. Korg auf die Bühne kamen, hatten tatsächlich 15 – 20 Zuschauer, darunter auch Waver, die vorher noch hoch toupierte Haare hatten, die Badekappen aufgesetzt, was ein wirklich groteskes Bild bot. Die Stimmung kochte bei den poppigen Minimal-Hits von SONNENBRANDT noch einmal hoch und als einzige Band des Abends fingen die Leute an, zu tanzen, wohlgemerkt zeigte die Uhr inzwischen fast 2 an! Ohne Zugabe wurde auch SONNENBRANDT nicht von der Bühne gelassen und gegen 2.00 Uhr verklangen die letzten Sounds. Das Publikum deckte sich noch mit Platten und CDs ein und verließ nach und nach das Jugendzentrum. Das große Abbauen und Aufräumen begann und danach die Verabschiedung von alten und neuen Bekannten. Gegen 3.45 Uhr machten wir uns auf den Rückweg nach Hamburg, wo wir am Sonntagmorgen kurz nach 7.00 Uhr ankamen und ich todmüde ins Bett fiel.

Was bleibt ist ein mehr als gelungenes Minimal-Electro-Ereignis, das in diesem Jahr wohl ohne Konkurrenz war. Auch, wenn weniger Zuschauer kamen, als erwartet, so waren es doch die richtigen Leute, die sich an fünf tollen Bands (in Vieren war übrigens auch jeweils eine Dame dabei...das soll mal eine andere Musikrichtung nachmachen!) erfreut haben und alle mit viel Applaus bedachten, wobei SÜTTERLIN und SONNENBRANDT definitiv am besten ankamen.

Vielen Dank für diesen ausgesprochen gelungenen Abend, mit dem sich wohl vor allem Jörg einen Traum erfüllt hat, an das Kernkrach-Team. Man kann nur hoffen, dass die Jungs den Stress auch im nächsten Jahr noch einmal auf sich nehmen und uns allen ein weiteres geniales Kernkrach-Festival bescheren.

Erwähnenswert ist übrigens noch, dass der Mischer den Ruf hatte, immer besser zu werden, je mehr Bier er trinkt (wobei da ausschließlich Veltins-Pils in Frage kommt). Überraschenderweise entsprach das der Wahrheit und so stellten sich alle Befürchtungen nach dem miesen Soundcheck als überflüssig heraus. (A.P.)

KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden