KARIES - Alice


Erstveröffentlichung: CD 2018 / This Charming Man Records / Cargo Records

Ich muss zugeben, dass ich einer Band mit dem Namen KARIES eher skeptisch gegenüber stand. Klar ist mir der Name in den letzten Jahren schon hin und wieder unter die Augen gekommen, aber innerlich sträubte sich etwas in mir - mit nicht zu verachtender Zahnarzt-Angst -, mich mit der süddeutschen Gruppe näher zu beschäftigen. Als ich von verschiedenen Leuten aber hörte, dass das neue Album „Alice“ ein Knaller ist und auch verschiedene Rezensionen ausgesprochen Mut machten, doch mal ein Ohr zu riskieren, nahm ich das Angebot der Promo-Agentur an und forderte ein Rezensionsexemplar der CD an. Und trotzdem lag das Album dann noch mal eine Weile im wachsenden „Besprechen“-Stapel, vielleicht auch, weil das Cover etwas unspektakulär erscheint. Als ich schließlich die CD doch in den Player gelegt habe, lief sie gleich mehrfach hintereinander durch - bei rund 37 Minuten Spielzeit leicht machbar - und hat mir nen Haufen Ohrwürmer beschert.

Im allgemeinen wird die Musik der Gruppe als Postpunk beschrieben, was sicher nicht ganz abwegig ist, gibt es doch eine Menge 80er Jahre Anklänge, aber bestimmt auch dem derzeitigen Hype geschuldet ist, in dem jede Darkwave-Combo und jede Punkband, die nicht nur Pogo-Sound fabriziert, als Postpunk betitelt wird. Da werden dann so unterschiedliche Bands wie Lebanon Hanover und Love A unpassenderweise in einen Topf geschmissen. Bei KARIES hatte ich erwartet, dass die Gruppe eher schräg und näher am Punk als am Darkwave wäre, doch beides passt nicht als Beschreibung. Vielmehr gibt es überraschend elektronischen, absolut zeitgemäßen Wave-Sound, der irgendwo zwischen Bands wie The Cure und Fehlfarben auf der einen und Die Türen und Mediengruppe Telekommander auf der anderen Seite einsortiert werden kann. Top modern produziert mit sehr klarem Sound, aber doch atmosphärisch und eingängig, dazu oft tanzbar. Ein bisschen NDW, eine Spur Hamburger Schule der weniger verkopften Art. Obwohl die Texte teilweise schon an Kolossale Jugend erinnern. „Holly“ ist ein schön atmosphärischer Opener mit durchwummernder Rhythmussektion, „Pebbo“ ist fast eine Modernisierung von The Cures „Jumping Someone Else´s Train“, „Nebenstrassen“ dürfte live zu den Hits gehören mit treibendem Beat und schneidenden Gitarren (die Bandmitglieder kennen sicher auch Sonic Youth und Konsorten). Auch experimentell wird es mal, wie in „1987“, und „Havarie“ ist vielleicht der Songs, der als erstes hängen bleibt, neben dem Hit „Bruch“. „Projekt Aufgabe“ hat eine fast schon hypnotische Grundstimmung, die auch live beindrucken dürfte und zum Ende hin wird es mit „Reden Über Was“ und „Altar“ noch etwas ruhiger, die Gitarren erinnern sogar etwas an The Durutti Column, womit wir dann doch wieder beim „echten“ Postpunk-Sound wären. Hier und da geht das auch in Richtung der hierzulande weitgehend unterschätzten Unhappybirthday.

Ansonsten gehören KARIES schon in die gleiche Richtung wie Gruppen mit schönen Namen wie Pisse, Die Nerven oder Messer und Isolation Berlin. All diese Bands klingen unterschiedlich, aber haben einen ähnlichen Ansatz, alle möglichen Einflüsse neu zusammenzusetzen und strahlen eine gewisse Distanziertheit aus. Sie wollen nicht um jeden Preis gefallen, aber scheuen sich auch nicht, eingängige Musik zu machen. Also doch irgendwie Postpunk...na gut, ich gebe mich geschlagen. Für mich persönlich vielleicht nicht die „Platte des Jahres“, wie für einige andere Leute, aber doch richtig überdurchschnittlich und mit jedem Anhören wachsend. Live sicher noch mal ne Schippe intensiver...ich werde es irgendwann garantiert erleben. (A.P.)



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