HOLYGRAM - Modern Cults

Wiederveröffentlichung: DCD 2018 / Oblivion / SPV / 287402
Erstveröffentlichung: DLP 2018 / Oblivion / SPV / 287401

Ich schreibe es inzwischen fast in jeder zweiten Rezension: Postpunk ist wieder in. Und ebenfalls, dass der heutige Postpunk mit der so betitelten Musik in ihrer ursprünglichen Form meist nicht viel zu tun hat. Aber das sind Wortklaubereien, die mit HOLYGRAM eigentlich gar nichts zu tun haben, obwohl ihre Musik diese Benennung durchaus verdient...aber HOLYGRAM ist eben viel mehr als „die nächste Postpunk-Revival“-Band. Mit ihrer 2016 auf dem spanischen Label Oráculo Records erschienenen Debüt-Mini-LP, später beim deutschen Reptile Music-Label auch auf CD veröffentlicht, konnten die Deutschen HOLYGRAM in der Szene viel Eindruck machen. Mit Konzerten als Support von OMD 2017 und zuletzt mit einer Support-Tour für VNV Nation hat die Band ihre Hörerschaft deutlich erweitert, so dass das Debütalbum „Modern Cults“ mit ziemlicher Sicherheit ein solider Erfolg wird. Mit den Labels SPV in Europa und Cleopatra in Nordamerika hat man sich starke und erfahrene Labels ausgesucht, mit hoffentlich zahlreichen Konzerten wird dann vermutlich richtig durchgestartet.

Es wäre HOLYGRAM zu gönnen, denn „Modern Cults“ ist richtig gut und dürfte auch Publikum über die engen Szenekreise ansprechen. Die Produktion ist hervorragend, fett vom Sound her, aber nicht zu glatt und mainstreamig. Stücke wie der Opener „Into The Void“ und „Dead Channel Skies“ sind sogar richtig schön rau geworden und mit Sicherheit live auch ein Erlebnis, während beispielsweise „Signals“ mit viel Hall sehr atmosphärisch ist. Die Grundstimmung ist dunkler, als ich es erwartet hatte, aber nie düster im Sinne von depressiv.

„Hideaway“ stellt sich mit verhallten Gitarren als kleiner fast schon shoegaziger Hit heraus und wäre sicher eine potenzielle Singleauskopplung. „Still There“ hingegen erinnert ein bisschen an leicht überproduzierte New Order und ist schön treibend, bleibt direkt im Ohr. Das Stück, wie auch einige weitere, waren in früheren Versionen auch schon auf der Mini-LP zu finden, fügen sich hier aber perfekt in das Gesamtbild des Albums ein. Fast schon etwas weihnachtlich - passend, da das Album Anfang November erscheint - klingt die überwiegend elektronische Ballade „1997“. Das sticht musikalisch etwas heraus, rundet aber das Album sehr gut ab.

Musikalisch darf man natürlich den Postpunk-Begriff benutzen, aber wie der Waschzettel richtig wieder gibt, und vor allem auch live, zeigen sich so einige Rockeinflüsse zwischen Kraut und Bombast. Und eben wie erwähnt etwas Shoegaze. Ich schreibe selten aus Presse-Infos ab, aber die Beschreibung „New Order meets Neu!“ trifft es schon ganz gut. Eine Spur Sad Lovers And Giants, hier und da etwas The Cure und entfernt auch Joy Division klingen aber auch an und man darf wohl sicher sein, dass die Bandmitglieder nicht nur einzelne Platten dieser Bands im Regal stehen haben und auch gerne auflegen.

Das ist alles natürlich nichts innovativ Neues, aber das will HOLYGRAM vermutlich auch gar nicht sein. Wenn man kurz nachdenkt, könnte man bei jedem Song sagen „hört sich an wie...“. Dafür klingt es aber absolut zeitgemäß und überhaupt nicht altbacken, wozu die großartige Produktion einiges beiträgt. Ich bin ziemlich sicher, dass „Modern Cults“ nicht nur bei mir in den Jahres-Top-10 auftauchen wird.

Die (Erstauflage?) des Albums auf CD enthält in einem mehrfach aufklappbaren DigiPak - nebenbei bemerkt in edel-schlicht-atmosphärischem Design - eine Bonus-CD mit Remixen. Nun stehe ich Remixen häufig eher skeptisch gegenüber, aber da man hier als Remixer musikalisch verwandte Bands wie Ash Code, Traitrs, die wundervollen Box And The Twins, Seasurfer oder auch The Foreign Resort (und einige mehr) ausgewählt hat, fallen die bearbeiteten Versionen nicht allzu sehr aus dem Rahmen. Es gibt nichts schlimmeres, als wenn eine Band total gegen den eigenen Stil remixt wird. Klar ist jedoch auch, dass die Remixe, wie es nunmal meist üblich ist, elektronischer und tanzbarer ausfallen, als die Original-Versionen. Vielmehr kann man die Bonus-CD als eine Art alternatives Album anhören, das den einzelnen Stücken ein paar andere Seiten abgewinnt und bei manchen Tracks andere musikalische Schwerpunkte setzt. Auch ohne die Remix-CD wäre „Modern Cults“ ein ganz großartiges Album, so wird der Gesamteindruck aber noch mal verstärkt. Im derzeitigen Postpunk-Trend - da ist das Wort wieder - ist HOLYGRAM sicher eine der Bands, die in Erinnerung bleiben, auch, wenn der Stil irgendwann mal nicht mehr so angesagt sein sollte. (A.P.)



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