ROSI - Hope


Erstveröffentlichung: LP 2018 / In A Bad Mood

VORAB-BESPRECHUNG - Erscheinungstermin 27.07.2018

Post Punk ist wieder in, viele neue, junge Bands, die die frühen 80er Jahre noch gar nicht erlebt haben, machen wieder Musik, wie sie so um 1979-1983 erschienen sein könnte. Und das deutsche Duo ROSI (Sven Rosenkötter und Mirco Rappsilber) legt mit „Hope“ das zweite Album nach dem 2016er Debüt „Grey City Life“ vor. Damit könnte man es bewenden lassen...wenn nicht an ROSI einiges besonders wäre. Zum einen wäre mal zu erwähnen, dass die beiden nicht mehr ganz jungen Herren im Grunde alles selbst machen, mal abgesehen vom Mastering der fertigen Aufnahmen. Das ist bemerkenswert, weil es inzwischen ja doch so einige Labels gibt, die derartige Musik erfolgreich veröffentlichen. Aber die Suche nach einem Label wurde wohl gar nicht besonders intensiv vorangetrieben, ich schätze mal auch, weil man sich nicht reinreden lassen wollte. So erscheinen die Veröffentlichungen bisher ausschließlich auf Vinyl auf dem eigenen Mini-Label In A Bad Mood (bis auf die „Kaltes Land 7“). Man kann also mit vollemRecht behaupten, dass es sich auch bei „Hope“ wieder um ein echtes Independent-Produkt handelt, bei dem ROSI keine Kompromisse eingegangen sind.

Musikalisch erwartet einen genau das, was man sich unter dem Begriff Post Punk vorstellt, größere Überraschungen sollte man nicht erwarten, aber wer ROSI vom ersten Album kennt, tut das sicher auch nicht. Die Musik ist tief in den 80er Jahren verwurzelt, meist in mittlerem Tempo mit melancholischer Grundstimmung und auf Drumcomputer, Gitarre und Bass aufgebaut, verfeinert mit einigen Synthie-Klängen und dem immer etwas distanziert wirkendem Gesang von Sven Rosenkötter. Die Gitarren klingen meist klar und schneidend ohne allzu viele Effekte (sag ich als Laie jetzt mal so), wie man es eben von früher kennt. Wem bei dieser Beschreibung sofort die Alben „Closer“ von Joy Division und „Seventeen Seconds“ und „Faith“ von The Cure in den Sinn kommen, liegt schon mal ganz richtig und ich bin ziemlich sicher, dass diese Klassiker den beiden Musikern auch sehr am Herzen liegen.

Dazu kommen aber noch zahlreiche weitere Einflüsse, so gibt es durchaus psychedelische Momente, aber auch recht eingängige Melodien, sowie große Anklänge an den französischen Cold Wave der 80er Jahre. Gruppen wie Guerre Froide oder Charles De Goal mag man da nennen.

Ein netter „Running Gag“ ist, dass die Band sich zum Konzept gemacht hat, dass englischsprachige Lieder immer einen deutschen Titel haben und umgekehrt. So finden sich auf „Hope“ also nur englischsprachige Songs.

Das Album beginnt mit dem schleppenden „Kaputt“,das überraschenderweise ein bisschen nach amerikanischem Gothic-/Death-Rock klingt, was hier vor allem an den Gitarren und dem Gesang liegt. Ein wirklich starker und etwas überraschender Einstieg. Mit „Trennen“ wird man aber direkt danach in gewohnte ROSI-Gefilde zurückgeführt. Hier hört man die Joy Division-Anklänge deutlich, was reduziertes Schlagzeug - für mich hätte es gerne noch etwas „schepperiger“ sein dürfen -, Basslinie und Gesangsmelodiesehr gut rüberbringen. Hätte Ian Curtis diesen Song gesungen - seine Stimme kann und soll gar nicht kopiert werden -, würde der Song auf dem posthumen „Still“-Album nicht negativ auffallen.

Bei „360m“ geht es dann direkt zur anderen großen Band der frühen 80er. Man denkt fast, dass man hier ein unveröffentliches Stück von The Cures „Faith“ hört. Bei „Kopf“ wird der Rhythmus tanzbarer und Synthieflächen schaffen eine vollere, aber immer noch sehr unterkühlte Atmosphäre, dazu ein Bass, der postpunkinger kaum sein könnte. Cold Wave vom feinsten und sicher ein Anwärter für so manche Club-Tanzfläche. Ich kann mir vorstellen, dass gerade dieser Song live mit mehr Druck präsentiert wird und zu einem Publikumsfavoriten werden könnte. Bei „Kirmes“ wird dann noch mal das Tempo etwas angezogen und die ganze Stimmung ist etwas rockiger, soweit man das bei einer Band wie ROSI überhaupt sagen kann. Das meinte ich oben mit dem Charles De Goal-Vergleich.

„Höhle“ verdient seinen Titel als merkwürdige Kombination aus Bauhaus und 90er Jahre Dark Wave, womit der Song etwas heraussticht und zu den düstersten Momenten des Album gehört. Hier ist wohl die Nähe zu aktuellen Gruppen wie Lebanon Hanover und Konsorten am größten. „Gehen“ ist dann wieder deutlich rauer - trotzdem würde ich mir für eine Single oder einen Samplerbeitrag eine noch rohere Abmischung wünschen - und erinnert ein bisschen an Stockholm Monsters, Section 25 und andere frühe Factory-Bands. Ganz klar einer meiner Favoriten auf „Hope“.

Der einzige Song, der (bei mir) nicht sofort hängengeblieben ist, ist „Zahltag“. „Rationale“ im Anschluss dürfte hingegen vor allem live einer der Hits sein, wird doch das Tempo deutlich angezogen und durch die Gitarre klingt das schon fast nach Gothic-Rock. Kurz vor dem Ende des Albums geht es mit „Gezähmt“ stilistisch noch einmal zurück an den Einstieg des Albums, bevor es mit dem längsten Song „Zustand“ dann noch einmal ziemlich curig ausklingt. Das Album „Disintegration“ dürfte auch tief im Herzen von Sven und Mirco verwurzelt sein, wenn man das so hört.

Auch, wenn hier bei jedem Song irgendeine andere Band als Vergleich genannt wird, so sind ROSI alles andere als bloße Kopisten. Ich denke, sie haben sich ganz bewusst an den Klassikern des Genres orientiert und klingen dabei sehr authentisch, anders als viele andere derzeitige Szenebands, die neben dem klassischen Post Punk auch viele Dark Wave-Einflüsse aus den 90ern verarbeiten. ROSI erfinden für ihre Musik auch nicht irgendwelche absurden neuen Genrebezeichnungen, sondern wissen sehr genau, was sie hier machen. In der Selbstbeschreibung werden beispielweise auch die großen Wipers als Einfluss genannt, was man zwar nicht unbedingt vordergründig in der Musik hört, aber doch in der Herangehensweise erkennen kann. Die oben schon genannten psychedelischen Einflüsse lassen sich durch die von der Band als Inspiration genannten 39 Clocks belegen. Überhaupt die Tatsache, dass hier prägende Bands genannt werden und nicht herumlaviert wird, ist sehr sympathisch.

Interessant ist auch, dass die Songs nicht gemeinsam im Proberaum entstehen, sondern Sven und Mirco überwiegend getrennt von einander Ideen entwickeln, wobei es bist auf den Gesang von Sven keine festgelegte Rollenverteilung gibt. Jeder werkelt an Drum-Programming, Basslinien, Synths und Gitarren und irgendwann wird das alles zusammengeführt und überraschenderweise klingt das am Ende wie aus einem Guss und nicht nach Stückwerk. Ein Zeichen, dass sich hier zwei Musiker gefunden haben, die zusammenpassen.

Live liefert das Duo wohl - ich konnte es leider noch nicht persönlich erleben - eine gar nicht so düstere Vorstellung ab, wie die Platten vielleicht vermuten lassen würden. Nicht umsonst beschrieb sie jemand als „Tanzkapelle der schlechten Laune“, was ROSI übernommen haben und von einem sympathischen Augenzwinkern zeugt.

Sehr gut gefällt mir auch die Tatsache, dass fast alle Songs deutlich unter der Vierminutenmarke bleiben und nicht unnötig in die Länge gezogen werden. So kommt niemals Langeweile auf. Merkwürdigerweise kommt mir beim Hören des Albums in den Sinn, dass hier einige Stücke von Leuten remixt werden könnten, die eher elektronisch orientiert sind und dann so etwas im Stile der grandiosen Frozen Ducks, Tranquil Eyes oder Beatnik Love Affair herauskommen könnte - und das, obwohl ich sonst kein großer Fan von Remixen bin. Hier würde ich es aber durchaus spannend finden und vielleicht wäre das eine Idee für eine Download-EP oder so.

Bis dahin sollte man sich als Post Punk/Cold Wave-Liebhaber an „Hope“ erfreuen - auch so ein Titel, der ähnlich wie die bunten Elemente auf dem grauen Cover von Selbstironie zeugt. Es wird vermutlich nicht das erfolgreichste Post Punk-Album des Jahres sein, aber eines der besten und authentischsten auf jeden Fall. (A.P.)

Webadresse der Band: www.facebook.com/rosi.info/


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