BABACOOLS - Mundostereo


Erstveröffentlichung: CD 2005 / SPV Recordings

Die BABACOOLS kommen trotz recht karibischen Sounds aus München und präsentieren hier ihren dritten Longplayer. Ihr Stil nennt sich „Raggafunkin“ und ist eine Mischung aus Reggae, Funk, Soul und Latin mit einer gehörigen Prise gute Laune. 10 Menschen machen hier ihren ganz eigenen Sound, der ein frohes Lebensgefühl schafft. Ich persönlich kann mit solcher Musik nicht viel anfangen, aber es ist klar und auch für den Laien ersichtlich, dass die Bayern ihre Sache verstehen und einiges drauf haben. Manch einer nennt das Weltmusik. Könnte stimmen. (H.H.)

WHITE ROSE TRANSMISSION - Spiders In The Mind Web


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Schozone / Intergroove / EZ10C426

Unser holländischer Freund Carlo van Putten ist nunmehr schon seit etwa 25 Jahren musikalisch aktiv und hat mit The Convent, Dead Guitars und WHITE ROSE TRANSMISSION jede Menge schöne Musik veröffentlicht. Spannend dabei ist, dass er immer wieder mit Größen des 80er Jahre-Wave zusammengearbeitet hat, von Chameleons-Sänger Mark Burgess über Sound-Frontmann Adrian Borland und Church-Sänger Marty Willson-Piper, Leuten von Twelve Drummers Drumming und einigen mehr. Für das neue WHITE ROSE TRANSMISSION-Album hat er sich neben seinem alten Mitstreiter Rob Keijzer auch Frank Weyzig dazu geholt, der vor allem durch seine früheren Bands Clan Of Xymox und Born For Bliss bekannt ist.
Allen Bands, an denen Carlo beteiligt ist, ist gemein, dass sie sich auf die eine oder andere Weise dem Gitarren-Wave verschrieben haben, The Convent im klassischen Chameleons-Stil, Dead Guitars mit einigen Alternative-Rock-Einflüssen und WHITE ROSE TRANSMISSION eher auf akustische Art und Weise. Dass Carlos Stimme dabei die gewohnte Melancholie verbreitet steigert vor allem den Wiedererkennungswert. Fast im Stile eines Liedermachers gibt es hier ruhige Gitarrenklänge mit schönen Melodien zu hören, alles recht entspannt und leicht, aber nicht dudelig. Ganz ab und zu gibt es auch mal ein paar Prog-Rock-Anklänge.
Die Texte sind persönlich, fast schon introvertiert und steigern die Melancholie der Musik noch um einiges. Herbstmusik, manchmal traurig, aber nicht zu depressiv. In einigen Liedern kommt dann auch tatsächlich ein leichtes Clan Of Xymox-Gefühl auf, so in meinem persönlichen Albumfavoriten „Glittering Green“.
Wer WHITE ROSE TRANSMISSION bisher mochte, wird auch hier wieder Freude haben, auch, wenn es vielleicht noch etwas ruhiger zugeht, als zuvor. Ein schönes Album zu zuhören, nicht zum abfeiern. (A.P.)

TELEVISION SET - Consumer Price Index


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2010 / Genetic Music / gen032

TELEVISION SET ist vielleicht das authentischste 80er-Retro-Projekt unserer Tage. Erfreulicherweise hält sich das Ein-Mann-Projekt einigermaßen rar und liefert nur alle paar Jahre mal neue Musik ab, die dann aber immer zu begeistern weiß. Waren die bisherigen Veröffentlichungen, allesamt natürlich auf Vinyl, meist recht synthie-poppig, so variiert Roger Semsroth (Bakterielle Infaktion, Skanfrom) diesmal etwas, liefert aber natürlich 80er-Jahre-Sound pur ab. „Consumer Price Index“ ist recht tanzbar und erinnert an frühe The Klinik oder andere alte belgische Helden, ohne stumpfem EBM-Beat nachzugeben.
Der Knaller ist aber auf Seite B „Newport Pan Lane“, einem instrumentalen New Oder-Kracher, den die Engländer wohl auch gerne geschrieben hätten. Jeden Moment erwartet man, dass der typische Gesang von Bernard Sumner einsetzen wird.
Eine wunderbare klassische 2-Track-Single in schlichtest-möglicher Aufmachung (man denkt sofort an Factory Records). Sehr schön. (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

OMD - Sister Mary Says


Erstveröffentlichung: Maxi-CD 2010 / Bluenoise / BNL003P

Das Comeback-Album „History Of Modern“ von OMD (wie sich Orchestral Manouevres In The Dark offenbar jetzt auch offiziell nennen) war ein respektabler Erfolg, der deutlich gezeigt hat, dass man mit einfach guten Songs auch heute noch erfolgreich sein kann. Klar, dass da eine zweite Singleauskopplung (auch auf Vinyl!) nachgeschoben wird. Wenig überraschend dabei ist, dass man „Sister Mary Says“ ausgewählt hat, auch, wenn ich das nicht gerade für den besten Song des Albums halte. „Sister Mary Says“ war schon vor Monaten der erste neue Song, der auf der Band Website der Öffentlichkeit präsentiert wurde und hat definitiv hohen Pop-Appeal und Ohrwurmcharakter. Er klingt wie ein typischer OMD-Song aus den 90er Jahren, als es sich weitgehend um ein Soloprojekt von Andy McCluskey handelte, wobei man sich auch ein bisschen an die Eintagsfliege Army Of Lovers aus Schweden erinnert fühlt. Viel eingängiger und glatter kann man einen Popsong wohl kaum produzieren, was für den kommerziellen Markt natürlich ein Top-Argument ist, aber gleichzeitig natürlich auch der größte Kritikpunkt. Wer hier nach den experimentelleren Momenten sucht, für die OMD neben ihren Pop-Hymnen auch immer standen, wird nicht fündig.
Neben der Album-Version gibt es noch den kürzeren, dafür aber etwas besseren Radio Edit zu hören. Schade, gerade bei diesem Song wäre es sehr interessant gewesen, den einen oder anderen Remix zu hören, aber das gibt die Single-CD leider nicht her.
Trotzdem gibt es hier natürlich wieder einen lupenreinen OMD-Ohrwurm zu hören, der die alten Fans zufriedenstellen wird und sicher auch den einen oder anderen neuen Fan anfixt. Immerhin haben Hurts ja gerade erst bewiesen, dass man mit Synthie-Pop in der Tradition der 80er Jahre auch heute noch sehr erfolgreich sein kann. Und mit Mirrors (auch Vorband auf der OMD-Tour) stehen ja schon neue Erfolgs-Anwärter bereit.
Und OMD freuen sich, dass ihre zahllosen Epigonen sie immer noch nicht überholt haben. (A.P.)

SUBWAY TO SALLY - Nackt II


Erstveröffentlichung: DVD + Audio-CD 2010 / STS Entertainment

SUBWAY TO SALLY – NACKT II
Die Akustiktour DVD/CD-
"(VÖ: November 2010 STS Entertainment)

Ganze vier Jahre ist es mittlerweile her, dass die Herren und die Dame um Frontsänger Eric Fish blank zogen und Songs aus mittlerweile 17 Jahren Bandgeschichte aus dem Rockgewand auskleideten um sie rein akustisch zu präsentieren. Mit der DVD/CD „Nackt“ aufgenommen in der Berliner Passionskirche anno 2006 erklangen Stücke wie „Das Rätsel“ oder „Element des Verbrechens“ - im Rockset sonst seltenst gespielt – in völlig neuer Gewandung und wurden gewissermaßen freigelegt um an den inhaltlichen Kern und die lyrischen Feinheiten neu heranzukommen. Es schrie nach einer Fortsetzung und so begab man sich nun im April 2010 unter die Wurzeln eines eigens kreierten Baumes um „Nackt II“ zum Leben zu erwecken. Was im ersten Moment wie eine reine Fortsetzung klingt, erhebt jedoch einen ganz anderen Anspruch, der nicht zuletzt der Perfektion und des beeindruckenden Könnens aller Musiker verschuldet ist – kein Stück des alten Live – Sets sollte sich doppeln auf dieser neuen Show. Zeugnis dieser neuerlichen Herangehensweise legt für Fans und Musikliebhaber nun die DVD und CD Box „Nackt II“ ab.

Als am 29.04.2010 die Lichter im Stuttgarter Theaterhaus verlöschen und den Blick freigeben auf einen kahlen Baum, der seine Wurzelausläufer auf der Bühne verteilt hat, sitzt dort Gast – Perkussionistin Nora Thiele und stimmt mittels einer aus dem Iran stammenden Trommel das Publikum auf den Rhythmus des ersten Stückes „Die Schlacht“ ein. Erst langsam füllt sich die Bühne auch mit den Musikern von Subway to Sally, wobei als weiterer Gast der bereits von der „Nackt“ Tour bekannte B.Deutung am Cello Geigerin Frau Schmitt musikalisch unterstützt. An Kraft verliert der Song durch die Umarbeitung in keinster Weise, wenngleich der Text stärker in den Vordergrund rückt und intensivere Wirkung entfaltet. Eine Überraschung dürfte das sonst sehr stark Stromgitarren geprägte „Henkersbraut“ bieten, welches akustisch Erics Wandelbarkeit stimmlich verdeutlicht. Der charmante Frontsänger begrüßt das Publikum auch wie gewohnt mit „Hallo Freunde“ und ergänzt: „Lasst uns gemeinsam das nackte Vergnügen haben mit Songs die erwartet wurden und Songs die nicht erwartet wurden, ich hoffe es gefällt euch, es steckt sehr viel Herzblut darin!“ In der Tat sieht und hört man dies deutlich heraus. Den klassischen Tod Ophelias aus Shakespeares Hamlet vor Augen schrieb Bodenski den Titel „Rose im Wasser“, welcher gewissermaßen wie entblättert erscheint, viel getragener und balladenartiger als im Original.
Ein Stück des aktuellen Studioalbums „Kreuzfeuer“ wie etwa „Krähenkönig“ fügt sich nahtlos hinein in das Akustikset und nimmt auch gleich im Text doppelten Bezug zum Bühnenbild, denn einerseits sitzen in der kahlen Krone des Baumes zwei Krähen, anderseits taucht im Text die Passage auf „Mein Baum verlor die Blätter, die Krone wurde kahl“. Ein eher unerwarteter Song dürfte „Kleine Schwester“ bilden, welches dem sehr heftig diskutierten und zuweilen auch angefeindeten Album „Engelskrieger“ entstammt. Ich persönlich fand Engelskrieger ein sehr starkes Album und mag diesen Song dadurch von sich aus schon sehr gerne – trotz der Heftigkeit und Direktheit des Textes.
Ordentlich der Punk ab geht es im Publikum mit dem nächsten Stück der CD „Nord, Nord, Ost“, „Eisblumen“ welcher – nicht zuletzt durch die für mich schreckliche Adaption der gleichnamigen Sängerin – schnell Bekanntheit erlangte. Ich persönlich liebe dieses Stück sehr, spricht es doch die Werte und den Zusammenhalt der schwarzen Szene an und nicht zuletzt der vielen Fans von Subway to Sally. Was im ersten Moment mittelalterlich anmutet, so Eric Fish, ist es gar nicht „Accingite Vos“ nämlich spielt zwar mit lateinischem Text aber wurde voll und ganz neu geschrieben für die CD „Herzblut“. Ein Schubladendenken, damit Subway to Sally in die Rubrik des Mittelalterrocks zu stecken, wie es in der Vergangenheit gern getan wurde, misslingt und wäre auch kaum ausreichend, wie Frontsänger Fish lakonisch entgegnet: „Eine Schublade passt auch nicht, denn Subway to Sally ist ein ganzer Schrank!“ Ein Wagnis stellte das Herangehen an „Falscher Heiland“ dar, aber je länger sich Subway to Sally daran versuchten um so mehr Spaß bereitete es Ihnen und offenbarten sich ganz neue Facetten und Intonationen.

Die Urheber des folgenden Stückes sind laut Eric keineswegs Bodenski oder etwa der Herr Hampf, sondern sitzen vielmehr in der Krone des abgestorbenen Baumes in Form von zwei Krähen. Auf einem Spaziergang unterhielten sich beide lautstark und offenbarten Eric Fish ihre Weisheit, welche sich schließlich im Song „Krähenfraß“ wiederfindet. Ungewöhnlich und mit Sicherheit völlig unerwartet scheint die Wahl des folgenden Stückes „An der Zeit“, was manch ein neuerlicher Subway to Sally Fan möglicherweise gar nicht kennt. Ja dieses Stück schrieb Bandgeschichte, denn es entstammt dem Debütalbum „Album 1994“. Sowohl Bodenski wie Simon und sogar Frau Schmitt versuchten sich im Studio in Holland am ein singen des Textes und scheiterten. So wurde der schlaftrunkene Eric kurzerhand geweckt, der den Text perfekt einsang und seither den Frontsängerposten inne hat. Ein Song erblickt erstmals auf dieser Akustiktour live das Licht der Welt „Kaltes Herz“ nämlich, der je öfter er nun schon gespielt wurde, der Band zunehmend mehr Spaß bereitet hat. Zum Abschluss des Konzertes dürfen dann dennoch zwei Wiederholungen nicht fehlen, die eine, weil dieser Song schon seit vielen Jahren von den Fans geliebt wird - „Ohne Liebe“ nämlich, der andere „Sieben“ weil er sich bei Fans und Band zur internen Fanhymne bei Live – Konzerten – neben Julia und die Räuber – etabliert hat.

Zurück bleibt ein musikalisch anspruchsvoller, visuell durchdachter und inhaltlich tiefsinniger Abend auf DVD und CD festgehalten, der wieder einmal Perfektion beweist und den Ruf der Band als beste Live Band unterstreicht. Gerade eine Akustiktour erfordert hier ein paar andere Dinge um musikalisch perfekt zu klingen, so erklärt Drummer Simon im Bonusmaterial, dass er extra Drumsticks „Magic Roots“ benutzt, die weicher klingen sollen und dadurch besser für Akustikshows geeignet sind als gewöhnliche Sticks. Ingo Hampf spielt Laute und eine besondere Form der Cister an der bereits eine Harfe integriert ist, so dass weichere Töne erreicht werden können. Frau Schmitt tut was sie immer tut, sie bereichert den Klang durch ihre Geige, während Eric Fish zu Schalmei, Low Whistle und - „Ich hatte gehofft es nie tun zu müssen“ zur Blockflöte greift. Als neuen Klangaspekt wurde besonderes Augenmerk auf Percussion gelegt, so dass Schellentambourin, Gaz und Dabouka in den Händen von Nora Thiele erklingen. Wirklich gelungen und zusammen, musikalisch und wie man sehen kann auch menschlich stimmig und harmonisch. Kein Wunder das die ersten Stimmen bereits nach neuen nackten Tatsachen aus dem Hause Subway to Sally schreien – auch von meiner Seite – gerne mehr Akustik!







































(Maximilian Nitzschke)

UNHEILIG - 11 Jahre Unheilig


Erstveröffentlichung: Sonstiges 2011 / Fansation / Fansation

UNHEILIG - Vom Hörgeräteakustiker zum Grafen
11 Jahre Unheilig -


Im Jahr 1999 als ich gerade einmal 17 Jahre alt war höre ich erstmals einen Song der für mich damals das Lebensgefühl der schwarzen Szene hervorragend einzufangen wusste, jedoch hatte man bis dato keinerlei Zuordnung erfahren zu wem dieser Song den passte. Unter der Hand erfuhr ich dann das es sich um „Sage Ja!“ der allerersten Single der neu entstandenen Band „Unheilig“ handelt und der Sänger dazu sich schlicht nur „Der Graf“ nennt. Mehr war damals nicht durchgesickert. Ich hielt Augen und Ohren offen, ob es denn bereits ein Debüt Album geben würde und wurde enttäuscht, lediglich eine Single mit nämlichen Song stand in den Läden und hielt sich auf Anhieb mehrere Wochen in den Deutschen Alternativen Charts. Schließlich erschien das erste Video zu „Sage Ja!“ ganz in schwarz–weiß gehalten bei dem der Frontmann verhüllt in Nebel mit weissen Kontaktlinsen – lange Zeit sein Markenzeichen – den Versuchungen der weiblichen Damen um ihn erliegt. Es ist ein klares Gothicvideo, welches auch bei den Fans extrem gut ankommt. Der Appetithappen und Laune auf mehr war gelegt, jedoch dauerte es bis in den Februar 2001 bis schließlich „Phosphor“ als Debütalbum erschien. Der Graf hatte hierauf noch zweisprachig gesungen in deutscher und englischer Sprache, jedoch überzeugen die deutschen Texte von Anfang an mehr.
Bereits der Stil ist klar, es wird Elektrosound mit Metalelementen verbunden und mit spärlich gesäten weiblichen Backvokals die markante und charismatische Stimme des Grafen hervorgehoben. Thematisch bewegt der Graf sich um die Versuchung, sei es das es „Die Macht“ ist die einen „Willenlos“ werden lässt, oder man sich inneren Wünschen – wie etwa der Schattenwelt und der Einsamkeit – hingeben soll. Die Sprache ist lyrisch gehalten und verklausuliert mehr, orientiert sich aber deutlich an dunklen Attitüden. Klar der Graf entstammt der Gothicszene und bekennt sich auch in seinen düster romantischen Texten zu ihr. Wenig später wird die zweite Single „Komm zu mir“ aus dem Album ausgekoppelt und steht dem Vorgänger „Sage ja!“ an Clubtauglichkeit in nichts nach. Vorerst bleibt der Bekanntheitsgrad von Unheilig vorwiegend auf die Anhänger der Schwarzen Szene beschränkt und auch die bekannten Magazine wie Zillo oder Orkus berichten eifrig über „Phosphor“. Was damals schon auffällt ist, dass wenig über privates des Frontmannes berichtet wird und er umgekehrt auch wenig preis gibt, die Grenze bietet sein Künstlername und über die persönliche Grenze ist bislang auch keiner gegangen nach 11 Jahren nicht. Ich bewundere das, und wie der Graf auch selber sagte in Gesprächen, ist das intakte Privatleben der Quell zu der Kreativität des Grafen, ein Hineinzerren in die Öffentlichkeit von Menschen die dem Grafen wichtig sind, das genau will und wollte er von Anfang an vermeiden. Im Jahr 2001 tourte Unheilig auf mehreren Festivals der schwarzen Szene, wie etwa dem Zillo Open Air, dem Wave Gotik Treffen oder dem Woodstage Festival. Anschließend ziehen sich Unheilig zurück um ein für die damalige Gothicszene eher ungewöhnliches Album aufzunehmen. Am 28.10.2002 erscheint „Frohes Fest“ - ein Weihnachtsalbum- und sorgt für zweigeteilte Meinungen. Adventsstimmung auf sehr unheilige Art sei satanisch kann man lesen aus der schwarzen Szene selbst, dabei empfinde ich gerade dieses Album als immense Bereicherung der weihnachtlichen Zeit. Die alten Bing Crosby und Frank Sinatra Platten sprechen uns jüngere Menschen doch nicht wirklich an, wohingegen Unheilig es geschafft haben Melodien wie „Süßer die Glocken nie klingen“ oder „Ihr Kinderlein komme“ der Stimmung nicht zu berauben und zu etwas ganz eigenem zu gestalten. Über die Jahre hinweg verbinde ich die Vorweihnachtszeit gerne mit „Frohes Fest“ den jeden Advent erklingen seine Songs im CD Spieler bei mir. Ende 2002 trennt sich der Graf aufgrund unüberbrückbarer Differenzen von seinen anderen Bandmitgliedern, dem Produzenten und der Plattenfirma und beschließt künftig seinen Weg als Solokünstler zu gehen. Für Live Auftritte griff er auf Gast Musiker zurück und so bilden Henning Verlage, Christoph Mühlen und Martin Potthoff die musikalische Begleitung von Unheilig. Zeitgleich produziert der Graf als Texter, Musiker und letztlich Produzent bereits den zweiten Longplayer „Das Zweite Gebot“ welches am 07.04.2003 das Licht der Öffentlichkeit erblickt entsteht im Alleingang.

„Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.“ (AT)
Schaut man sich beim durchhören die Songtexte des nunmehr rein deutschen Albums an, so wird der Stil beibehalten. Viele Texte haben einen Bezug zu Glaube, Liebe und vor allem Hoffnung. Das spannende Phänomen des Grafen ist für mich über all die Jahre, dass er es schon damals verstanden hat Emotionen und Gefühlszustände durch poetische und mitunter pathetische Bilder zu transportieren. Was man hört und spürt ist Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit anhand der Texte, die persönliche Einblicke zulassen aber dennoch die nötige Distanz zum Texter wahren. Besonders der Song „Maschine“ wird in den nächsten Jahren in keinem Live – Programm oder keinem Dancefloor in den Gothicclubs Deutschlands wegzudenken sein, aber auch „Eva“ oder „Jetzt noch nicht“ sind extrem tanzbare Songs. Den gesamten Februar über tourt der Graf mit seiner Band durch 11 deutsche Städte und lässt die Fans voten welcher Track es zur EP schaffen soll. Die Wahl fällt auf „Schutzengel“ der fortan auch im Live – Set von Unheilig einen festen Platz gefunden hat. Im Sommer 2003 zu Pfingsten traf ich erstmals den Grafen persönlich in Leipzig zum Wave Gotik Treffen, eigentlich hatte er gar keinen Auftritt in diesem Jahr auf dem größten deutschen Gothicfestival, sondern war einfach so privat unterwegs. Beim Einkauf in der Agrahalle 2 des Festivalgeländes erwischt, plauderte er gerne über die Vorbereitungen in denen er gerade steckt für sein neues Album „Zelluloid“. Ich erinnere mich, dass ich ihm damals kaum in die Augen sehen konnte, dadurch das er wie gesagt noch weisse Kontaktlinsen trug, was er sichtbar grinsend genoss.

Am 23.04.2004 veröffentlicht er das bereits angekündigte „Zelluloid“ und lässt auch nur 4 Tage später bereits eine Deutschland Tournee folgen. Mit dem dritten Album, wenn man „Frohes Fest“ herausrechnet, stürzt sich der Graf der Dunkelheit auf sein eigenes Leben und lässt dieses ausschnittsweise in Bildern und Metaphern an den Ohren seiner Fans vorbeiziehen. Wie auch beim Vorgängeralbum lassen sich immer wieder Anspielungen auf die Bibel in den „Zelluloid“ – Songs vernehmen, was die Vermutung aufkommen lässt, dass dieses Buch einen sehr zentralen Stellenwert in der Musik von Unheilig einnimmt. Dies wird jedoch vom Grafen wie folgt beschrieben: „Ich würde das nicht speziell auf die Bibel beziehen. Dieses Thema war für mich nach der Schutzengel EP abgeschlossen. Als Angelpunkt in diese Richtung könnte man glaub ich eher Glauben an sich nehmen; ich hab keinen bestimmten, der sich mit einer Religion hundertprozentig deckt. Da Zelluloid ein Rückblick auf meine Vergangenheit ist, kommt das Ganze natürlich auch bei einigen Songs vor.“ Zelluloid ist nun aber nicht als Autobiographie des Grafen zu sehen, denn bereits nach den ersten Songs die er für dieses Album schrieb war ihm bewusst geworden, dass sich diese zwar mit seiner Vergangenheit befassen wird, aber nicht 1 zu 1 sondern als Inspirationsquelle und verfremdet. Die Songs beziehen sich nicht auf bestimmte Jahreszahlen, eher auf Emotionen aus vergangenen Tagen, so wie die Ereignisse aus heutiger Sicht von ihm zu betrachten sind.

Bei diesem Rückblick fällt deutlich auf, dass Liebe immer wieder Gegenstand des grafschen Schaffens ist, immer wieder in den Liedern auf unterschiedliche Weise thematisiert wird. „Liebe ist ein sehr wichtiger Grundstein im Leben für mich. Sie ist in meiner Auffassung sehr vielschichtig. Liebe kann nicht nur mit einer Partnerin in Verbindung gebracht werden, sondern auch mit Menschen für die ich Stolz oder Dankbarkeit empfinde. Eigentlich basiert der Grundstein zu jedem Unheilig – Song auf Liebe zu irgendetwas. Ohne diese Empfindung könnte ich niemals kreativ sein.“
Zum Wave Gotik Treffen 2004 hatte ich die Gelegenheit erstmals die Songs von „Zelluloid“ live zu hören im überfüllten Werk 2. Halb erdrückt von den Fans kämpfte ich mich durch in den Pressegraben um die ersten drei Songs des Konzertes – welche das im einzelnen waren weiß ich leider nicht mehr- Fotos zu knipsen. Was mich damals begeistert hat war die große Fannähe des Grafen, der durch und durch Entertainer ist und sein Publikum im Griff hat. Songs wie „Zauberer“, „Freiheit“ oder „Auf zum Mond“ sprechen die Menschen an und machen Unheilig vom Geheimtipp zum gut besuchten Konzerttipp und zu einer festen Szenegröße über die Jahre hinweg. Einen Tag später traf ich den Grafen dann Auge in Auge zum gemeinsamen Interview zu „Zelluloid“ im Orkus Treffencafé des Festivalgeländes. Wenn ich mir das heute überlege, wo das Album „Große Freiheit“ Platz 1 der Charts erreichte wirkt dieses erste Treffen fast unwirklich, denn trotz der Tatsache das Unheilig durchaus bekannt war, saßen wir fast allein beim Kaffee und plauderten in Ruhe über sein aktuelles Album. Wer weiß ob er heute diese Ruhe noch hätte, vermutlich nicht!
Ich weiß noch das ich tierisch aufgeregt war damals und aber die nette, freundliche und aufgeschlossene Art des Grafen mir diese Aufregung schnell nahm. Das Interview von damals findet ihr hier auf Backagain natürlich dokumentiert.
Durch den immensen Erfolg von Zelluloid werden die Rufe nach einem Live – Album von Unheilig im Frühjahr 2005 immer lauter und Ende Januar erscheint mit „Gastspiel“ aufgenommen während der „Zelluloid – Tour“ im Nürnberger Hirsch gleich das komplette Konzert hörbar. Songs wie „Zauberer“, „Freiheit“, „Maschine“ oder „Eva“ sind nun auch im heimischen CD Player zu hören und überzeugen hörbar von der Live Qualität des Grafen. Dennoch ist ein Live – Eindruck nur halb so schön, wenn man ihn sich nicht auch optisch greifbar machen kann, so dass auf Live CD auch die erste DVD „Kopfkino“ folgte. Die Fanvorstellung der fertigen DVD passierte zum Wave Gotik Treffen 2005 im Leipziger Cinestar in Anwesenheit des Grafen selbst. Ich hab der Premiere damals beigewohnt und genoss den Konzertmitschnitt auf großer Kinoleinwand zu sehen, wenngleich es auch schwierig war im Sitz zu bleiben und nicht jeden Song lautstark mitzusingen. Nach der Show stand er lange mit seinen Fans, unterschrieb Ihnen geduldig jedes nur denkbare Utensil, von CDs, Schlüsselanhängern bis hin zum Handy. Der Graf nimmt sich geduldigst die Zeit für jeden einzelnen Fan, es bleibt auch Zeit für persönliche Worte.

Ende 2005 nutzt der Pay TV Sender „Premiere“ den Song „Ich will alles“ vor der Veröffentlichung des neuen Albums „Moderne Zeiten“ und sorgt für gute Publicity. Bis schließlich am 20.01.2006 in moderne Zeiten aufgebrochen wurde. Der Vorgänger Zelluloid war ein extrem wichtiges Album für den Grafen, wie er unumwunden zugibt, den es hat Unheilig einen großen Schritt nach vorne gebracht und damit den Grundstein gelegt für Moderne Zeiten. „Irgendwie hat damals alles zusammengepasst und lief einwandfrei. Ich habe zum ersten Mal alles Musikalische alleine gemacht, und es hat mich um so mehr gefreut, dass das Album bei den Fans so gut ankam,“ meint der Graf. Es war im Grunde die erste Scheibe aus einem Guss, ohne zusätzlichen Produzenten. Der Graf meint, dieser hätte ihm dann mit Biegen und Brechen nur einen Stempel aufgedrückt bzw. den Grundgedanken eines Songs verschraubt. Darauf wollte er unter allen Umständen verzichten. „Ich denke, so geht viel zu schnell die Ehrlichkeit eines Songs verloren, und ich bin sehr froh, dass der Erfolg von Zelluloid und somit die Fans mich darin bestätigt haben.“ Hört man nun das neue Album, dann hat man den Eindruck, dass sich der Graf sogar noch gesteigert hat. „Moderne Zeiten“ klingt ausgewogener, abwechslungsreicher, eingängiger und auch druckvoller. „Ich habe drei Monate, bevor ich mit der Produktion angefangen habe, Tag und Nacht geübt, wie ich den Unheilig Sound noch runder und besser machen kann,“ erklärt der Graf. Er hat verschiedene Soundkombinationen ausprobiert und nach Soundelementen gesucht, die zusammen harmonieren und die Musik zu einer Einheit machen. Ebenso fand eine stärkere Konzentration auf seine Stimme statt, um das bestmögliche Zusammenspiel von Musik und Gesang zu erzielen. Nach den ersten drei Monaten entstand somit ein Rahmen, innerhalb der Graf die neuen Songs schreiben konnte. „Nachdem ich mir über die Thematik des Albums klar war, fing wieder alles an, wie von selbst zu laufen,“ meint der Graf.
Im Februar und März 2006 geht Unheilig auf „Goldene Zeiten Tour“ und spielt vielfach vor ausverkauften Häusern. Erneut dürfen die Fans per Voting entscheiden welcher Song die ausgekoppelte Single werden soll und das Rennen wird knapp entschieden „Astronaut“ und „Mein Stern“ waren die klaren Favoriten und letztlich wurde es „Astronaut“.

Im Sommer sah ich „Unheilig“ dann erneut wieder zum Wave Gotik Treffen in Leipzig. Bevor der Graf am Abend seinen Auftritt auf der Parkbühne haben sollte wurde ich am Bühneneingang an den Securitys vorbei gelotst um mit dem Grafen über „Moderne Zeiten“ zu sprechen. Ich erinnere mich noch, dass wir uns wie alte Freunde begrüßt haben, herzlich und persönlich. Das ist etwas was ich ihm auch immer noch hoch anrechne, trotz allen Erfolges ist er auf dem Boden geblieben und Mensch dabei. Gerade die Fans denke ich bestärken ihn auch darin, so erzählte er zum Beispiel folgendes zur thematischen Klammer des Albums und zum Feedback durch seine Fans: „Bei Zelluloid ging es thematisch lediglich um die Vergangenheit und bei moderne Zeiten thematisiere ich, was mich jetzt umgibt. In gewisser Weise beziehe ich mich auch vom Titel her, auf den Film Moderne Zeiten von Charlie Chaplin, indem es ja auch um Selbstfindung geht. Bezogen auf das jetzt, handeln die Songs von Dingen die mich jetzt umgeben. Ich erhalte auch viele Briefe, von Geschichten wo meine Songs Menschen Mut gemacht haben und so weiter. Das beeinflusst mich natürlich auch und ich verarbeite diese Dinge oftmals auch textlich mit hinein. Nicht 1 zu 1, aber wenn es eine Inspirationsquelle war, wird man das merken. Offensichtlich können sich unheimlich viele Menschen mit meinen Texten identifizieren und es freut mich sehr, wenn ich ihnen mit meiner Musik etwas geben kann, denn sie geben mir umgekehrt ja genauso viel Resonanz zurück. Dank an euch alle dafür!“ Sehr ungewöhnlich fällt eine neue Singleauskopplunges Grafen aus, denn er singt gemeinsam mit Peter Spilles der Band „Project Pitchfork“ den Song „Ich will leben“ ein und landet mit der Single auf Platz 3 der Deutschen Alternativen Charts. Eine gemeinsame Tour mit den Jungs von Project Pitchfork im September und Oktober 2006 beschert beiden Bands restlos ausverkaufte Hallen.

Einen ungewöhnlichen Schritt gehen Unheilig durch einen Auftritt bei dem TV Sender Pro 7 in der Sendung „Frank der Weddingplaner“. Es soll eine Gothic – Hochzeit werden und da beide große Fans von Unheilig waren wurde bei der Band angefragt ob sie live spielen würden. Nach reichlicher Überlegung sagten sie kurzerhand ja und so wurde eine breitere Masse an TV Zuschauern aufmerksamer auf den Grafen. Die Homepage der Band wurde kurzerhand durch Klicks und Gästebucheinträge lahm gelegt, so dass sich Unheilig entschloss als Dankeschön an die Fans eine limitierte Live Doppel CD (3000 Stück) herauszubringen. Bereits im Vorverkauf ist diese CD schon ausverkauft und ist ein weiteres Zeichen für das breitere Interesse am Grafen.

Das Jahr 2007 bleibt ein ruhiges um Unheilig bis auf ein paar Festivalauftritte in Wacken und auf dem Amphi in Köln bereitet der Graf im Studio schon sein neues Album „Puppenspiel“ vor. Ich hatte die Gelegenheit zwischendurch noch eine Show des Grafen auf dem Münchner Tollwoodfestival im Sommer 2007 zu erleben. ,Wie ein Wirbelwind fegt er über die Bühne, energiegeladen und mitreißend wie immer und auch nach dem Konzert freut er sich einen zu sehen. Ich erinnere mich, dass er zwar einen Edding hatte, aber keine Unterlage für Autogramme und so bot ich ihm letztlich meinen Rücken als Unterlage an, irgendwie sehr lustig und ein schöner Moment. Am 22.02.2008 ist es dann soweit und der kleine Spielzeugmann erblickt sein eigenes Spiegelbild. Moderne Zeiten war in sich ein eher ruhendes und gesetzteres Album, dass viele Dinge des Lebens und der Gegenwart eher mit Distanz betrachtet. Diese Distanz wird mit „Puppenspiel“ durchbrochen und verlegt die Gegenwart ins Rampenlicht und auf die Bühne – der Heimat eines Musikers. Seinem Stil ist der Graf dabei keineswegs untreu geworden, denn seine Texte sind nach wie vor ehrlich und authentisch, gepaart mit dem für ihn klassischen Unheilig Beats. Dennoch hat sich in der Produktion etwas verändert, denn erstmalig war die Unheilig Band Henning Verlage und Christoph Termühlen nicht nur Gastmusiker sondern im Studio mit dabei und schon wirken die Töne satter und die Komposition ausgefeilter als noch beim Vorgänger. Das Intro bildet der Song „Vorhang auf“, der textlich die Spannung eines Künstlers vor dem Auftritt beschreibt. Wer ist vor dem Vorhang, wer wartet auf das Kommen des Künstlers, der seinerseits nun alles für sein Publikum geben möchte. Der nächste Track „Puppenspieler“ setzt am Leben des Künstlers an und gibt einen Einblick in die Gefühlswelt. Heute ist man an einem Ort, um Morgen schon wieder in einer fremden Stadt zu sein und zuweilen auch von Ängsten und Sorgen geplagt zu werden. Ein sehr starker Song ist für mich der nachfolgende „Spiegelbild“, weil er zwar einerseits sehr rockig ist, andererseits aber mit Orchesterklängen arrangiert wurde bzw. textlich eine sehr schöne Botschaft verbreitet. Konfrontiert mit der eigenen Vergangenheit führt der Graf uns zu Ohren, welche Gründe dafür sprechen, dass man sich letztlich immer noch ohne Reue im Spiegel betrachten kann. Gedanklich führt „Dein Clown“ dieses Aufbrechen von Fassaden und falschen Minen fort. Melodisch mit den Klängen einer Spieluhr unterlegt bewegt es sich textlich zwischen Realität und Träumen und dem Wunsch angedachten Vorstellungen und Schemata zu entfliehen. Gerade diese Einblicke in das Seelenleben des Grafen und seines Künstlerlebens emotionalisieren die Fans. Doch als auch noch der Hintergrund für „An deiner Seite“ durchsickert ist es ganz und gar vorbei, dieser Song bewegt tausende Fans. Ein lieber und enger Freund des Grafen lag im Sterben und um selber damit fertig zu werden, einen geliebten Menschen gehen lassen zu müssen und ihm ein Zeichen zu setzen entstand dieser wunderschöne und traurige Song. Tausende Briefe gingen bei ihm ein und seine Fans standen ihm in dieser für ihn so schweren Zeit bei. Kaum ein Unheilig Song hat mich bislang so derart zu Tränen gerührt wie dieser! Einzig das Piano trägt zur Stimme des Grafen diesen Song und setzt musikalisch die schwere Last des Wissens eines baldigen Abschiedes um. Ich selber verlor durch einen Autounfall einen sehr geliebten Menschen, die ihren 24ten Geburtstag nicht mehr erleben durfte, und danke dem Grafen sehr, dass er mit diesem Song einen musikalischen Trost geschaffen hat, der dem Schmerz im Inneren Worte verleiht. Wenn ich ihn heute höre denk ich an sie und es tut nicht mehr ganz so weh. Auf Wunsch des Grafen wird dieser Song auch erstmals ohne das übliche Fanvoting zur Single ausgekoppelt bevor durch Voting „Spiegelbild“ die zweite Single wird. Deutlich ist der steigende Erfolg schon zu spüren, denn alleine die Autogrammstunden dauern bis zu 6h mittlerweile und auch hier nimmt sich der Graf noch für jeden einzelnen Fan Zeit. Erneut sehe ich den Grafen auf dem WGT 2008 zum einen zur Autogrammstunde, bei der sich die Schlange der Fans schon durch das halbe Cinestar Gebäude im Herzen Leipzigs schlängelt und zum anderen zum anschließenden Konzert. Der Erfolgskurs ist kaum aufzuhalten das wird immer deutlicher und die angrenzende Tour wird ausgedehnt, Spanien, England und Russland geraten neben den deutschen Fans ins unheilige Fieber, wovon sich die Fans – und welche es wurden – im September 2008 auch ein Bild machen konnten. Die zweite DVD „Vorhang auf“ erblickt das Licht der Welt und dokumentiert ein euphorisches Berliner Publikum auf dieser Tour.

Ein Grammophon spielt eine nostalgisch wirkende Seemannsweise von einer zerkratzten Schallplatte, irgendwo in einer dieser verrauchten Hafenkneipen, bevor das Nebelhorn auch den letzten Passagier an Deck des Großen Dampfers auf dem Coverbild des neuen Albums „Große Freiheit“ 2010 ruft. Fahnen schwenkend steht eine Person an Deck und blickt sehnsuchtsvoll zurück an Land, aber ist innerlich auch neugierig auf das Neuland und die Ferne. Es heißt sich nun von den Tauen die den Pott an Land halten zu befreien und den Schritt ins Neuland zu wagen, darum ferne Welten zu bereisen und auch den persönlichen Mut zu besitzen, über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen. Kaum ist der Anker zu dieser unheiligen Reise gelichtet rockt Unheilig in einer kraftvoll mitunter poppigen Weise das es eine angenehme Ohrenfreude ist. Der Graf und Unheilig sind musikalisch ihrem bisherigen Stil treu geblieben, dennoch haben sie sich zweifelsfrei von den Fäden des Puppenspielers und der Fremdbestimmung durch Zwänge des Vorgängeralbums „Puppenspiel“ befreit und sind selber zu den von ihnen propagierten „Spielzeugmännern“ geworden, denn sie gingen losgelöst hinein in die musikalische und die kreativen Freiheit.

Dieses Album das erkennt man sofort ist nach „Zelluloid“, „Moderne Zeiten“ und „Puppenspiel“ erneut ein Konzeptalbum, denn mit Songs wie „Das Meer“, „Unter deiner Flagge“ oder „Seenot“ ist doch ganz klar die Richtung vorgegeben. Der Graf fordert uns im Intro „Das Meer“ auf mit ihm aufs Meer zu gehen und auf ein Schiff zu gehen. Es geht um Seeromantik, Fernweh und Sehnsucht, aber auch um die Neugierde fremde Welten zu betreten und dem Endeckerdrang in einem gerecht zu werden. Wer jetzt allerdings denkt nun folgt so olles Seemannsgarn textlich, der hat weit gefehlt, denn Unheilig wären nicht Unheilig wenn man nicht authentisch wäre und die großen Gefühle auf intelligente und wenig weinerliche Weise ansprechen würde. Plötzlich passiert das völlig unerwartete, das Album landet 17 Wochen lang auf Platz 1 der Charts und bringt den Grafen und Unheilig in aller Munde. Das Video zu „Geboren um zu Leben“ routiert bei Viva und „Unter deiner Flagge“ ist spätestens seit dem Gewinn des Bundesvision Song Contest 2010 auch in aller Munde.
Erstaunt stellen neuere Fans fest, dass es die Band nicht erst seit gestern gibt, und darin liegt auch ein Teil des Erfolges von Unheilig. Der Weg bis zur „Großen Freiheit“ war ein weiter und harter Weg, der nicht einfach eine Retortenband ohne Format geformt hat, sondern einer Band aus einer Szene die eher Randerscheinung war zu dem Erfolg verholfen hat, den sich ein Künstler nur wünschen kann. Die Tour ist nahtlos ausverkauft und letztlich zeugt auch davon die neuerliche DVD „Große Freiheit live“ die Ende 2010 in den Handel kam. Man darf sehr gespannt sein, aber bereits jetzt wurde für dieses Jahr die Fortsetzung der Jubiläumstour „Heimreise“ angekündigt
und erneut für ausverkaufte Hallen sorgen – dieses Jahr werde ich 29 Jahre alt und Unheilig wird mich den Großteil meiner Jugend begleitet haben, dabei kommt es mir so vor als sind Songs des Grafen erst gestern entstanden – das Uhrwerk ist weitergewandert seit Moderne Zeiten und zu Fernen Welten aufgebrochen, mal sehen wohin uns das Schiff des Grafen noch bringen wird!















(Maximilian Nitzschke)

E-Mail-Adresse der Band: www.unheilig.com

HIDDEN AGENDA - More Decisions


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Genetic Music / gen029

Warum HIDDEN AGENDA unter Minimal-Electro-Fans relativ bekannt sind, ist nicht ganz nachvollziehbar, haben sie doch zu „Lebzeiten“ um 1983 herum nur ein Tape veröffentlicht und mehr als ein Jahrzehnt später den Track „Life At The Top“ (von dem Tape) auf zwei mehr oder weniger offiziellen Sampler-CDs. Das amerikanische Trio ist vielleicht im Gedächtnis geblieben, weil bei dem Tape Mark Lane als Gastmusiker mitgewirkt hat und der ist ja nun wirklich bekannt. Aber natürlich liegt der Bekanntheitsgrad in erster Linie an der wirklich großartigen Musik, die immer wieder auf Tapes, später CD-Rs, weiter kopiert wurde und sicher auch im Netz zu finden ist. Zu hören gibt es nämlich lupenreinen und ziemlich eingängigen Electro-Wave, der seine Wurzeln bei den frühen Human League oder auch Tubeway Army und sogar Soft Cell hat und ansonsten mit kleineren Acts wie Das Kabinette oder Inertia vergleichbar ist. Synth-Pop, New Romantic, New Wave sind die Schlagworte und wo könnte HIDDEN AGENDA besser hinpassen, als auf Genetic Music? Die Alternative wäre vielleicht Minimal Wave oder Anna Logue Records gewesen, aber Genetic passt schon perfekt. Die vier Tracks des Tapes wurden digital remastered und dazu hat die Band gleich noch vier weitere, bisher unveröffentlichte Stücke ausgegraben, die den bekannten in nichts nachstehen. Wer in den frühen/mittleren 80er Jahren aufgewachsen ist und sich damals vielleicht selbst sogar Waver genannt hat (ohne „Dark“, „Electro“, „Romantic“ oder sonstige Zusätze), wird diese CD lieben, weil sie direkt in die „gute alte Zeit“ zurückführt und einen fantastischen Nostalgiefaktor aufweist. Klar, das ist alles ziemlich retro, aber: na und? (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

DETLEV P. ADLER - Bis ans Ende der Hoffnung


Erstveröffentlichung: Buch 1985 / Wilhelm Heyne / ISBN 3-453-31229-5

Die Welt nach den Weltkriegen. Wir befinden uns allerdings nicht in der Endzeit, die Zivilisation existiert weiterhin, allerdings extremer als früher. Eine Diktatur unterdrückt die einfachen Menschen und lässt die Regimetreuen und intelligenten Menschen, die sich auch einem Intelligenztest unterziehen müssen, in paradiesischen Umständen leben. Peter Hanson ist zwar intelligent, kann das Regime aber nicht anerkennen. So einer guten Zukunft beraubt macht er sich mit einer Freundin auf die Flucht, auf die Suche nach etwas besserem, denn es gibt Gerüchte, dass das Land von einer Mauer umgeben sei und dahinter alles gut wäre. Auf der abenteuerlichen Flucht treffen sie auf einen für die Diktatur wertvollen Wissenschaftler, dessen Frau und einem anderen Pärchen und gemeinsam beschließen sie, mit einer Jacht eine Insel zu suchen, um dort zu leben...
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Dieses Buch ist extrem episodenhaft geschrieben, hakt einen Punkt der Flucht nach dem anderen ab, zu einem zudem sehr überhastetem Schluss hin. Die Figuren bleiben auch recht oberflächlich, sodass einem das Schicksal insgesamt ziemlich egal bleibt. Doch nicht alles ist schlecht, immerhin hat Neuling Detlev P. Adler viele nette Ideen zusammengepackt, nur halt eben fast schon ein bisschen zu viel für so ein dünnes Buch, nichts wird so richtig angepackt und zu Ende geführt. Wenn ich das richtig sehe, hat Adler auch kein zweites Buch mehr geschrieben (außer einem ""Praxisleitfaden Gewerbemietverträge"", wenn das der gleiche Detlev P. Adler ist), offenbar waren die Ideen in diesem Roman schon alle verbraten. (Haiko Herden) (H.H.)

BLUTENGEL - Reich mir die Hand


Erstveröffentlichung: Mini-CD 2011 / Out of Line / Out of Line

Ja in der Tat ist die Düsternis zurück und der blutige Engel aus der Hauptstadt treibt seit dem 21. Januar 2001 wieder sein musikalisches Unwesen. Chris Pohl und seine vampirischen Damen melden sich mit der Single „Reich mir die Hand“ als Vorgeschmack zum neuen Album „Tränenherz“ nach längerer Pause und personeller Umbrüche zurück.
Constanze Rudert – 10 Jahre hatte sie Blutengel Gesicht und Stimme geliehen, verließ die Band und hinterließ Fans und Mastermind Pohl eine im ersten Moment unersetzliche Lücke. Dann auch noch im Januar 2010 ein kompletter Festplattencrash der bereits fertige Stücke für „Tränenherz“ unwiederbringlich löschte. Nein das vergangene Jahr war nicht das beste für Chris Pohl und Blutengel, umso erstaunlicher das nun „Reich mir die Hand“ so energiegeladen und kraftvoll erklingt. Hatte man seit geraumer Zeit vampirische Themen eher wieder ausgeklammert tritt Chris Pohl klar als Fürst der Nacht hervor und entlädt sich im Text die Erotik aus Unsterblichkeit, Versuchung und sexueller Anziehung. Filmblut kommt reichlich zum Einsatz im dazugehörigen Video und bietet musikalischen und auch visuellen Ohrenschmaus. Chris Pohl ist Verführer und Todesbringer zugleich umrahmt von seinen stimmlich gewachsenen Damen Ulrike Goldmann und wie gesagt neu im vampirischen Clan Steffi Weingarten. Einsam irrt die Protagonistin durch die Nacht angetrieben von der Gier die sich Stück für Stück in ihre Seele frisst. Die Dunkelheit übermannt sie immer stärker und so wird sie hineingezogen in die Bünde und Versuchungen der vampirischen Welt. Fernab von aller Twilight Euphorie sind die Vampire von Blutengel keine Vegetarier sondern blutgierig und überheblich gegenüber der Sterblichkeit. Um den Refrain kurz zu zitieren: „Reich mir die Hand, unsere Welt wird brennen. Der Zweifel und die Angst werden im Feuer untergehn. Reich mir die Hand, unsere Welt soll brennen, unser Stolz und unser Blut in alle Ewigkeit vereint...“ Musikalisch weiß Blutengel mit tanzbaren Beats zu überzeugen die unweigerlich – ha ha Wortwitz – ins Blut gehen. Ich vermute schon jetzt das ein neuer Clubhit geboren wurde.

Die B Seite quasi bildet „Insomnia“ der durch die weiblichen Vokals besonders auffällt „I'm afraid“ könnte fast als Fortsetzung der Zweifel verstanden werden das Leben aufzugeben zugunsten der Unsterblichkeit. Die Angst schnürt dem Protagonisten die Seele zu, Alpträume versuchen ihn jede Nacht zu töten und so traut er sich kaum noch zu schlafen und bleibt im Zustand halbwach. Irgendetwas lauert dort in der Dunkelheit und wartet nur auf ihn. Der Gesang liegt zwar insbesondere auf dem Frontmann selber wird aber akzentuiert durch den Wechselgesang der beiden Damen mit ihm. Auch diesem Song haftet das Gespür für Tanzbarkeit und Rhythmus an, dass Chris Pohl einfach besitzt - trotz aller eventuellen Kommerzkritik.

Blutengel Stücke wie „Reich mir die Hand“ und „Insomnia“ hatte ich mir auch mit „Schwarzes Eis“ gewünscht aber war eher mäßig begeistert. Nachdem die Single aber nur Vorbote zum neuen Album darstellt, kann man wenn das Niveau gehalten wird mal wieder von einem Knalleralbum reden, denn die Single allein macht schon Lust auf mehr blutige Tränen! (Maximilian Nitzschke)

HURTS - Happiness


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Sony Music / Sony Music

Englische Eleganz trifft den Nerv der Zeit

Wenn ich für das Jahr 2010 einen Song benenne, der mir besonders ins Ohr ging, so ist dies zweifelsfrei „Wonderful Life“. Ich wusste zu Beginn gar nicht, von wem dieser Song denn stammt und erfuhr erst später von den Überfliegern HURTS aus England. Die kühle Atmosphäre des Videos erinnerte mich stark an Wolfsheim Videos aber irgendwo war durch die schlichte Eleganz und die charismatischen Stimmen auch ein Hauch 30er Jahre Schick mit enthalten. Sinn und Sinnlichkeit haben sich hier getroffen und einen Ohrwurm geschaffen, so dass ich schnell auch die anderen Songs im örtlichen Musikladen durch gehört hatte und feststellte, dass Theo Hutchcraft und Adam Anderson ein gelungenes Debütalbum mit dem widersprüchlichen Namen „Happiness“ auf den Markt geführt haben. Sicherlich haben nun die beiden Manchester Jungs melodramatischen Synthiepop nicht völlig neu erfunden, wobei ja eh die Frage ist, ob man das überhaupt noch kann, aber schlichtweg ungemein eingängig auf ihrem Debüt umgesetzt. Allen Songs ist Pathos vereint mit dunklem Tiefgang inne, der nicht zuletzt getragen und bestimmt wird von der schmachtenden Stimme von Theo Hutchcraft. Atmosphärisch spannt man den Bogen zwischen dem Glam der 80er Jahre und aktueller Popmusik. Klar kann man jetzt einwenden, dass die Single „Wonderful Life“ sich etliche Wochen in den Singlecharts hielt und damit im Mainstream ankam – aber was soll es denn auch, zeugt das nicht auch davon, dass man den Nerv des Hörers getroffen hat? Muss das den immer schlecht sein – ich denke persönlich dem ist nicht so, es ist für mich vielmehr ein Ausdruck der Übersättigung der Hörerschaft von belanglosen Charthits, hin zu denkender Musik die durch Botschaften, Tiefgang und Authentizität zu berühren weiß. Gerade „Wonderful Life“ -die Verarbeitung eines Selbstmordversuches und die Rettung durch Liebe auf den ersten Blick – paart Ernsthaftigkeit des Textes mit Romantik und hebt Pathos und Emotion hervor.
Sogar Australiens Superstar Kylie Minogue konnte zu dem Song „Devotion“ als Gastsängerin gewonnen werden und sorgte damit für zusätzliche Aufmerksamkeit für die Engländer. Die Tür zum Erfolg hat sich geöffnet und unumwunden gibt auch Sänger Theo Hutchcraft zu, dass sich seit der Veröffentlichung von „Happiness“ schlagartig alles für beide Musiker verändert hat. 2010 bildete das aufregendste Jahr ihres bisherigen Lebens, denn plötzlich folgten Shows in der gesamten Welt, traf man die eigenen Idole und hat obendrein das Album aufgenommen, dass beide immer schon veröffentlichen wollten.

Dabei gab es während der Aufnahmen auch Momente die Zweifel am eventuellen Gelingen des Albums aufwarfen, denn als beide daran arbeiteten kamen sie ein paar Monate einfach nicht weiter. Der Supergau, verwirrt und aufgeschmissen begann eine sehr schwere Zeit. Zum Glück wurde sie überwunden und entstanden so schöne Balladen wie „Illuminated“ oder „Blood, Tears and Gold“ deren Videos minimalistisch in schwarz – weißer Optik trotz Farblosigkeit keinesfalls blass sind, im Gegenteil. Die Schlichtheit untermauert den Pathos und trägt bei zum im ersten Moment eventuell antiquiert wirkenden Stil der Band, der Fokus liegt auf den Texten selber, die Bilder begleiten und unterstreichen die Botschaften mehr, als das sie den Betrachter überfrachten. Ich empfinde das als sehr angenehm im Zeitalter der extremen Schnelligkeit zum Einhalt zu zwingen und intensiven Auseinandersetzung mit einer Emotion – dies gelingt „Hurts“ scheinbar mühelos.

Mit großer Sicherheit liegt dieses Gespür für Emotionen auch an den Erlebnissen der letzten Jahre der beiden Musiker, denn noch Anfang 2010 waren sie von der regelmäßigen Zahlung von Arbeitslosenhilfe angewiesen, von einer musikalischen Karriere konnte man nur in sehr weiter Ferne träumen. Wie der Sänger unumwunden sagt, war es eine schreckliche Zeit, die aber wiederum mit sich brachte, dass beide so hart am Album gearbeitet haben und es in positive Kraft umgewandelt haben. Schon jetzt steht für Hurts fest, dass auch in diesem Jahr intensiv an neuen Songs gearbeitet wird, und die Band weiter voran getrieben wird. Außerdem folgt eine ausgiebige Tour durch Deutschland, auf die man sich schon jetzt freuen kann! (Maximilian Nitzschke)

E-Mail-Adresse der Band: www.informationhurts.com

SHIRAYAS DREAM - Venus Calls


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Eigenproduktion / Eigenvertrieb

Im April 2009 Jahres lernte ich als Vorband der Lettin Vic Anselmo im Berliner Gothicclub K17 die Band „Shiraya’s Dream“ aus Berlin kennen. Mit ihrer für mich besonderen Verquickung von Opernstimme und elektronischen Sounds hatte mich Anna Aliena und Oliver Höhne sehr schnell in ihren Bann gezogen. Ende 2010 präsentiert das Duo ihr nunmehr drittes Album „Venus Calls“ und legen sogar noch eine EP mit dem Titel „Kleiner Vogel Liebe“ obendrauf.

Die Bandgeschichte von Shiraya's Dream beginnt im Spätsommer 2008, als die junge Mezzosopranistin Anna Aliena und der Komponist Oliver Höhne sich auf MySpace kennen lernten. Anna Aliena genoss früh eine klassische Opernausbildung und besaß Erfahrung als Sängerin der Band Fairys Garden. Oliver Höhne war versiert im komponieren instrumentaler Stücke. Aus einem anfänglichen musikalischen Ausflug wurde schnell eine Band,die durch die Vermischung von Operngesang und Elektropop sich abhob von der breiten musikalischen Masse. Prompt war ein neues musikalisches Genre geboren: Alien-Pop. Diese Stilrichtung beinhaltet Elemente aus Oper, Gothic, Elektro- und World Fusion. Oliver Höhne gibt zu durch viele Stilrichtungen geprägt zu sein, so besteht bei ihm eine Affinität zu Gothic,Weltmusik und Elektro. Dies setzt er beim Produzieren der Stücke von Shiraya’s Dream um, versucht jedoch sich in keine Stilrichtung prägen zu lassen. Das Reizvolle ist, dass Anna Aliena zu allem gesanglich einsteigen kann. Somit kann er auch in seinen Stücken Stilbrüche einbauen, etwa Tango oder Walzerklänge unter ihre Texte und ihren Gesang legen. Inhaltlich setzen sich Anna und Oliver in ihren Songs mit dem Wunsch nach entrückter Reiselust in irdische und außerirdische Gefilde auseinander. Auf geradezu traumwandlerischer Ebene werden Sehnsüchte und Phantasien miteinander in atmosphärischem Ambiente nach außen getragen. Auf ihrer ersten CD (Eigenvertrieb) „Magic Carpet Nights“ befinden sich zwei Songs die inhaltlich Bezug aufeinander nehmen „The Witch“ und „Last Day of Paradise“. Der Song The Witch’ entstand dabei zuerst. In ihm geht es um eine Hexenverbrennung. Etwa zwei Monate später reifte in Anna die Idee, die Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen. Mit ‚Last Days of Paradise’ wird der Hörer darüber aufgeklärt, wie es zu dieser Verbrennung kommen konnte, was der Hexe eigentlich vorgeworfen wird. Auf ihrer zweiten CD (Eigenvertrieb) „Floating in Space“ beschreibt der gleichnamige Song „Nibiru“ ein recht krasses Untergangsszenario durch den Stern Nibiru. „Floating in Space und der Untergang durch Nibiru ist ein Spiel, wer daran glauben möchte das er den Untergang der Erde bringt, nun der kann gerne daran glauben. Der Sprechpart im Song, der wissenschaftlich daherkommt, ist eine gängige Theorie. Im Internet verbreitet sich diese Theorie sehr rasch und findet ihre Anhänger. Der Part den Anna singt ist natürlich sehr überzogen. 2012 soll also nach der Nibirutheorie das Jahr des Untergangs der Erde sein, “ erklärt Oliver Höhne.

Shiraya’s Dream entführt den Hörer in eine surrealistische Klangwelt, die nicht nur Avantgarde-Fans Orte zum Verweilen bietet. Mit ihrem nunmehr dritten Album „Venus Calls“ setzen beide ihren Stil fort und erweitern ihn sogar noch um neue Stilmittel wie etwa Cembalosamples die das Album eröffnen als Begleitung des Openers „Shiraya“. Anna Aliena weiß ihre faszinierende Opern Stimme exzellent zur Geltung zu bringen und den Hörer einzustimmen auf den Stil der Band selbst und die insgesamt 14 Stücke dieses Albums. Rhythmisch flotter und poppiger kommt „Run if you can“ daher, obwohl es textlich alles andere als fröhlich ist. Anna Aliena singt über verschwendete Jahre und Verluste bzw. zerbrochene Träume aber weckt auch die Kraft sich selbst wieder zu finden und an innere Stärken zu appellieren. Für die Tanzfläche gemacht zu sein scheint „Running Girl“ im Anschluss, bei dem man automatisch mit wippen muss oder gleich zu tanzen beginnt. Ungemein wandelbar setzt Anna Aliena ihre Stimme ein, mal ironisch, mal erotisch entsteht eine hochgradig spannende Mischung mit unverkennbarem Augenzwinkern. Kraftvoll geht es weiter mit „Tournament“ bei der Anna ihre Stimme teilweise in extreme Höhen zu schrauben weiß, dass es eine akustische Freude ist und bei mir den Höreindruck einer Hymne mit elektronischen Beats unterlegt erzeugte. Schon nach nur 4 Songs fällt auf, das Anna stimmlich zum Vorgänger noch einmal zugelegt hat, innerhalb von wenigen Sekunden die Stimmung nur durch Nuancen verändern kann. Mit schwebenden Klängen beginnt „On the Other Star“, das textlich die Sehnsucht anspricht, dass es anderswo besser sein könnte, auf einem anderen Planeten zum Beispiel. Dort ist bestimmt das Gras grüner und schmeckt die Milch besser als hier. Dieses Sehnsuchtsgefühl weiß Shirayas Dream hervorragend einzubetten und extrem tanzbar zu unterlegen. Bei „The Lady“ muss ich doch recht schmunzeln beim hören, denn instinktiv sehe ich Anna Aliena im roten Lackkleid die Peitsche schwingen und die Domina präsentieren. Es geht um Sünde und Versuchung, Dominanz und Unterwerfung, ohne aber ironische Textpassagen auszulassen. Wieder etwas ruhiger und balladesker erklingt „Jolene“ der achte Song des Albums, leicht und beschwingt vermischt Anna englischen mit französischem Text zu einer äußerst gelungenen Mischung. Mit dem nächsten Stück „Destiny“ wird mit Wucht und Inbrunst das Schicksal besungen und wurden dezent sphärische Klanglandschaften von Oliver Höhne darüber gelegt. Man hat zum Teil den Eindruck als sei weniger Arrangement mehr gewesen um Annas Stimme mehr Freiraum zu lassen und nicht unter Soundtüfteleien aus dem Laptop Oliver Höhnes zu ersticken. Dadurch tritt für mich die stimmliche Brillanz und Qualität der Stücke besonders hervor und demonstriert die Vielfältigkeit von Shirayas Dream. Annas Stimme ist das Potenzial das es auszuschöpfen gilt und ihre Texte das kreative Rückrad von Shirayas Dream. Der Titelsong des Albums ist erneut kraftvoll und für mich eine wunderschöne Ballade, opernhaft, ohne klassisch zu sein wird Pop mit Düsternis verbunden – wobei es Gothicpop nun auch nicht erschöpfend umschreiben würde. Bei düsteren Themen bleiben wir auch beim nächsten Stück, nämlich bei „Funeral“ indem Anna sich stimmlich mit jeder Strophe in noch mehr Höhen vor wagt und Schwermut in etwas Feierliches und Würdevolles verwandelt. Fast schon poppig erklingt „Lights go Out“ in deutscher und englischer Sprache ein gesungen und minimalistisch unterlegt. Auch hier singt Anna Aliena mit viel stimmlichem Pathos über den Verlust von Liebe und Zärtlichkeit und schließt bereits im vorletzten Stück den thematischen Bogen wieder, den sie mit „Run if you can“ begann. Es scheint als hat Anna ihre Inspirationen für die Texte aus Gefühlen wie emotionale Zugehörigkeit, Trennungen, Verlust von Zärtlichkeit und Liebe und damit verbundener Wut und dem Schmerz geschöpft – große Gefühle die sie mit ihrer ganzen stimmlichen Kraft umzusetzen weiß.

Im Grunde zu dieser neuerlichen CD hinzugehörig und doch eigenständig steht die EP „Kleiner Vogel Liebe“ die 5 Stücke umfasst in klassischer Untermalung. Das erste Stück „Sommertraum“ wird nur sanft von Klaviermusik begleitet, während Annas Stimme allein den poetischen Text zelebriert. Unweigerlich stell ich mir Kerzenleuchter vor dazu, draußen stürmt und gewittert es und drinnen vergnügt sich die Gesellschaft mit Kammermusik. Ich fühle mich sehr versetzt ins 19 Jahrhundert zurück in die Epoche der Romantik, denn viele der Stücke klingen wie Kunstlieder dieser Zeit, getragen von Schwermut (Sommertraum), idealisierter Liebe (Blutend im Schnee oder Kleiner Vogel Liebe) und Todessehnsucht (der rote Teufel). Insgesamt getragener und absolut nicht für die Tanzfläche konzipiert worden, erklingen 5 Stücke die mein Gothicherz unweigerlich höher schlagen lassen, da sich Romantik mit Schwermut textlich vereint haben und als Klangteppich exzellent und überzeugend von Anna Aliena verwoben werden.

Das Album „Venus Calls“ sowie die EP „Kleiner Vogel Liebe“ sind erhältlich über die Band selbst
Kontakt: www.myspace.com/shirayasdream (Maximilian Nitzschke)

Webadresse der Band: www.myspace.com/shirayasdream


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