BACK AGAIN: BÜCHER

FRANZ KAFKA - Die Verwandlung
FRANZ KAFKA - Der Verschollene
FRANZ KAFKA - Das Schloss
FRANZ KAFKA - Der Prozess

FRANK KAFKA – Der Prozess (Buch 1925/1998)

(Deutscher Taschebuch Verlag, ISBN 3-423-02644-8)

Der erste Satz in Kafka-Büchern ist meist schon recht wegweisend. Dieses Mal startet es mit folgendem: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“  Zuerst glaubt er daran, dass seine Arbeitskollegen ihm einen Streich gespielt hätten, doch nach und nach muss er erkennen, dass die Lage ernster ist, als er zunächst vermutete.  Er ist sich keiner Schuld bewusst, doch er bemerkt, dass das Gericht ihn nicht in Ruhe lassen wird und die Sache geklärt werden muss, doch das ist nicht einfach. Ein Rechtsanwalt soll ihm dabei helfen, doch der arbeitet nicht so, wie Josef K. es sich vorstellt und so beschließt er, seine Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen. Der Prozess verändert immer mehr sein Leben, sein hoher Posten in seiner Bank gerät in Gefahr und er beschließt, seine Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen. Er holt sich Hilfe von einigen obskuren Personen, doch niemals kommt er wirklich einen Schritt weiter, seine Unschuld kann er nicht beweisen, obwohl er sich immer noch keiner Schuld bewusst ist...

Das Buch ist zwar erst im Jahre 1925 erschienen, doch der Text selbst stammt aus der Zeit 1914 bis 1915. „DER PROZESS“ ist einer der wichtigsten und bekanntesten Bücher von Kafka und man wird, wie gewohnt, nicht richtig schlau aus allem. Es wird niemals erwähnt, weswegen Josef K. eigentlich angeklagt wurde und im Grunde ist das ja auch nicht wichtig. Wichtig ist viel mehr, wie Josef K. die ganze Sache irgendwann als gegeben hinnimmt.

Der Stil des Buches ist von Sachlichkeit geprägt, im Grunde fast emotionslos wird einem  als Leser die Sache präsentiert und die wahren Gefühle des Protagonisten bleiben dem Leser verborgen, wobei sie dem Protagonisten wahrscheinlich auch selbst verborgen bleiben, denn im Grunde wird die ganze Geschichte aus seiner Sicht erzählt und ist von unzähligen inneren Monologen gekennzeichnet, doch trotzdem bleibt der Abstand zwischen Josef K. und dem Leser.  So kann man sich wirklich schwerlich mit ihm identifizieren und das Buch liest man immer aus einer gewissen Distanz heraus, eine Distanz aber, die wohl gewollt ist und die auch zum Reiz des Buches beiträgt. Das Buch ist 1925 von einem Freund Kafkas aus Versatzstücken und einer eigenen, für sich allein stehenden Geschichte „zusammengeschustert“ worden, doch das ist nur ein weiterer Reiz des Buches, fast schon ein ungewolltes Stilmittel. Ich möchte hier jetzt gar nicht irgendwelche Deutungen dem geneigten Leser präsentieren, es wäre wahrscheinlich eh falsch oder unvollständig oder, was wahrscheinlicher ist, nur eine von vielen. Jeder sollte sich selbst seine Gedanken machen und „DER PROZESS“ schafft es, dass man das auch tut. Es ist unmöglich, das Buch einfach nur zu lesen und dann wegzulegen. So viele Details bieten so viele Möglichkeiten einer Interpretation. Ein anonymes Gericht, das nach einem unbekannten Gesetz richtet, die ungewöhnlichen Umstände seiner Verhaftung, ein Gericht, das auf stickigen Dachböden seine Büros hat, Rechtsanwälte, die sinnlose Arbeit tun und Bemühungen, die immer ins Leere zielen, denn die Richter lassen sich prinzipiell nicht beeinflussen, auch wenn manch einer dies behaupten mag. Ich hätte keine Mühen, noch seitenweise über das Buch zu schreiben und auf Details einzugehen und so möchte ich abschließend nur eines sagen: „DER PROZESS“ ist einer der zehn Romane, die man in seinem Leben gelesen haben sollte, egal, welcher Stilrichtung man sonst beim Lesen frönt. (Haiko Herden)


FRANZ KAFKA – Der Verschollene (Buch 1994)

(Fischer Taschenbuch, ISBN 3596124425)

Der siebzehnjährige Karl Rossmann hatte in Europa ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen und wird deshalb von seinen Eltern in die neue Heimat – Amerika – geschickt. Durch Zufall gerät er in die Obhut seines wohlhabenden Onkels, doch als er dessen Unmut erregt, verstößt dieser ihn und so gerät Karl an die Herumtreiber Robinson und Delmarche, die ihn nach Strich und Faden ausnutzen. Bald darauf kann er einen Job als Liftboy in einem Hotel ergattern, doch obwohl er sich alle Mühe gibt, wird er aufgrund einiger Unregelmäßigkeiten herausgeworfen und kommt sogar mit der Polizei in Konflikt. Delmarche und Robinson tauchen wieder auf und Karl wird dadurch der Diener der herrischen Brundelda….

Franz Kafka, der niemals in Amerika war, hat diesen Roman geschrieben, der seiner eigenen Aussage nach „ins Unendliche ausgelegt ist“. Das ist dann sicherlich auch der Grund, warum Kafka diesen Roman auch niemals vollendet hat, das ist dann im Grunde nur konsequent und stört das Gesamtbild eigentlich auch überhaupt nicht. Das Bild Amerikas kennt der Autor nur aus Erzählungen und und Romanen und ist somit nicht gerade realistisch, aber realistische Romane waren noch nie Kafkas Stärke bzw. seine Romane lebten gerade durch seine erstaunlichen Ansichten. Kafka beschreibt die Geschichte von Karl, der trotz größter und ernstester Vorsätze es nicht schafft, sich in die Gesellschaft einzuordnen. Das Leben in Amerika ist von Disziplin und Ordnung geprägt, Ausnahmen gibt es keine und werden sofort bestraft. Charakterisierend für Kafkas Werke ist die blinde Anerkennung von Autorität und im Grunde das Fehlen jeglicher Emotionen. Man lebt nur für die Arbeit und für den Kampf um die soziale Anerkennung.  Und dieser Kampf geht vollkommen auf Kosten der Individualität, Karl entfremdet sich immer mehr sich selbst. Wie immer gibt Kafka sehr detaillierte Beschreibungen zum Besten, jede Kleinigkeit wird in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt und bis in die unangenehmsten Kleinigkeiten aufgebröselt. „DER VERSCHOLLENE“ ist für mich allerdings nicht das beste Buch des genialen Schriftstellers. Ich würde immer noch „DIE VERWANDLUNG“ und „DER PROZESS“ als die ganz großen Meisterwerke ansehen. (H.H.)


FRANZ KAFKA - Das Schloss (Buch 1922/1994)

(Fischer Tb, ISBN 3596124441)

Der Landvermesser Josef K. kommt in ein Dorf, weil er dorthin bestellt wurde. Weil er sehr spät ankommt, übernachtet er im Brückengasthoft und wird gleich nach seinem Einschlafen wieder geweckt vom Sohn des Kastellans. Dieser will wissen, wer er sei und wer ihn hierherbestellt habe. Als K. erklärt, wer er ist, überpräft der Mann dies mit einem Telefongespräch mit dem nahe gelegenen Schloss und überpräft die Aussage. Am nächsten Morgen bringt der Bote Barnabas einen Brief des Beamten Klamms, dass K. als Landvermesser bestätigt sei und man teilt ihm die Gehilfen Artur und Jeremias zu. Im Herrenhof lernt K. dann das Ausschankmädchen Frieda kennen und beginnt mit ihr eine Affäre, obwohl sie eigentlich die Geliebe Klamms ist. K. hat trotz allem keine Arbeit und versucht an Klamm heran zu kommen, um näheres zu erfahren. Von anderer Stelle hört er, dass seine Berufung auf einen behördlichen Fehler beruht, der vor einigen Jahren geschehen ist, der aber nicht behoben werden konnte. Obwohl K. noch nicht einen Landvermessungshandschlag getan hat, bekommt er von Klamm einen Brief, dass dieser mit seiner Arbeit zufrieden sei. Um Geld zu verdienen und ein Dach über dem Kopf zu haben, nimmt K. dann den Job eines Schuldieners an und verjagt die aufdringlichen Gehilfen, womit er Frieda, die ihren Job als Ausschankmädchen für ihn aufgegeben hat, sehr verdrießt…

Die Geschichte ist nicht einfach in Worte zu fassen.  „DAS SCHLOSS“ ist ein Roman des Existenzialisten Franz Kafka und zeigt, wie gefangen der Protagonist K. in seinem Inneren ist und sich den Äußeren Gegebenheiten ohne große Vorbehalte anpasst. Die Behörde, die Beamten, das Schloss an sich bleiben so unantastbar, so abstrakt, aber sie scheinen trotzdem so mächtig zu sein, auch wenn man nicht weiß, wie diese Macht ausgeübt wird. Man fügt sich dieser oder ist automatisch ein Ausgestossener. Jedermann im Dorf hat sich den Gesetzen hingegeben und beachtet sie, nichts wird hinterfragt. Die Beamten (und nicht einmal die niedersten Beamten kann K. erreichen) haben so viel zu tun, so dass man das Gefühl hat, es muss etwas vollkommen bedeutendes sein, doch niemals erfährt man, was dieses sein könnte, nicht einmal ansatzweise. Für manchen Leser kann dies ungeheuer nervenaufreibend sein, Dinge, die unklar sind und niemals aufgeklärt werden. Für manche, wie mich, ist das ein echter Reiz. Ein bisschen schade ist aber, dass Kafka den Roman niemals beendet hat und die Geschichte mitten im Satz endet. Nach Kafkas Tod hat dessen enger Freund die Kapitel in eine logische Reihenfolge gebracht, obwohl Kafka testamentarisch verfügt hat, dass alles verbrannt werden solle.

Was soll man sagen? Eigentlich nicht viel. Man sollte es selbst gelesen haben, obwohl ich schon andere Bücher wie „DER PROZESS“ oder „DIE VERWANDLUNG“ zum Kafka-Einstieg eher empfehlen würde. „DAS SCHLOSS“ ist definitiv kein leichter Stoff. (Haiko Herden)


FRANK KAFKA – Die Verwandlung (Buch 1916/1997)

(dtv ISBN 9783423026291)

Der Handlungsreisende Gregor Samsa wacht eines Tages in seinem Zimmer auf und ist ein großer Käfer. So unglaublich das klingt, so wenig ernst nimmt Gregor das. Am Anfang glaubt er noch, dass er vielleicht träume, doch nach und nach muss er erkennen, dass dem nicht so ist. Er schämt sich für sein Aussehen, weil er so hässlich ist und lässt niemanden in sein Zimmer kommen, weder seine kleine Schwester, noch seine Eltern, bei denen er immer noch wohnt. Schon steht der Prokurist der Firma in der Wohnung und verlangt von Gregor zu erfahren, warum er denn der Arbeit fern bliebe. Hinter der verschlossenen Tür versucht Gregor zu erklären, dass er sich nicht wohl fühle. Als der Prokurist weg ist, erfährt seine Familie, was mit ihm geschehen ist. Nur seine Schwester traut sich in sein Zimmer rein, doch sie sieht ihn nicht an und spricht auch nicht mit ihm. Die Eltern lassen ihn in seinem Zimmer wohnen…

Mehr sage ich nicht zu dieser todtraurigen Geschichte. Ich liebe Regisseure wie David Lynch oder David Cronenberg, deren Werke immer als kafkaesk bezeichnet werden und so musste ich endlich mal klären, was genau dieser Begriff denn bedeutet. Gregor Samsa ist ein Mann, der sein Leben hasst. Der Beruf ist ihm ein Greuel, einzig und allein wegen des Geldes macht er es, um die Wohnung für seine Eltern und seine Schwester zu zahlen, da der Vater eine geschäftliche Pleite erleben musste. Immer noch lebt er bei Vater und Mutter, hat sich selbst aufgegeben und seine Träume begraben. Dieser Unmut schafft sich nun Gestalt in Form eines hässlichen Käfers, was physikalisch und biologisch hier überhaupt nicht erklärt wird, was aber auch überhaupt nichts zur Sache tut. Gregor Samsa, ein Opfer seiner selbst, hässlich für sich selbst und die, die ihn lieben, aber die ihn auch ausgebeutet haben. Und nun, da er ihre Hilfe braucht, zieht sie sich zurück. Sein innerer Protest, seine Frustration, die sich nach Aussen gekehrt hat, bleibt aber ungehört, niemand will mehr etwas mit ihm zu tun haben, einzig die Schwester, doch die sieht Ihr Vorwagen in Gregors Zimmer offenbar eher als Emanzipation von ihren Eltern. So verpufft das Aufmucken Gregors im Nichts.

Geschrieben ist das Buch mit sehr klaren Worten und merkwürdig distanziert. Gregor Samsas Gedanken müssten sich überschlagen vor Emotionen, doch er sieht sich selbst aus der Ferne und verbietet sich ausschweifende Gefühle – genauso, wie er es sein ganzes Leben getan hat. Und in den Augenblicken, wo er sich seinen Gefühlen hingibt, man denke an die Szene, in der er einmal sein Zimmer verlässt, weil er sich freut, wird er von der eigenen Familie in seine Schranken verwiesen, die Angst vor ihm bekommt. Gefühle zeigen ist ungesund, das war ihm schon immer klar.

Ich kann hier jetzt keine Abhandlung schreiben, das würde den Rahmen dieser kleinen Kritik sprengn, vielmehr würde ich ein wenig Sekundärliteratur empfehlen, die sich mit dem Leben Kafkas, dem Verhältnis zu seiner Familie (insbesondere zu seinem Vater), seinem Leben und dem Existenzialismus im Allgemeinen beschäftigt. Kafkas Buch, dass im Jahre 1916 veröffentlicht wurde, hat die Literaturwelt entsetzt, seine grotesken Ideen haben provoziert. Er hat es geschafft, der Schuld des Menschen, seinem Gefangensein im Körper und in seinem Dasein, eine Gestalt zu geben. Und dadurch konnte er vielerlei Denken in aller Welt verändern. (Haiko Herden)

 

KONTAKT ZU DEN AUTOREN: (A.P.) = Alexander Pohle   (H.H.) = Haiko Herden